Berlin ABC

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Wir fahren durch die Hauptstadt

Lieper Bucht – Lindwerder

| 11 Lesermeinungen

Unser Leser und Kommentator Martin hat mir die Lieper Bucht an der Bushaltestelle Lindwerder ans Herz gelegt. Also nahm ich die Badehose, das Kind und sein kleines Schwesterlein und dann nüscht wie raus zum fast am Wannsee. Es war ein schöner sonniger, aber nicht zu heißer Samstag und was soll ich sagen? – Es war wirklich ganz reizend.

Lindwerder

Fangen wir aber bei den Missverständnissen an. Sträflicher Weise bin ich nicht mit den Öffentlichen dort hin gefahren, sondern ich wurde von meinen Eltern nach Hause gebracht, die Ferien sind ja in Berlin vorbei und da mussten Kind und Kegel zurück in die Hauptstadt, die sie ganze sechs Wochen ausgesetzt haben (was ihnen übrigens ungemein gut getan hat). Auf dem Weg zurück lag Lindwerder quasi auf der Strecke, es war nur ein sehr kleiner Umweg, den wir für einen letzten Tag an einem Strand – bevor der Ernst des Lebens wieder hart zuschlägt – sehr gerne in Kauf nahmen. Jedenfalls sagt die Seite berlin.de, dass die Lieper Bucht folgende Adresse habe: „Lindwerder, 14193 Berlin“. Das gaben wir in die Navi ein und dann landeten wir auf der Insel Lindwerder, statt in der Lieper Buch. Das wiederum war ein sehr glückliches Missverständnis, denn wir alle hatten einen Bärenhunger und auf der Insel Lindwerder gibt es ein gleichnamiges Restaurant, das mit einem schönen Garten direkt an der Havel liegt.

Tisch

Abgesehen von den Wespen ein ganz fantastischer Ort, wenn man Hunger hat. Die Preise sind für Friedrichshainer Prekariat eher happich, ich traue mich dann immer nicht so, auf Kosten anderer ein teures Gericht zu nehmen. Aber was man hier für sein Geld auf dem Teller hat, das ist wirklich köstlich und von daher ist das alles komplett legitim und lohnenswert. Ich nahm nur eine Suppe, eine Lindwerderer Fischsuppe oder auch Fischsuppe Lindwerder für 6,90 €. Und das ist, was ich bekam:

Fischsuppe

Nach dieser Suppe war ich auf eine sehr solide Weise satt und tief zufrieden, nur den Krebs habe ich verschmäht – ich habe Schalentierhemmungen, glaube ich. Muscheln sind super, die sind nicht so friemelig. Mein Vater hatte Vitello Tornado oder wie das heißt. Er war begeistert. Meine Mutter hatte Fisch mit einem sehr leckeren Salat aus Kartoffeln und Gurken und war sehr glücklich damit und das Kinderschnitzel war preiswert und super – kurz: es lohnt sich!

Vitello tonnatoVitello tonnato

Es lohnt sich, nach Lindwerder überzusetzen. Denn dafür muss man eine kleine Fähre nehmen. Der Fährmann ist wirklich nett – und ehrlich. Man ist ja irgendwie aus so manchen Touristengebieten Schlimmstes gewohnt und denkt deswegen, dass die Hinfahrt für 3 Erwachsene, 2 Kinder (eines fährt noch kostenlos, weil unter 6 Jahre) und einen Hund acht Euro kostet und die Rückfahrt auch – aber so ist das gar nicht. „Es gibt zwei Sorten Menschen“, weiß der Fährmann von Lindwerder schmunzelnd. „Die einen wollen nochmal acht Euro zahlen und die anderen meckern, dass acht Euro viel zu teuer is!“

