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Wir fahren durch die Hauptstadt

Tempelhof (links raus)

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Wie ich neulich schon angekündigt hatte, kann man den Bahnhof Tempelhof in zwei Richtungen verlassen. Rechts raus waren wir schon, also gehen wir heute mal links raus (Richtung Hoeppnerstraße).

tempelhof_schild

Vorher muss ich mich aber mal ausgiebig beklagen. Eine der größten Katastrophen in Bahnhofsgebäuden in Deutschland im Allgemeinen und in Berlin im Besonderen, ist der Umstand, dass es praktisch nichts ordentliches zu essen gibt. Überall findet man die gleichen, wenn nicht sogar dieselben, Buden, in denen Kohlehydrate in Teigform mit irgendwelchen Fleischfetzen fragwürdigen Ursprungs oder gelblich-weißen Fettscheiben belegt werden. Das wird dann gerne „Wurst“ oder „Käse“ genannt. Manche Buden überbacken die Wurst mit Käse und bezeichnen das fiese Ergebnis als „Pizza“ oder eine Ableitung davon (-schnitte, -zunge, -batzen, -wasweißich…). Kurz: In allen Bahnhöfen findet man die gleichen, langweilig-fiesen Teigbatzenläden und es riecht auch immer irgendwie gleich unangenehm. Wenn man nicht schon in den Gebäuden von Döner- und/oder Frittengeruch belämmert wird, findet sich, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, eine oder gleich mehrere solcher Buden unmittelbar vor dem Bahnhof, auf dass überall auch immer irgendwelche Speise- und/oder Verpackungsreste rumfliegen und vor sich hin gammeln. So auch in Tempelhof.

Besonders ärgerlich ist, dass es vor wenigen Jahren noch einen großen Obststand im Bahnhof gab, also eine Möglichkeit, sich unterwegs etwas ordentliches, ja gesundes zum Essen zu kaufen. Einen bekannten Donut-Laden gab es auch mal. Aber der war eh nicht jedermanns Sache. Der Donutladen ist weg, dafür hat eine weitere Teigbatzenbude aufgemacht, so dass es hier jetzt drei davon gibt. Der Obststand ist einfach nur verschwunden und wurde durch Plakathalterungen ersetzt, die benutzt werden, um Veranstaltungen, Überflüssiges und überflüssige Veranstaltungen anzupreisen. Darüber ärgere ich mich stärker, als über die gesamte Deutsche Bahn und deren Unvermögen, den S-Bahn-Verkehr wenigstens halbwegs verlässlich zu organisieren.

tempelhof_bahnhof_innen

Der Bahnhof Tempelhof ist übrigens auch ein Paradebeispiel für die Versiffung, die überall in Berlin so anstandslos hingenommen wird. Dafür verantwortlich mache ich einerseits die geistige Versiffung von zu vielen Bewohnern dieser Stadt, andererseits aber auch die Art der Geschäfte, die sich um diesen Bahnhof herum angesiedelt haben, letztlich also die Standortpolitik.

Tritt man aus dem Gebäude, findet man eine dieser schrecklichen Flachdach-Ladenzeilen, in denen sich eine Schawarmabude befindet (der Döner des Arabers), deren Tische und Stühle von Jahr zu Jahr immer mehr Platz auf dem Bahnhofsvorplatz einnehmen und die überwiegend von Menschen besetzt sind, die vom Leben nicht mehr allzuviel zu erwarten scheinen, und entsprechend wenig darauf geben, wohin sie ihren Müll entsorgen, ihn also meist einfach auf den Boden fallen lassen. Daneben ist ein Blumenladen, der von freundlichen Asiaten betrieben wird – worüber auch noch gesondert nachzudenken wäre, denn irgendwie scheinen Blumenläden derart oft von freundlichen Asiaten betrieben zu werden, dass ich ein System zu erkennen glaube. Der ist harmlos. Daneben wiederum ist der größte Garant für Dreck, den diese Stadt zu bieten hat: Ein Internet-Handy-Zigaretten-Telefon-Laden, vor dem Tag und Nacht eine Schar Halbstarker rumlungert. Hier ist der Gehweg vollgerotzt, überall liegen Kippen herum und jeden zweiten Tag läuft man über so so viele Kürbis- oder wasweißwaskern-Schalen, dass es knirscht, als läge Schnee. Hätte ich was zu melden, würde ich solche Läden als erste verbieten. Und danach noch jede Menge andere Sachen, die mir auf den Keks gehen. Mein lieber Herr Gesangsverein! Glücklicherweise habe ich aber nichts zu melden. Darum nöle ich ja auch den ganzen Tag im Internet herum und beginne vermutlich in wenigen Jahren damit, Falschparker selbst dann anzuzeigen, wenn sie niemanden behindern.

tempelhof_ladenzeile

Aber jetzt reicht’s auch mal mit Gejammer! Neben der Dreckschleuder ist nämlich ein freundlicher, türkischer Friseur, der meine nächstgelegene Quelle für Arko-Rasierseife ist, die einen tollen Schaum macht, aber leider nicht so ganz das ist, was ich „wohlriechend“ nennen würde.

