Berlin ABC

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Wir fahren durch die Hauptstadt

Eichkamp (Messe Süd)

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Es gibt so Bahnhöfe, mit denen niemand, den ich kenne, jemals etwas anderes hätte anfangen können, als sich darüber zu wundern, dass es sie gibt.

Eichkamp_Bahnsteig

Wobei das auch nicht ganz stimmt, denn ich kenne ein paar Leute, die den Eichkamp benutzen, um Parkgebühren zu sparen, wenn sie, wie ich, doof und geizig genug sind, mit dem PKW zur Messe Berlin zu fahren. Der Bahnhof ist nämlich nach einer putzigen Siedlung benannt, die sich ganz hervorragend dazu eignet, von Leuten wie mir bewohnt zu werden, die gerne stadtnah, aber ruhig wohnen wollen, oder um von rücksichtslosen Automobilbenutzern, wie ich einer war, zugeparkt zu werden.

Eichkamp_Messeingang

Die Siedlung Eichkamp liegt südlich des Messegeländes, weswegen der Bahnhof vor gut einem Jahrzehnt umbenannt wurde in „Messe Süd (Eichkamp)„, denn die Stadt Berlin scheint Messebesucher, die mit der Bahn kommen, für noch doofer zu halten als ich Besucher die mit dem Auto kommen, so dass man ihnen lieber unmissverständlich sagt, wo die Messe ist.

Eichkamp_Rück_02

Der Bahnhof liegt an einer Strecke, die auf den lustigen Namen „Spandauer Vorortbahn“ hört, was auch irgendwie wieder zu der latenten Provinzialität dieser einzigen Großstadt passt, die wir in der Republik haben, und diese gleichzeitig anziehend und abschreckend wirken lässt. Noch lustiger finde ich, dass der Bahnhof unter Denkmalschutz steht und aussieht, als würde er vor sich hinverwahrlosen. Vom kleinen Vorplatz ganz zu schweigen. Zumindest auf der Eichkamp-Seite. Auf der Messe-Seite sieht er eher gar nicht aus. Das muss man auch erstmal hinkriegen.

Eichkamp_Fronteingang

Nicht mehr ganz im Eichkamp, aber gleich um die Ecke des Bahnhofs steht die, selbstverständlich baufällige (nicht vergessen: wir sind in Berlin und brauchen alles Geld für scheiternde Denkmalsbauten viertklassiger Provinzpolitiker und deren Kumpels aus der Immobilienbranche), Tribüne der ersten Straße Deutschlands, die ausschließlich dem Autoverkehr gewidmet war und auf der die beste Band der Welt, die Ärzte aus Berlin, die in Hamburg wohnen, weil sie es sich leisten können, einmal illegalerweise das Publikum für ein illegales Konzert versammelt haben, das sie auf der Ladefläche eines LKW gespielt haben, den sie spontan auf der rechten Spur der AVUS geparkt hatten, bis die Polizei ihrer gewahr wurde und eine beherzte Flucht dem ordnungswidrigen Treiben ein Ende setzte.

Eichkamp_AVUS_Tribüne_Front

Jedenfalls ist das die Legende, die wir uns seit 30 Jahren erzählen, die nämlich eine Szene aus einem unfassbar schlechten Film, namens „Richy Guitar“ beschreibt, in dem die Ärzte, insbesondere Farin Urlaub, so dramatisch mies mitgespielt hatten, dass sie sich angeblich heute immer noch so sehr dafür schämen, dass sie ihre Wohnungen an der Außenalster nur inkognito, meist verkleidet als die toten Hosen, verlassen. Bitte lassen Sie mich in diesem Glauben! Wenigstens in dessen erstem Teil.

Eichkamp_Kronprinzessin_03

Was ich aber eigentlich erzählen wollte, ist dass der Eichkamp der Anfangs- oder Endpunkt – je nachdem, woher man kommt – einer der schönsten Fahrradstrecken ist, die ich im Berliner Stadtgebiet kenne, dem Kronprinzessinnenweg. Der führt auf einer Länge von gut zehn Kilometern durch den Grunewald bis zum S-Bahnhof Wannsee und ist schön bewaldet und so gut asphaltiert, dass er sich sogar hervorragend für diese Skater eignet, die immer viel zu viel Platz einnehmen, von dem hier allerdings ausnahmsweise mal genug für alle vorhanden ist. Einzig die wenige Meter parallel laufende, laute AVUS ist in der Lage, den Genuss ein wenig zu trüben, aber wir befinden uns schließlich in der Stadt und wer Ruhe will, kann ja in den Eichkamp ziehen.

Eichkamp_Kronprinzessin_01

Biegt man rechtzeitig vor Wannsee nach rechts ab, gelangt man auf die Havelchaussee Richtung Spandau, was auch eine schöne Strecke ist, die ungefähr am Olympiastadion endet, aber auch von Kraftfahrzeugen befahren wird, was für Radler ja leider immer etwas unangenehm ist, weil Autofahren zu Rücksichtslosigkeit führt. Wem das zu viel ist, der fährt ein paar Meter weiter und dann rechts Richtung Schwanenwerder vorbei am Strandbad Wannsee. Da ist es auch hübsch und das Strandbad hat angeblich auch ein neues Restaurant. So oft, wie das schon angekündigt wurde, glaube ich das aber erst, wenn ich es mit eigenen Augen gesehen habe!

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3 Lesermeinungen

  1. Titel eingeben
    Latente Provinzialität? An dem Bahnhof hängt immer noch ein Werbeplakat, dass Berlin die Olympischen Spiele will! 😀

  2. und nun bitte auch noch
    ein besuch beim s-bahnhof westkreuz inkl. ausflug auf ein stück autobahn, daß nur zum skaten und chillen „genutzt“ wird + dessen asphalt prima blasen wirft, ins icc-parkhaus mit blick über die stadt, zwischendurch ne wurst essen im avus-turm, bevor man über die alte cordesstraße richtung osten (also weg vom eichkamp) tief in die geschichtlichen abgründe dieser stadt schauen kann (wenn man fantasie und die wikipedia aufm smartfon dabei hat). berlin ist gut für archäologie des eben vergangenen oder nie gewesenen, diese ecke mit das beste – nix wie hin!

  3. Sieht man auch nicht
    Sieht man auch nicht alle Tage: Ein Berliner Schild, das pädagogisiert und plenkt.

    Ich finde es sehr schön, wenn Sie den Charakter des Bahnhofs so eingehend und einfühlsam beschreiben.

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