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Inzwischen sagt mir ein Blick auf den Stadtplan, dass die Lieper Buch gar nicht auf Lindwerder liegt. Hier gibt es tatsächlich keine Badestelle und damit geht es zurück aufs Festland. Wir sind gerade dabei, uns mit unserer Decke breit zu machen, als uns ein sehr freundlicher und sehr braungebrannter Herr auf den Hund anspricht. „Hier sind Hunde nich mehr erlaubt“, erklärt er. „Da hinten gibt es auch ’n Schild, aber das is umjeknickt. Naja – jedenfalls sind Hunde hier nich mehr erlaubt. Aber wennse den Weech da durch den Wald nehmen, dann kommse anne andere Stelle, die is jenauso schön. Da könnse auch mit Hund hin.“ Er hatte Recht! Eine Bucht weiter gab es zwar irgendwie auch mehr Kleinkinder, aber die freuten sich sehr über den Hund und der Hund freute sich über das kühle Nass und so waren alle zufrieden.

Vor allem die Kinder, die sich in diesem Sommer zum ersten Mal so richtig mit dem Baden in Seen angefreundet haben. Und auch ich bin ziemlich angefixt – diese Seen sind eine sehr feine Sache. Man muss da eigentlich viel mehr raus, wenn man im Sommer Zeit dafür findet. Im letzten Sommer war das alles noch nicht so entspannt und schön, da hatte das kleine Schwesterlein noch kein Seepferdchen und war auch sonst längst nicht so eine Wasserratte, wie in diesem Jahr. Jetzt muss man den beiden nur einen See hinstellen und ihnen die Badesachen anziehen und dann ist der Nachmittag eigentlich gebongt. Mehr braucht es nicht – na gut: vielleicht noch ein gutes Buch.

Lieper_Bucht_02

 

Die anderen Menschen, die mit uns an der Bucht waren, waren ebenfalls sehr gut zu haben, muss ich sagen. Der braungebrannte Mann, der uns den Weg zum Hundestrand wies, steht exemplarisch dafür. So eine Freundlichkeit ist rar geworden, hat man manchmal das Gefühl. Wenn man – auch wenn unwissentlich – gegen ein Gebot, Verbot oder eine sonstige Regel verstößt, dann wird man im Allgemeinen meistens gar nicht, oder wenn doch, dann sehr unfreundlich darauf hingewiesen. In Berlin zumindest. Gar nicht, weil der Großteil der Stadtbewohner angesichts der anderen Leute einen Tunnelblick gelernt hat. Unfreundlich, weil es toll ist, andere zu Maßregeln – das ist dieses kurze Gefühl der Macht so mancher Zukurzgekommener.

Offenbar im sonstigen Leben zukurzgekommen waren hier nur ein paar Halbstarke, die mitten auf dem Wasser in einem Boot plötzlich deutschen Hiphop laut drehten, in dem ein ganz harter Kerl über Liebe, Sex und Zärtlichkeiten philosophierte. Also so laut, dass man am Ufer jedes einzelne Wort verstand. Es gibt eben doch überall Idioten.

Aber: Danke für den Tipp, lieber Martin! Es war ein richtig schöner Sommerferienausklang.

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11 Lesermeinungen

  1. hm...
    Jetzt bin ich doch einigermaßen zerknirscht.

    Den braungebrannten Strandsheriff habe ich auch öfters erleben dürfen. Hätte ich gewusst, dass ein Hund mitkommt…

    • aber der war voll nett! wirklich! nicht zerknirscht sein – der Hund war nicht geplant und wir hatten wirklich nur 50 Meter weiter oder so eine tolle Hundebucht 🙂

  2. oh ja
    Auch die lustige Speiskarte des Restaurants auf Lindwerder gesehen? …in der sogar das Bier angepriesen wird wie ein seltener Wein. Das kleine rote Krebstierchen haben wir auf der Insel beerdigt.
    Jeder zweite Bus der dort hält, ist ein historischer(!); die Fahrkarten werden auch noch per Hand abgestempelt.
    .
    Hunde: Wenn allerdings die lieben Hundchen (natürlich unangeleint) von zig Hinzes & Kunzes den Grunewald und die Havelstrände besiedeln, vollkacken und mächtig laut kläffen, ist das nicht mehr ganz so schön (außer für die Hundebesitzer oder deren – inzwischen immer mehr im Grunwald zu sehen – professionelle Hundeausführer).
    Meine recht zierliche Gattin wurde in ihrem Leben drei Mal von einem „der-will-nur-spielen“-Hund gebissen. Sie ist bedient.
    Volker Kriegel hat das mal schön gezeichnet: Hunde scheißen überall hin; Hunde stinken; Hunde sind ordinär, Hunde beißen; Hunde führen sich auf wie die letzten Chauvis; Hunde furzen; Hunde haben keinen Stolz; Hu

