Berlin ABC

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Wir fahren durch die Hauptstadt

Tempelhof (rechts raus)

| 10 Lesermeinungen

Da schreibst Du ein Blog über Bahnhöfe und ignorierst monatelang die Station direkt vor deiner Haustür. Aber man will halt nicht direkt zu Anfang schon als eher fußfaul identifiziert werden.

tempelhof_ubahnsteig

Der Bahnhof Tempelhof liegt auf einem Abschnitt der Ringbahn, den eine Freundin schon vor über einem Jahrzehnt als „Mutantenschaukel“ bezeichnet hatte. Ich kann es ihr auch heute noch nicht verübeln. Das Publikum in den Zügen zwischen Ost– und Südkreuz ist regelmäßig das bemerkenswerteste, das ich bisher im öffentlichen Verkehr dieser Stadt erlebt habe.

Hier kreuzt die Ringbahn die U6 und gleich hinter dem Bahnhofsgebäude, auf der stadtauswärtigen Seite, ist eine Auffahrt auf die unsägliche Stadtautobahn A100, die in all den Jahren, in denen ich mit dem Auto in Berlin unterwegs war, stets die schlechtere Alternative zum Vorwärtskommen war. Demnächst wird die A100 für absurd viel Geld verlängert und wird vermutlich auch dann immer noch die schlechtere Alternative sein. Vor allem für all diejenigen, die das Geld besser hätten gebrauchen können, zuvorderst die Schüler, die Radler und die Kunden des hiesigen ÖPNV. Man kann also durchaus sagen, dass man hier verkehrsgünstig wohnt, und wer ein wenig Schadenfreude erleben möchte, kann sich an die Ampel der Auffahrt stellen und an Autofahrergesichtern ablesen, was „Freude am Fahren“ bedeuten kann.*

tempelhof_currybomber

Wenn man die Treppen runterkommt und den Bahnhof nach rechts verlässt, steht, zwischen Ringbahn- und Autobahntrasse eine, weiß-rot gestrichene Frittenbude, gleich hinter einer öffentlichen, kostenpflichtigen Bedürfnisanstalt.

Diese modern aussehenden Toilettenhäuschen stehen seit einigen Jahren überall in der Stadt herum. Ich sehe die Dinger auch oft an Stellen stehen, bei denen mir im Traum niemand einfallen würde, der ausgerechnet dort unbedingt seine Notdurft verrichten müsste. In der Kurve der Fontanepromenade in Kreuzberg, Ecke Urbanstraße steht beispielsweise so ein einsames Ding. Dort habe ich fünf Jahre lang gewohnt. Nebenbei bemerkt, lieber als in jeder anderen Gegend in der ich je gewohnt habe. So gerne, dass ich, jedes Mal, wenn ich dort unterwegs bin, ich schrecklich sentimental werde – und zwar obwohl es dort mittlerweile reichlich anders zugeht als zu meiner Zeit, aber wenigstens ist Oetcke noch Ecke Freiligrath – und am liebsten auch wieder dorthin ziehen würde. Aber das kann man sich heutzutage ja leider nicht mehr leisten. Wenn man Familie hat, schon gar nicht.

Jedenfalls habe ich es bisher noch nicht fertiggebracht, mal den Euro zu investieren und eine dieser Klobuden von innen anzusehen, obwohl ich es ja durchaus unter „Recherche“ verbuchen könnte, und kenne auch niemanden, der irgendwann mal auf (oder sagt man „in“?) einem solchen Klo gewesen wäre, so dass irgendwann der Verdacht in mir aufkeimte, es könnte sich bei diesen Gebilden um etwas ganz anderes handeln, als um Toiletten, was ich aber wiederum auch nicht überprüft habe, denn das würde mir eine dieser schönen Illusionen kaputtmachen, die mir dabei helfen, überwiegend amüsiert durch das Leben zu gehen.

