Berlin ABC

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Wir fahren durch die Hauptstadt

Erfinderbahnhof Weberwiese

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Sehen wir einmal von seinen maroden Schulen ab, so überkommt Berlin manchmal ein kleiner Rappel, seinen Bildungsauftrag an der Bevölkerung doch nicht ganz zu vernachlässigen. Und dann entsteht so etwas, wie der Erfinderbahnhof Weberwiese, wo derzeit auf großen Tafeln den Wartenden Informationen über jene gegeben werden, die einmal Großes geleistet haben für die Stadt: Sie haben knorke Erfindungen geboren. Eine Handvoll möchte ich kurz vorstellen.

Weberwiese

Als Erster fällt mir der Erfinder der Berliner Weisse ins Auge: „Cord Broihan, 16. Jahrhundert“ steht da. Die Wikipedia meint jedoch, dass er „Broyhan“ hieß und auch sonst ist nicht viel Verbindung zu Berlin für mich zu entdecken. Der Kerl ist jedenfalls eher eine Hannoveraner Legende und dort die Berliner Weisse zu erfinden erscheint zumindest mir eher abwegig. Aber vielleicht sind ja Bier-Historiker unter der geschätzten Leserschaft und können aufklären.

Cord_Broihan

Der zweite ist Max Skladanowsky, der angeblich „zu den Pionieren des Kinos“ gehören soll, wie das Plakat behauptet. Er hat zusammen mit seinem Bruder Emil das „Bioskop“ erfunden. Zusammen mit ihm – aber auf dem Plakat ist Emil nicht. Das ist der aber schon gewohnt, denn er wird eigentlich immer nur so miterwähnt, in vielen Artikeln und Ehrungen taucht er gar nicht erst auf oder wird fälschlicherweise als „Eugen“ betitelt. Das kennt man: Wir sind es gewohnt, dass bei Gemeinschaftswerken immer EINER all den Ruhm absahnen darf. Nur wenn was schief geht, dann sind wir ziemlich unfähig, Verantwortliche zu benennen – gerade in Berlin.

Lise_Meitner

Nummer drei: Endlich eine Frau! Sie sind hier in der Unterzahl, das liegt aber sicher vor allem daran, dass Frauen erst seit hundert Jahren angefangen haben, sich ihre Rechte zu nehmen. Also: Lise Meitner und yay – sie haben Otto Hahn richtig geschrieben! Lise Meitner hat in der Hessischen Straße gearbeitet. Wie Sie vielleicht schon wissen, habe ich eine Zeit lang Biologie und Chemie studiert. Deswegen saß ich dort oft im Hörsaal rum. Ein schöner alter Hörsaal, der auch diese Jahrhunderte alte Forschungstradition atmet. Naja, schön, dass Lise Meitner hier zu finden ist, dass sie hervorgehoben wurde und nicht wie sonst immer ihr Kollege Hahn. Nur schreibt man „Protaktinium“ mit C – wenn diese kleine chemische Spitzfindigkeit erlaubt ist.

Und dann ist da einer, der Berlin und anderen Städten wahrlich kostbare Dienste geleistet hat: Ernst Litfaß – Sie ahnen es! Hier fehlt was! Sein wohlklingender vollständiger Name ist nämlich Ernst Theodor Amandus Litfaß – liebe Prenzlauer-Berg-Eltern: hier ist der Name für euren zukünftigen Thronfolger! Jedenfalls fand Litfaß das anarchische Herumplakatiere in Berlin daneben und er suchte nach einer Lösung, um diesen Unbill in geordnete Bahnen zu lenken. So entstand die Litfaßsäule. Wir lernen: Das Problem besteht in Berlin schon seit dem 19. Jahrhundert. Wir lernen außerdem: Kanalisierung ist nur temporär möglich – die Plakatanarchie hat Berlin wieder fest in ihrem Griff!

Ernst_Litfass

Die anderen Erfindungen und die Köpfe, denen sie entsprangen, finden Sie derzeit am Bahnhof Weberwiese, den sie mit der U5 erreichen. Die Idee ist nett, aber die pixeligen Konterfeis wirken doch eher unambitioniert und die Texte sind zu kurz, um einen echten „Oh cool – wow – das wusste ich gar nicht“-Effekt zu bewirken. Und dann ist es halt auch komisch, wenn die Texte derart verkürzt werden, dass man über Reinhold Burger zwar erfährt, dass er die Thermosflasche erfunden hat, aber von der Röntgenröhre steht da halt nix. Dabei hatte Burger diese extra für die Experimente Röntgens entwickelt.

Man erfährt also nicht einmal das Wichtigste und schlussendlich vielleicht zu wenig, um an Ende die Muße zu haben, zum Beispiel selbst einmal nachzuschauen, was die Erfinderin des Packetfallschirms (sic!), Käthe Paulus, noch so alles getan hat. Das ist im Grunde eine spannende Geschichte und ohne den Bahnhof Weberwiese hätte ich gar nicht angefangen, sie in meine Suchmaschine einzugeben. Die Frage ist nur, ob andere Besucher, die nicht hinterher für FAZ.net einen Text darüber schreiben, auch tätig werden. Und die Frage ist, ob es bitte nächstes Mal eine Text-Korrektur geben kann. Danke.