Ich rasiere mich mein Leben lang schon nass, weil ich irgendwann in jungen Jahren mal festgestellt hatte, dass ich vom Trockenrasieren Pickel bekomme. Ob das immer noch wäre, weiß ich nicht, will es aber auch nicht wissen, weil ich mich nicht nur an das Ritual gewöhnt habe, sondern es auch irgendwie für eine coole Pose halte, die ich morgens vor dem Badezimmerspiegel einnehmen kann – und zwar nur für mich und für niemanden sonst.

Die Nassrasur ist eine dieser Sachen, die man entweder beiläufig und fast ignorant einfach so machen kann, man kann das ganze Ding aber auch zu einem Geld fressenden Hobby werden lassen, weil man immer eine gute Ausrede hat, sich neue Seifen, Klingen, Rasierer und Zubehör wie Schalen oder Spiegel kaufen kann. Die Begründung lautet: „Ich benutze es ja schließlich auch!“. Über zwei Jahrzehnte lang habe ich mir von der Werbung erzählen lassen, dass ich ohne einen Systemrasierer mit 37 Klingen und ohne speziellen Spezialschaum aus der Dose nicht wirklich überlebensfähig bin. Seit einem halben Jahr weiß ich es besser und habe begonnen, Rasierhobel zu benutzen und meinen Schaum selbst zu schlagen. Das ist die wesentlich kostengünstigere Variante – jedenfalls, so lange man einen einzigen Hobel, einen Pinsel und eine Seife benutzt. Dummerweise habe ich vier verschiedene Hobel, denn jeder ist ein wenig anders, vor allem in Kombination mit verschiedenen Klingen. Ich bevorzuge einen Mühle R89 mit Astra-Klingen, bin aber auch mit Klingen von Shark und Voskhod mehr als zufrieden. Die Klingen kaufe ich für zehn Euro im 100er-Pack, eine Klinge reicht bei mir für eine Woche. Für Anfänger empfehle ich den Hobel Merkur c23, von dem jemand mal sagte, man könne sich damit selbst dann nicht schneiden, wenn man es darauf anlege. Es stimmt, ich habe es versucht.

merkur_futur

Am anderen Ende der Verletzungsskala liegt mein Merkur „Futur“, bei dem man den Abstand zwischen Klinge und Kamm variieren kann. An diesem Hobel habe ich gelernt, was in Rasurforen als „aggressiv“ bezeichnet wird. Jede Rasur, bei der ich mich nicht mindestens so stark konzentriere, als würde ich sturzbetrunken Motorrad fahren, endet in einem mittleren Blutbad mit stellenweise derart tiefen Wunden, dass ich die Blutung nicht mehr mit Alaunstein gestillt bekomme, sondern Sprühverband benutzen muss. Sprühverband ist eine unglaublich praktische Angelegenheit für Schürfwunden und dergleichen, bei der ein Film über die Wunde gelegt, der sich ein wenig anfühlt, wie damals in der Schule, wenn wir uns Uhu auf den Arm geschmiert und antrocknen lassen haben, um hinterher zu simulieren, wir würden uns Hautfetzen abziehen, was „die Mädchen“ reihenweise zum Kreischen gebracht hatte.

Aber zurück zur Seife. Es gibt feste Seifen und eher weiche Rasiercremes. Meistens mache ich meinen Schaum direkt im Gesicht. Dabei habe ich festgestellt, dass Cremes sich besser mit einem Synthetikpinsel aufschäumen lassen, wohingegen die Seifen besser mit Borstenpinseln aufgetragen werden. Einen Dachshaarpinsel habe ich auch, allerdings hat der zu wenig sogenanntes Rückgrat, was bedeutet, dass er insgesamt sehr weich daherkommt. Das ist leider nicht so sehr meins. Synthetikpinsel sind am einfachsten zu handhaben, denn sie saugen nicht so viel Wasser auf, so dass man nicht dauernd Gefahr läuft, dass der Pinsel allen Schaum in sich aufnimmt und hinterher nicht mehr genug im Gesicht ankommt.