Die Frittenbude, die da so am Rande einer, teilweise von Schrotthändlern, Kartonverkäufern und bestimmt auch der einen oder anderen zwielichtigen Gestalt genutzten, Brachfläche zwischen Gleisen und Geröll herumsteht, hat mittlerweile geschlossen. Und das ist auch gut so. Zuletzt hieß der Laden „Burgerbomber“ und ich hätte mich wahrscheinlich eher dazu durchringen können, dann doch mal den kostenpflichtigen Abtritt zu besuchen, als in der Bude dahinter eine meiner Lieblingsspeisen, den Hamburger, zu mir zu nehmen.
Bevor er „Burgerbomber“ hieß – und damit auch bloß auf den Zug aufgesprungen war, der überall dort, wo die Nagelstudios noch ein wenig Platz gelassen haben, Burgerläden aus dem Boden schießen lässt, wie vor 15 Jahren die Handyläden – hieß er nämlich „Currybomber“. Und dort habe ich nicht nur die fieseste Currywurst meines Lebens gegessen, sondern auch eine der schlimmeren Portionen Fritten, die ich je serviert bekam. Entsprechend hämisch war mein inneres Lachen, als ich neulich zum ersten Mal festgestellt hatte, dass die Bude nicht nur geschlossen, sondern auch von einem Bauzaun umstellt ist, was mir in der ganzen Angelegenheit eine zusätzliche, leicht bizarre Genugtuung verschafft. „Bomber“ hieß der Schuppen übrigens wegen des nahegelegenen ehemaligen Flughafens Tempelhof, auf dem weiland die Rosinenbomber landeten und die eingeschlossene Stadt mit Lebensmitteln versorgten, die mutmaßlich besser waren, als fettige, laue Brühwurst in billigem Ketchup an labberigen Fritten.

tempelhof_abgang_aussen

Lässt man die Baracke rechts liegen und läuft ein paar Meter in Richtung U-Bahnhof Alt-Tempelhof, gelangt man wiederum zu einigen Läden, deren Speisen sich sehr gut sehen lassen können (und zu einigen, von deren Besuch ich auch bloß abraten kann). Aber davon erzähle ich ein andermal. Genauso wie vom Gebäude selbst und der anderen Seite des Bahnhofs Tempelhof, von der ich eigentlich erzählen wollte, dann aber irgendwie abgeschweift bin, so dass ich demnächst, allein aus einen Radius von ca. 1000 Metern um meine Wohnung herum, noch zwei Beiträge zu schreiben weiß. Das finde ich sehr angenehm, denn schließlich bin ich – wie wir alle wissen – eher fußfaul.

*Tipp: Keine Freude am Fahren.

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10 Lesermeinungen

  1. Sind Toiletten
    Ahoi,

    Es sind tatsächlich Toiletten. Ich hab tatsächlich mal so ein Teil benutzt und es schlägt das Dixie um Längen.

    LG
    Andreas

    • Titel eingeben
      Ich kann bestätigen das es sich um Toiletten handelt, würde allerdings von der Benutzung abraten. Nach meinem bisher einzigen Besuch dort (die Not war groß) hatte ich Magen-Darm…

  2. A100
    Die A100 IST in meinem Fall immer (täglich) die bessere Alternative zum Stadtverkehr und/ÖPNV.
    Ich nehme genau die angesprochene Auffahrt und verlasse die Autobahn wieder in Tegel. Selbst mit Stau ist dieser Weg erträglicher.

  3. Titel eingeben
    Nicht nur diesen kostenpflichtigen Abtritt habe ich bereits von innen gesehen. Aber nicht zu Zwecken der Recherche.

  4. Titel eingeben
    Langsam treten Sie in Konkurrenz zu Herrn Dollasse mit Ihren ‚Restaurant‘-Kritiken.

  5. Mutantenschaukel
    Ich nehme an, Ihre Freundin ist Berlinerin?
    Dann haben die also immer noch ihre berühmte Neigung, sarkastische Spitznamen zu geben. Obwohl ich auch gelesen habe, dass kein Berliner den Fernsehturm wirklich als „Telesparjel“ bezeichnet. Würde aber zur „Mutantenschaukel “ passen.
    Mit freundlichen Grüßen aus der Provinz
    Doris Oltramari
    PS: Ich finde Ihre Berlinbeschreibungen wirklich gut.

    • Vielen Dank 🙂 Genau genommen ist sie zugezogene Hamburgerin. „Telespargel“ habe ich allerdings auch noch nie jemanden sagen hören, sondern es nur in Reiseführern und ähnlichem gelesen. Dafür habe ich mir aber schon häufig erzählen lassen müssen, der Fernsehturm hieße Alex.

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