Die Karl-Marx-AlleeDie Karl-Marx-Allee
Das Ziel der Plakatkampagne soll ja vermutlich sein, dass wir Berliner wieder daran erinnert werden, dass hier in Berlin einmal Erfindergeist bestand. Vielleicht ist die Idee angesichts der Arbeitslosenzahlen in der Stadt und angesichts der Verwahrlosung an vielen Ecken und Enden, vor allem der Zerfall der Infrastruktur, gar keine blöde Idee. Aber: Von den 18 dargestellten Menschen sind weder Broyhan noch Daniel Düsentrieb (nice try! wirklich!) Berliner gewesen. Wir machen uns also die Welt wieder einmal ein bisschen so, wie sie uns gefällt und dabei machen wir unnötige Fehler. Das jedenfalls können wir! Wir fühlen uns gerne größer, als wir sind.

Kurz noch zum Bahnhof Weberwiese: Man steigt an der Karl-Marx-Allee aus und die ist architektonisch natürlich spannend, denn hier stehen die berühmten Stalinbauten herum. Drinnen wohnen ganz normale Menschen – eine ehemalige Kollegin und eine ehemalige Kommilitonin von mir. Und vorne sind Geschäfte aller Art. Sie haben sehr große Vorplätze und oftmals finden sich noch die alten Schilder, die aus Nostalgie und weil sie wirklich schön sind, beibehalten und ihre Bezeichnungen in die Namen der Geschäfte eingebaut werden. So gibt es zum Beispiel das Weinrestaurant „Briefmarken“.

Briefmarken

Weiter hinten findet sich das Computerspiele-Museum – aber das wird einmal eine eigene Geschichte sein. Für heute genügt ein kurzer Abstecher in das ehemalige „Prescilla“, heute heißt es Saaldeck – nachts eine Bar, tagsüber ein Café. Vor der Tür ein Strandkorb in dem Partyvolk die Nacht ausklingen lässt. Es ist Samstagvormittag kurz vor zehn und ich habe ein Hüngerchen bekommen, deswegen bitte ich um ein „schnelles Frühstück für auf die Hand“.

prescilla

„Und wo willst du noch hin – zu so unwirtlichen Zeiten am Samstagmorgen?“ Die Frage ist sehr typisch Berlin, finde ich. Nach einer kurzen Wartezeit und sehr vielen Rückfragen – noch Gurke? Tomaten? Butter oder Frischkäse? Brötchen oder Vollkornbrot? – bekomme ich ein Sandwich in die Hand gedrückt, dass echt mal mit Liebe zubereitet wurde: Es strotzt nur so vor knackigem Gemüse, am Käse wurde nicht gespart, die Butter ist nicht zu dünn und nicht zu dick aufgetragen und das Vollkornbrot wurde sogar vorher getoastet und ist nun schön knusprig. Ich bezahle für dieses Meisterwerk schlappe drei Euro und denke mir, dass es sich mehr als gelohnt hat, zu dieser unwirtlichen Zeit in das Saaldeck zu schlappen.

wirklich sehr leckerwirklich sehr lecker
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13 Lesermeinungen

  1. Wie war denn nun..
    …der echte Vorname von Frau Meitner?
    „Lise“ oder „Ilse“?

    Oder war Ilse gar die unscheinbare 20 Minuten jüngere Zwillingsschwester?

    • boar – auf anderer Leute Schreibfehler hinweisen und dann selbst… ähem. ein Lektorat brauchen! so hamwers gern! (danke! sie hieß eigentlich Elise, vielleicht hat mein Kopf deswegen im weiteren Text eine Ilse draus gemacht…)

  2. Titel eingeben
    …und die Thermoskanne, und die erste Straßenbahn… etc. etc. etc. etc.

  3. Titel eingeben
    ooops, die Thermosflasche ist ja erwähnt. Danke!
    .
    Die Currywurst !

  4. Link verunglückt
    Der Link zu Lise Meitner ist verunglückt und führt ins Leere.

    Warum gehört Max Skladanowsky nur „angeblich“ zu den Pionieren des Kinos?

    • Titel eingeben
      Link repariert.

      er gehört ja zu den Pionieren – nur als ich das las, da war ich mir aufgrund der Vorerfahrung mit den Aussagen und der Richtigkeit auf diesen Plakaten nicht so sicher, ob das, was da steht, auch stimmt 😉 daher meine Skepsis.

  5. Berlin
    Die Blog Einträge von Ihnen von Holger Klein könnten glatt dazu führen, daß ich doch noch einmal einen Berlin Besuch wage.
    Eigentlich vermisse ich ja das Berlin vor 1989. Das übte auf mich eine Anziehungskraft aus wegen der Einmaligkeit. Allein die Anreise über die Transitstrecke!
    Nun scheint mir Berlin wie eine ganz normale Großstadt, wie z.B. Detroit.

    Also weiter mit diesem Blog. Es ist die beste Berlin Werbung.

