Berlin ABC

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Wir fahren durch die Hauptstadt

Friedrichshagen, du kannst nichts dafür!

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Wenn man schon so hinüber an einer Station ankommt, so angefressen, so fertig mit der Welt, dann kann das alles kein gutes Ende nehmen! Ich wollte eigentlich nach Rahnsdorf. Dort habe ich nämlich vor über 11 Jahren eine Torte besorgt, aber das muss ich eben ein anderes Mal erzählen. Denn nach Rahnsdorf bin ich gar nicht erst gekommen, die S3 hielt in Friedrichshagen und eine Durchsage machte klar, dass dies die Endstation sein würde.

Na super! Nüscht mit Torten! Aber passt ja. Passt zu der Fahrt, auf der ein Kontrolleur mich ohne Ticket antraf. Das kann passieren. Mein Ticket war schon vor meinem Urlaub nicht mehr auffindbar gewesen und das hatte ich im Laufe des Urlaubs gut verdrängt. So saß ich nichts ahnend in der Bahn und als der Kontrolleur kam, kramte und suchte ich und dabei wurde ich von Sekunde zu Sekunde röter und röter. Zu meinem Glück war dieser Kontrolleur ein echt netter Kerl. Er machte kein großes Aufhebens, sondern er nickte freundlich und erklärte mir, dass ich ab dem nächsten Morgen sieben Tage Zeit hätte, um am Ostbahnhof das fehlende Ticket nachzuzeigen, für eine vergleichsweise zumutbare Bearbeitungsgebühr von sieben Euro. Er lächelte mich sogar an! Liebe S-Bahn, liebe BVG – dieser Mann, der ist bestimmt, aber freundlich und so hätte ich bittegerne ALLE meine Kontrolleure. Nicht so ein Arsch, wie er einige Zeit auf der Ringbahn um Süden unterwegs war.

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Da nämlich war es so: Als wir im April vom Bratwurstwettbewerb in der Domäne Dahlem zu dritt nach Hause fuhren, da konnte die Beste bis zur Heimatstation des Herrn Klein auf dessen Umweltticket mitfahren. Ab da jedoch nicht mehr. Wir hätten dann aussteigen und ihr ein Ticket ziehen müssen – und zehn Minuten auf die nächste Bahn warten. Aber dazu waren wir zu faul. Ich zückte mein Smartphone und sagte: Hiermit geht das ja auch! Bloß: Ehe ich da alles eingetippt und das Ticket geordert hatte, stand ER schon neben uns und blaffte uns an. „Den Fahrausweis mal zeigen!“ – „ja, einen kleinen Moment“, sagte ich und starrte auf mein Smartphone in der Hoffnung, dass ein Wunder geschehe. „Nee, nee! – So geht das nicht! Das können Sie jetzt nicht erst kaufen! Sie sind ohne gültiges Ticket eingestiegen!“ blaffte er weiter. „Ausweis!“ orderte er dann an. „Meine Freundin ist nicht ohne gültiges Ticket eingestiegen…“ erwiderte ich. „Sie ist auf dem Umweltticket…“, weiter komme ich gar nicht. In meiner Hand war ja kein Umweltticket, also glaubte er, mir über den Mund fahren zu können. Da meldete sich eine Frau von weiter hinten. „Da“, sagte sie und zeigte ihr Umweltticket, „sie fährt bei mir mit.“ – „Nee, nee, nee! – so geht das nicht! Da kann ja jeder kommen! Ausweis!“ motzte er und meine Freundin zückte ebendiesen. Das war, mit Verlaub, ein Arschloch und ich kenne mehrere Leute, die an den geraten sind. Der findet das halt super, andere wie Dreck zu behandeln.

Fiona Krakenbürger hat einen noch krasseren Vorfall mit einem Kontrolleur der BVG festgehalten. Ob das der selbe war?

Das Beste an meiner Fahrt war wirklich der Kontrolleur. Ich war so dankbar, dass er ein Guter war. Dafür betrat nun der Sunnyboy die Bühne. Er war braun gebrannt, hatte einen Bart wie David Foster Wallace und auch sonst ein bisschen Ähnlichkeit mit dem, nur etwas pummeliger und seine Cargohosenbekleideten Beine endeten in Füßen, die in Outdoorsandalen steckten. Und er kam herbei und bedauerte mein Erwischtwordensein mit den Worten: „Ooooooch – ausgerechnet sowas Hübsches!“

Ähem.