    • unser Hund ist gaaaaanz anders 😀

    • ...auf den Hund gekommen...
      Mir geht es ähnlich: als Kind einmal gebissen;
      ein zweites Mal am Schlachtensee beim Joggen.
      Ich schwöre, es war der Hund von Baskerville!
      Allein bei der Vorstellung im See zu schwimmen und
      ein Hund käme mir entgegen, läst mir den Atem stocken.
      Gluck, gluck ginge ich unter … 🙁
      Zur Erbauung lese ich ab und zu dieses Traktat.
      http://www.textlog.de/tucholsky-traktat-scherz.html

    • Sie arme! ja nun – wir waren dann ja am Hundestrand. und ein Hund von Baskerville ist der unsere nun auch nicht gerade. so zickig so Westhighland Terrier sein können – dieser ist vor allem etwas dumm, aber sehr sehr lieb 😉

    • zum Hund
      Dieser Hund hat Herrchen und Frauchen, zu deren Gassi-und Ausflugsausrüstung Tempo und Plastiktütchen gehören, welche auch benutzt werden. Außerdem ist er in der Regel froh, wenn ihm niemand was tut. Allerdings kann auch er zum Grösus werden, wenn jemand mit den Erfahrungen ihrer Gattin in Riechweite erscheint. Dann „denkt“ er wohl: „endlich hat mal jemand vor mir Angst“. Aber mit einem Outing, an die aufsichtführende Person, sollte es auch in solchen Situationen für alle Beteiligten keine Stress geben.

  3. Puh...
    Na dann bin ich ja beruhigt. Hatte wohl die Beschreibung des freundlichen Sheriffs falsch interpretiert.
    Um so mehr freue ich mich über den gelungenen Sommerausklang und auf neue Badesee-Entdeckungen im nächsten Jahr.

  4. "Tunnenblick" das war wohl teils auch der Zeitgeist, wenn er unbefangen Beobachtungen macht.
    Neulich im Internet folgende Online-Zuschrift gefunden: „Sehr optimistisch, fast schon naiv in die Zukunft geblickt Frau B., ich habe täglich mit jungen Menschen zu tun. Ich kann ihnen versichern: Was da heranwächst hat kein revolutionäres Potential. Ich beobachte stattdessen ein kultiviertes Desinteresse, ja fast schon eine tunnelblickartige Ignoranz gegenüber allem, was einen nicht in besagtem Moment gerade persönlich betrifft. Es herrscht die kollektive Haltung: Distanziere Dich von allem, was Dir persönlich keinen direkten oder perspektivischen Nutzen verspricht. Diese Menschen wollen nicht einmal mehr erfahren, dass die Welt, die für sie normal erscheint, nur eine von vielen Möglichkeiten ist.“

    Und „Lieper Bucht“ hat nicht „Nico“ von „Velvet Underground“ („what costume should the poor girl wear to all tomorrow parties?“) da ganz in der Nähe auch ihre letzte Ruhe gefunden?

  5. Wie ein Schwarz-weiß-Video
    https://www.youtube.com/watch?v=_KiU5P4ihIQ – 1982, das war aber noch direkt vor der Wende.

  6. Titel eingeben
    Wir waren neulich auch in der Lieper Bucht, inklusive Hund. Die Freundlichkeit — gerade der anderen Hundebesitzer — war leider Berlin-typisch.

    Dafür wurden wir mit Eis und Bratwurst von einer schwimmenden Imbissbude belohnt 😀
    https://twitter.com/benFnord/status/629257266248724480

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