    • Titel eingeben
      das Berlin von ’89 gibt es vermutlich nicht mehr. höchstens, mit ganz viel Glück, in irgendwelchen Nischen. Ich habe schon Probleme, das Berlin der Jahrtausendwende wieder zu finden. Damals war ich zum ersten Mal dort, verliebte mich in die Stadt und beschloss, dort leben zu wollen.

      Aber das Berlin von 2015 hat seine schönen Momente. Doch. Und wenn wir dabei helfen können, diese zu finden – wunderbar! 🙂

  6. Muss sein
    Kleine Bescheidwisserei. Das Saaldeck, früher Priscilla, früher (Ilja) Ehrenburg, früher ?, noch früher ? Was war da vorher so los in dieser Karl-Marx-Straße?

    Im Ehrenburg standen tatsächlich etliche seiner Bücher, darunter natürlich die dreibändigen Memoiren. Hochinteressante Bücher von diesem sowjetischen Intellektuellen, der mit Picasso u.a. Künstlern befreundet war, und in einer Art Parallelleben als Propagandazettelschreiber in Stalins Auftrag agierte. Man musste allerdings auf einen Stuhl steigen, um an seine Bücher ranzukommen. Nun sind die weg und lt. Foto durch buntgefüllte Flaschen ersetzt. Ist ja vielleicht auch symbolisch zu verstehen – solch Kaffeehausschmuck.

    Und gleich noch einen Vorschlag:Die vielgeschmähten Urfliesen der „Stalin“-Bauten-Fassaden hielten so ca. 50 Jahre. Am Straußberger Platz wurden vor Jahren Schutznetze montiert, um die „restaurierten“ Fassadenfließen nicht auf die Fußgängerköpfe plumpsen zu lassen. Ist doch auch irgendwie hübsch.

    • ich kannte es noch als Priscilla und hatte das mit dem Saaldeck gar nicht ganz mitbekommen und musste erst auf twitter darauf hingewiesen werden. aber für das Ehrenburg bin ich dann wohl zu jung. eine schöne Geschichte jedenfalls.
      Außer das mit den Stalinfliesen. ob ich jetzt je wieder unbefangen da unten langlaufen kann??? /o\

  7. /o\ - was ist das? Bin ich zu alt für!
    Durch Berlin (und manch andere Landschaft) kann man (m.E.) niemals unbefangen (ab einem gewissen Alter jedenfalls) „unten langlaufen“. Entweder es kommt was von oben oder man tritt in was rein. Man bekommt was von links oder (etwas wahrscheinlicher) von rechts aufs Maul.
    Vorsicht ist die Mutter des Berlin-Spazierganges. Oder sollte es jedenfalls sein.

    Ein paar hundert Meter Richtung Alex wohnte seinerzeit in einer Untermieterkachkammer ein gewisser Horst Wessel. Nach dem wurde dann für ein paar Jahre der Friedrichshain benannt. „Der arme Epstein“ – von Knobloch.
    In die andere Richtung – am Kosmos-Kino – wohnte einst Döblin. Berlin – Alexanderplatz und so. Seinen Bronzeschädel wurde allerdings vor zwei, drei Jahren von der Stele geklaut.
    Erstaunlich, dass Ihnen nicht das absolut lächerliche Denkmal zum 17.Juni vor dem Saaleck/Priscilla aufgefallen ist.

    Schauen Sie mal auf luise-berlin. Da finden sich jede Menge Informationen zu Berliner Straßen, Plätzen, Geschichten usw

  8. War immer was los hier.
    Ich finde ja, dass zu dieser Karl-Marx- und Frankfurter Allee unbedingt gehört, dass auf diesen sowohl Napoleon als auch die Wehrmacht gen Moskau zogen. Und beide, letztere mit Ehrenburgs Hilfe, auf ihr auch wieder zurückfanden.
    War immer was los hier.

    So, nun reichts aber auch mal.

  9. Berlin ist eben immer eine Reise wert - und wäre es eine Reise nach innen.
    Sie hat eine eigene Suchmaschine? Gute Idee, sollte jeder haben. Und wäre es auch nur so eine süsse, kleine, unbeholfene, ganz für einen selbst. (Vermutlich demnächst sogar eh der Zug der Zeit, „individualisere Dein Google!“ Aber dabei muss man ja nicht stehen bleiben.)

    Und eigentlich gar keine schlechte Idee so ein Erfindermuseum, welches sich nicht auch so ganz bierernst nimmt.

    Und Stalin-Allee, eine Tante hatte da direkt ab Fertigstellung 1954 oder so auch eine prima Zweitwohnung, als Ergänzung zur Pferdezucht in der Mark. Sprach sie immer gerne von. Und war auch gerne da. Trotz häufig lästiger und unangenehmer „Menschenpflichten“.

    Die eine Gurkenscheibe war fast schon rustikal geschnitten, für den echt herzhaften Biss – aber der Sonnenschein erst macht alle Farben so richtig leuchten. Fotos fast schon wie ein hell-strahlender C-Dur-Akkord.

    Das interessierte Publikum hatte also ungefähr erinnerungsweise auf die nächste Röncke-Fortsetzung aus Berlin gewartet. I

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