Berlin ABC

Biesdorf-Süd

Seen, die direkt an S- oder U-Bahnhaltestellen liegen, sind derzeit natürlich eine ziemlich grandiose Angelegenheit. Einer davon, der Biesdorfer Baggersee, liegt wirklich nur 150 oder maximal 200 Meter von der U-Bahn-Haltestelle Biesdorf-Süd entfernt. Und wenn man an einem Sonntag wie diesem, an dem die Temperatur auf bis zu 38 Grad in Berlin steigen soll, einen Ausflug an eine Haltestelle machen möchte, dann am besten an eine mit angeschlossener Kühlung. Als wir kurz vor halb zehn dort ankamen, da waren schon einige Familien und vereinzelte Rentner am See, den das Neue Deutschland liebevoll den „Hartz-IV-See“ nennt. Gelöcherte Plastikschuhe stehen im Sand, Schwimmflügel werden angelegt, Kinderbäuche platschen ins Wasser. Wir ergattern einen der wenigen verfügbaren Schattenplätze und breiten unsere Picknickdecke aus. Dann wird nicht lange gefackelt: Ausgezogen (die Badesachen hatten wir schon drunter) und ab ins Wasser. Halb zehn waren immerhin schon 28 Grad im Schatten.

 

Der See ist wie die Baggerseen aus der Kindheit. Irgendwie ein bisschen klein, aber ganz ordentlich tief – man kann schon nach wenigen Metern nicht mehr im Wasser stehen und man muss nur ein bisschen rausschwimmen, um die Kälte von unten aufsteigen zu spüren. Die Eltern der hier badenden Kinder haben blondierte Haare, sind viel tätowiert und gepierct, einige sind übergewichtig, es gibt auffallend viele pinke Badeanzüge an erwachsenen Frauen. Ein tätowierter und gepiercter Vater auf der Decke neben uns herrscht seinen Sohn beim Sonnencreme auftragen an, er solle gefälligst „stehen wie ein Mann“.

Wir hopsen ins Wasser, schwimmen herum, bespritzen uns, mein Sohn schwimmt weiter raus, kommt zurück. Herrlich. So soll es ja sein. Die Kinder, Töchterchen hat Seepferdchen, Sohn hat das Bronze-Abzeichen, sind in den letzten Wochen und Monaten zu richtigen Wasserratten geworden und nach unserem Ausflug befinden sie einstimmig, dass es ein sehr schöner See sei, dass sie viel Spaß gehabt hätten und als ich vorschlug, dass wir uns demnächst auch noch einen anderen See anschauen könnten, da glauben sie irgendwie gar nicht, dass es noch einen schöneren geben kann. Nach ausgiebigem Bewegen im Wasser essen wir kurz eine mitgebrachte Kleinigkeit, dann werden die Schaufeln gezückt und Schlickburgen am Ufer errichtet. Vorbeiwackelnde Kleinkinder ruinieren immer wieder die mit mühevoller Arbeit errichteten Paläste. Irgendwann sind die Kinder genervt.

 

Also wieder ab ins Wasser und etwas ungeplant durchschwimmen wir den See einmal, um zum Strand auf der anderen Seite zu schwimmen. Mein Sohn schwimmt sogar wieder zurück. Das waren bestimmt 400 oder 500 Meter pro Weg! Die Kinder lieben diesen See. Aber ich fühle mich langsam unwohler, denn um elf Uhr beginnt es ungemütlich voll zu werden. Immer mehr Menschen strömen herbei. Sie kommen aus allen Löchern gekrochen scheint es, die Sonne ist gewandert, die Schattenplätze dezimieren sich.

Töchterchen muss pullern. Am Rande des Geländes steht eine öffentliche Toilette. Sie geht aber nur auf, wenn man 50 Cent hineinwirft. Habe ich nicht – ich habe nur zwei Euro und das nimmt der Einwurf nicht an (nur 5, 10, 20 und 50-Cent-Stücke; also sollten Sie dort hin wollen, nehmen Sie sich entsprechend was mit, denn bei so einem kleinen See ist es eventuell doch etwas fies, wenn alle reinpullern). Wir nutzen den neben dem Klo befindlichen Holzzaun als Donnerbalken.

 

Noch vor zwölf Uhr haben wir alle Sachen wieder eingepackt und sind auf dem Weg zurück ins dampfende Friedrichshain. Die Kinder: Glücklich. Ich: Erfrischt. Zum Glück waren wir so früh da – so hatte ich mir das ohnehin gedacht. Vermutlich sind jetzt wo ich diese Zeilen tippe, also Viertel nach drei, Zustände wie im Prinzenbad zu erwarten.

Was ich erst hinterher las – und ich weiß nicht, ob es meine Badelaune beeinflusst hätte, wenn ich es vorher gewusst hätte: offiziell ist der Biesdorfer Baggersee seit 2004 kein Badesee mehr. Im tagesspiegel vom 23.05.2004 stand sogar, dass es bei einem Bußgeld verboten sei, in diesem See zu baden! Wegen der Messwerte! Der See ist seither ein Politikum, nicht nur wegen der Hartzer. Es steht die Frage im Raum, wer sich zu kümmern hätte, wenn er ein offizieller Badesee wäre – als welcher er ja faktisch genutzt wird. Solange er offiziell keiner sein soll, gibt es keine Überprüfung der Wasserqualität, keine Rettungsschwimmer und keine Bewirtschaftung.

 

Eigentlich ist das ja ganz cool, weil sehr undeutsch. Andererseits schicke ich jetzt meine Kinder mal lieber schnell unter die Dusche, wer weiß, was die sonst hier einschleppen.