semogue

Mit genügend Übung wird ein schöner Borstenpinsel aber schnell zum Lieblingswerkzeug. Jedenfalls war das bei mir und meinem „Semogue Owners Club“ der Fall, der über ein solch starkes Rückgrat verfügt, dass man sich damit beim Schäumen gleich morgens gut ohrfeigen kann, denn Strafe hat man ja sowieso andauernd irgendwie verdient. Ein guter Synthetikpinsel jedenfalls besteht aus einer Faser, die meines Wissens von der Firma Mühle entwickelt wurde und „Black Fibre“ heißt. Mühle-Produkte sind nicht die günstigsten. Vor allem dann nicht, wenn man diese Art der Rasur erst einmal nur ausprobieren will. Was aber die Wenigsten wissen, ist dass der Synthetikpinsel der Marke „Balea“, den es für acht Euro in der Drogeriemarktkette „DM“ zu kaufen gibt, aus exakt der Faser besteht, die beim Original knapp das Dreifache kostet. Gefühlt hat der Billigpinsel zwar weniger Borsten, ist also ein wenig ausgedünnt, das macht bei der Rasur aber nicht wirklich etwas aus. Die Frage nach einer günstigen Seife für den Anfang (und darüber hinaus) beantworte ich immer mit „Mühle“ oder „Proraso“. Ich finde, mit diesen beiden Herstellern kann man nichts falsch machen. Am liebsten sind mir Floris Elite oder Crabtree & Evelyn Moroccan Myrrh – aber die sind dermaßen teuer, dass ich Schmerzen habe, wenn ich sie selbst kaufen will und sie mir deshalb lieber schenken lasse (Übrigens habe ich in drei Tagen Geburtstag…). Insgesamt jedenfalls habe ich hier eine Möglichkeit gefunden, mich in kleinen Schritten dem Ruin näher zu bringen und dabei gut zu riechen und glatt rasiert zu sein – zwei Zustände, die ich für äußerst wünschenswert halte. Entwickelt man keine Sammelleidenschaft, ist man für höchstens 50,- Euro in der Lage, sich zwei Jahre lang zu rasieren. Mit Systemrasierern und Dosenschaum käme ich dafür lange nicht so weit.

Jetzt bin ich gerade mal 20 Meter aus dem Bahnhofsgebäude herausgetreten, habe viele Worte gemacht und schon wieder kaum was über Tempelhof erzählt, so dass ich fußfauler Sack wohl einen weiteren Beitrag schreiben muss. Was muss auch dieser Friseur dazwischen kommen?!

Um zum Ende nochmal die Kurve zu kriegen: Im Gebäude gibt es, rechts neben dem Kiosk am linken Ausgang, eine Stelle, an der zur Erdbeerzeit die große Erdbeere von Karls Erdbeerhof steht, was dazu führt, dass ich jedes Jahr aberwitzige Mengen Erdbeeren verspeise, so dass mir nahestehende Menschen gelegentlich die Sorge äußern, ich könnte mich mittelfristig in eine Erdbeere verwandeln. Nach Ende der Saison wird dieser Verkaufsstand abgeräumt und durch einen telefonierenden Mann ersetzt, wie auf diesem Foto gut zu erkennen ist.

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6 Lesermeinungen

  1. Da haben Sie sich selbst übertroffen, Herr Klein.
    Neben dem Text über das Kendama, das ich nach der Lektüre sofort – mit großem Erfolg – verschenkt habe, der beste bisher.

  2. Großes Kino
    Als (meistens) Tockenrasierer bin ich später dran als Sie, aber nach diesem Kabinettstückchen (sagt man das noch?) über die Naßrasur werde ich über eine eolche wieder wohlwollend nachdenken. Literarisch beeindruckend finde ich die große Doppelschleife durch den zweiten Ausgang über das zweifelhafte kulinarische Angebot bis zur Selbsterkenntnis, vielleicht als selbsternannter Parksheriff zu enden, und dann über diesen wunderbaren Naßrasur-Exkurs bei den Erdbeeren zu enden. Aber nun mal ernsthaft: ich hätte es gern, wenn die Bahn ihre Kernkompetenz verfeinerte – nämlich uns pünktlich und halbwegs komfortable von A nach B zu bringen – und erst an zweiter Stelle darüber nachdächte, wie sie uns das Ein- und Umsteigen durch Angebote für Körper und Seele erträglicher macht.

  3. Geht's noch?
    Mein lobender Kommentar wird mit einem schnöden „Du schreibst die Kommentare zu schnell. Mach mal langsam.“ quittiert.

  4. Eloquente Einschätzung
    Wie immer ein sprachlicher Genuss, den ich mir gerade vor dem Späti reinziehe, schmeckt fast so gut wie Döner.

    Auch schön an Tempelhof ist Harry mit der Piepsstimme, der immer bei den vielen Stufen zur S-Bahn sitzt und die Hände aufhält. Oder Udo mit seinem Hundi in der Nähe des Sparkassen Automat oder auch Rolli Ralf unten an der U-Bahn, der Immer ganz beschämt nach unten guckt beim betteln, so dass ich immer denke, den Rollstuhl hat er doch bestimmt geklaut

    Aber so im Vergleich schon eine der besseren Stationen

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