Ich wünschte dem Kontrolleur noch einen schönen Tag und dann versank ich wieder in meinem Buch (Loel Zwecker, „Was bisher geschah. Eine kleine Weltgeschichte“ – ein sehr schönes Buch). Es vergingen einige Minuten, bis sich neben mir ein Räuspern hören ließ. Da stand der Sunnyboy. Er muss da schon ne Weile gestanden haben und er hat mich vermutlich die ganze Zeit angeschaut und beobachtet. Das fühlte sich schonmal etwas bizarr an. Aber dann fragte er: „Suchst du vielleicht eine Beziehung?“ Nach einer kurzen Sekunde der Irritation holte ich das ernsteste und klarste „Nein. Punkt.“ direkt aus meinem Bauch heraus, das ich finden konnte und steckte die Nase demonstrativ wieder in das Buch. Ohne wirklich noch zu lesen. Denn er blieb da stehen. „Schade.“ kam noch. Dann eine eisige Stille. Und plötzlich: „Endstation Friedrichshagen“ – ich war beinahe froh und rannte fast schon zur Tür raus.

So’n Hals hatte ich, als ich in Friedrichshagen ankam! Ich wollte hier gar nicht hin! Ich wurde ohne Ticket erwischt! Und dann noch der plumpe Sunnyboy! Ruhig, ganz ruhig, sagte ich mir selbst. Lass Friedrichshagen nicht zum Ventil für deine miese Laune werden – schau doch mal, was hier für eine nette Tram fährt!

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Ja. Nette Tram. Ich würde mich ja glatt reinsetzen und eine Runde mitfahren, aber da fällt mir wieder ein, dass ich kein Ticket habe und da sie gleich losfährt, schaffe ich es auch nicht mehr, mir mit der BVG-App eins zu klicken. Und nie wieder werde ich ohne den Vorgang abgeschlossen zu haben in ein öffentliches Verkehrsmittel steigen! Außerdem habe ich ein bisschen Hunger. Da trifft es sich gut, dass direkt um die Ecke ein „Bäcker“ seinen Laden hat. Den betrete ich in der Hoffnung, dass draußen im schönen Friedrichshagen, dem ich ganz viele Chancen geben muss, weil sonst wäre es unfair, die Bäcker noch andere Teilchen anzubieten haben, als 99 Prozent aller Innenstadtbäcker. Am vergangenen Samstag hat meine Freundin Swinka auf dem Zwischenraum-Festival aufgelegt, so dass ich seit sehr langer Zeit wieder einmal frühmorgens im grade erwachenden Friedrichshain nach Hause radelte. Und auf dem Weg von der Storkower Straße zurück zum Hof kam ich an vier verschiedenen Stellen vorbei, die alle exakt gleich rochen: Nach dem Aufbacken von Apfeltaschen, Pekantaschen und Schokobrötchen, Plundern und Spritzkuchen. Das war erstaunlich: Dass die Gleichschaltung der Berliner „Teigbatzenaufwärmer“ – wie Holger sie nennt – sogar an einem Samstagmorgen mit der Nase nachvollzogen werden konnte. Leider konnte ich in Friedrichshagen keine Abweichung von der Batzenuniformität finden.

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Es tut mir leid, aber ich bin nicht in der Lage, in Friedrichshagen irgendetwas zu finden, das mich begeistert. Aber immerhin belustigen kann ich mich hier. Zum Beispiel hat man wohl einen passenden Namen für die hiesige Premiere-Sportsbar gesucht. Einer muss dann mit der genialen Idee „Zur Stammkneipe“ um die Ecke gekommen sein. Dessen Frau hat bestimmt auch immer so ein pastellfarbenes T-Shirt aus dem „INDEED – Modern Woman“ an, auf dem ein Glitzerpailletten-Teddybär zu sehen ist. Er hat sich bei „Perücke und Toupet“ was für die Glatze anfertigen lassen, aber das verrutscht immer ein bisschen, wenn ihm mal wieder vor lauter Biertrinken und Gröhlen die Schweißperlen auf der Stirn stehen.

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Nein, halt und stopp – ich darf nichts Böses sagen! Friedrichshagen kann doch nichts dafür! Das sind alles nette Leute, die sich im Kino Union auch kulturell weiterbilden. Man interessiert sich hier für andere Länder und Sitten genauso wie für Klassiker der Tanzfilmbranche. Arrrrgl – raufe ich mir die Haare – ich muss hier weg, das wird nichts mehr mit uns, Friedrichshagen!

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Es ist eigentlich ganz schön dort. Zumindest wenn man es vom Müggelsee aus betrachtet, was ich wärmstens empfehlen kann. Auch wenn ich es heute nicht mehr hinbekomme, über Friedrichshagen etwas Nettes zu sagen: Ein Ort, ein Bahnhof, der nur wenige Tramstationen vom Müggelsee entfernt liegt, kann nicht schlecht sein! Ich muss das nächste Mal mein nur Ticket mitnehmen, dann geht’s mit der Hübschen zum Baden.

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12 Lesermeinungen

  1. Titel eingeben
    Friedrichshagen lebt tatsächlich etwas von der Stimmung, mit der man da ankommt. Ging mir bislang auch so. Und seit ich „Hai-Alarm am Müggelsee“ – die filmische Hymne von Leander Haußmann und Sven Regener auf Friedrichshagen kenne – huscht mindestens ein kleines Lächeln über die Lippen, wenn ich dort aussteige oder durchfahre.

  2. Titel eingeben
    „Und nie wieder werde ich ohne den Vorgang abgeschlossen zu haben in ein öffentliches Verkehrsmittel steigen!“

    Im Sinne des beabsichtigten Arguments ist es womöglich kontraproduktiv, der gewählten Methode des blaffenden Kontrolleurs hier einen solch durchschlagenden Erfolg zu bescheinigen. 😉

    • ja, du hast natürlich Recht, lieber Andi. aber ich bin wirklich eingeschüchtert davon. das war so frustrierend!

  3. Umweltticket
    Ich hatte mal 14 Tage leihweise ein Umweltticket.
    genau ZWEI MAL habe ich es benutzt.
    Ich erlebte samstags diese Kontrollfreaks, als ich eine
    fahrscheinlose (fremde) junge Frau mitfahren lassen wollte.
    (was doch erlaubt ist!???*)
    Er pöbelte er mich an, ich sei auch eine Betrügerin.
    Alle schwiegen und glotzen auf ihr Handy.

    *Die VBB-Umweltkarte ist übertragbar und für jedermann erhältlich. Zusätzlich können Sie immer montags bis freitags von 20 Uhr bis 3 Uhr des Folgetages sowie samstags, sonntags, am 24. und 31. Dezember sowie feiertags ganztägig einen Erwachsenen und bis zu drei Kinder (6 bis einschließlich 14 Jahre) kostenlos mitnehmen.

    Rechnerisch würden sich die „Ticketlosen“ mit den Umweltkartenbesitzern ergänzen. Geht es um Neid?

    Ich fahr auch deshalb mit dem Rad.
    Lieber strampel ich, bis mir die Zunge raushängt.
    Hin zum Strandbad am Müggelssee –
    wunderwunderschön dieser Minimalismus.
    Unbedingt sollte man – wenn man schon mal dort ist –
    auc

    • ich fand das voll toll von der Frau und appeliere an alle Umweltkartenbesitzer_innen, so warmerzig zu reagieren. seid gut zueinander 🙂

  4. Eine Lanze für Friedrichshagen
    Friedrichshagen ist toll, denn es bietet, anders als andere „Bezirkszentren“, nicht nur die ausbeuterischen KIK-MäcGeiz-ALDI Infrastruktur, sondern besonders viele Kleinbetrieb-local-hero Lädchen und Athmosphäre. Man muss dafür allerdings noch 2-4 Minuten die Bölschestraße runterlaufen, auf der man auch, nicht weit vom Bahnhof entfernt, mindestens zwei Bäcker finde, die nicht nur Teigbatzen aufwärmen, sondern tatsächlich selbst backen. Die Dresdener Feinbäckerei macht z.B. super Vollkornbrötchen und ein sehr sehr gutes Vollkornbrot.

    Für mich war vor 5 Jahren das Köpenick „da hinten“ auch ein weißer Fleck auf meiner Berlinkarte und gehörte zu Nazi-Deutschland, aber seitdem ich dort wohne (noch etwas weiter draußen allerdings – Wilhemshagen), mag ich es sehr und freue mich jeden verdammten Tag, dass mein Auto ein „B“ auf dem Nummernschild stehen hat, aber ich auf dem ruhigsten Fleck der Erde wohne.

    Ich gebe auch gern mal eine Führung mit Fotokurs.. 😉

  5. deshalb
    erstmal Ausweis zeigen lassen, Foto vergleichen, Nummer einprägen – da weiß man wer in Zukunft eher selbst wieder stempeln geht.

  6. Immerhin...
    spielt da die Band Huas – so ne ganz kulturelle Wüste kanns denn doch nicht sein …

  7. Fahrkarten von richtigen Menschen
    In die „nette Tram“, also die Straßenbahn nach Rüdersdorf, kann man einfach einsteigen und sich beim Fahrer einen Fahrschein kaufen, ganz ohne App, sondern bei einem lebendigen Menschen.

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