Berlin ABC

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Wir fahren durch die Hauptstadt

Schönefeld – abhauen und ankommen

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Um in Berlin fliegend anzukommen hat man derzeit zwei Möglichkeiten. Einerseits Tegel und andererseits Schönefeld. SFX ist die Abkürzung im Flugverkehrssprech. Ich bin dieses Mal von Schönefeld nach London geflogen. Das ist praktisch, weil da eine S-Bahn direkt vom Ostkreuz durchfährt.

BFHS

Der Flughafen ist glaube ich vergleichsweise klein, weswegen es ja auch den BER geben sollte – auch in Schönefeld. Aber das ist hier in Berlin ein eigenes Thema. Was so alles passiert nimmt Herr Klein immer wieder mal in seinem Podcast mit Martin Delius auf, der für die Piratenpartei im Abgeordnetenhaus und auch in demjeningen Ausschuss sitzt, der sich mit den ganzen unfassbaren Fehler beschäftigt die da gemacht wurden. Zur Erinnerung: Der große, tolle und repräsentative Hauptstadtflughafen sollte 2007 an den Start gehen, daraus wurde erst 2011, dann 2012 und dann 2013 – und ob er 2017 schaffen wird steht immer noch in den Sternen. Derweil versickern Milliarden in einem schwarzen Loch.

Welcome

Als in der Zeitung neulich stand, dass die Flüchtlinge, die nach Berlin kommen, nun im Flughafengebäude untergebracht werden, da dachte ich kurz, dass man endlich zur Vernunft gekommen sei und die fertigen Gebäude, die dort in Schönefeld rumstehen und die sogar regelmäßig benutzt werden – es gibt zum Beispiel einen Mann, dessen Aufgabe ist nur, regelmäßig die vielen Rolltreppen einmal anzuschalten und laufen zu lassen, damit dort nicht alles verrottet! – endlich sinnvoll zu nutzen! Aber da lag ich falsch. Man quartierte die Flüchtlinge im alten Flughafengebäude in Tempelhof ein. Das ist nicht schlecht, aber somit fühlt sich das ganze BER-Areal natürlich immer noch völlig nutzlos und könnten Gemäuer eine Depression bekommen, vermutlich dächte BER an Selbstmord.

geschaeftlich

Wie auch immer. Ich landete in Schönefeld und ich war einfach froh, wieder in Berlin zu sein! Das ist doch einmal schön – denn hier gibt es ja Grund genug zu meckern. Es ist eine alte Weisheit: Manchmal muss man etwas verlieren – und sei es nur für sehr kurze Zeit – um es zu schätzen. Ich schätze Berlin wieder, seit ich in London war, denn Berlin ist doch eine nette, freundliche und vor allem ruhige Stadt. Es mag sein, dass die Leute hier motzig wirken – aber das ist oft nur Fassade. Die meisten realen Menschen, mit denen man in seinem Alltag zu tun hat, sind es nicht, man merkt sich das nur nicht, sondern nimmt es so hin. Was man sich merkt, dass sind die Unverschämten, die Ekelhaften, die Gehwegpisser und die, die einen nicht aus der S-Bahn lassen, sondern einfach einsteigen, als wäre man gar nicht da. Die bleiben hängen – ausgerechnet.

Gangland

Aber London ist heilsam gewesen. Ich hatte nur zwei Tage. Für diese zwei Tage hatte ich 100 Pfund dabei und dachte, das sei viel, da würde ich noch was wieder mit nach Hause bringen. Pustekuchen! In London zu leben ist schweineteuer. Zwar gibt es richtig geiles Essen und grandioses Bier an allen möglichen Ecken, aber das kostet. Weil ich das wusste und weil ich mir vor allem den Freitag fürs rummarodieren und fressen freigehalten hatte, lebte ich am ersten Tag nur von Sandwiches von M&S und Lidl und anderen Cafés und Supermärkten. Einen neuen Pullover, den ich brauchte, weil sich die 18 Grad doch kälter anfühlten, als ich vermutet hatte, kaufte ich auch bei Lidl, alles andere hätte mein Budget komplett gesprengt. Am ersten Tag lebte ich vor allem rund um den Finsbury Park und in Stamford Hill. Da fällt schon einmal auf: London teilt sich in total verschiedene Gegenden.

Ausgang

Um den Finsbury Park lebt offenbar eine ökonomisch eher schwächere Klientel. Teure Läden gibt es keine. Dafür aber viele Menschen, die ihre alltäglichen Dinge verrichten, mit Kinderwagen einkaufen gehen, andere Leute treffen sich auf einen Kaffee, aber auch nicht mehr, in das Café setzen und plaudern, vor dessen Tür eine rauchen und Zeitung lesen. Es sind viele Schwarze unterwegs und irgendwie fühle ich mich dort eigentlich ganz wohl. Aber laut ist es. Überall in London ist es schrecklich laut. In einem kleinen Kiosk an einer der großen Straßen, erkundige ich mich nach dem System mit den Bustickets, denn der Busfahrer hatte mich wieder auf die Straße geschickt, bei ihm konnte ich nicht bezahlen. Ein sehr freundlicher Mensch, dem ich eine indische Herkunft unterstelle, erklärte mir das mit der Oyster Card, fragte genau nach, wo und wie oft ich so rumfahren würde und dachte lange nach, bis er mir riet, zwölf Pfund auf die Karte zu laden.

In Stamford Hill, wo mein Hotel lag, wohnten sehr viele Juden. Sie liefen in Scharen auf der Straße rum und zwar in ihrer Kleidung deutlich kodiert. Ich wünschte, so eine große Präsenz jüdischer Mitbürger gäbe es auch in Berlin irgendwo – so war es für mich eine sehr neue Erfahrung. Die Hotelchefin war auch Jüdin, das Hotel jüdisch, alles war in Englisch und Hebräisch beschildert. Am Freitagabend sang im Zimmer neben mir ein alter Mann sehr lange spirituelle Lieder und das war irre schön. Diese Gegenden waren das London, in dem ich mich am wohlsten gefühlt habe. Es war so ein eingespieltes, alltägliches London, wo alle das taten, was sie eben immer taten: Leben organisieren.

Currywurst

Am Freitag war ich dann mit dem Bus zur London Bridge gefahren. Mein Freund hatte mir ein Ticket für The Shard gesponsert und ich sah mir London vom höchsten Punkt aus an. Hier ging es los, dass ich mich von der Stadt etwas entfremdete und fremd fühlte, falsch fühlte. Ich hätte mir einerseits diese Aussicht nie geleistet, sie kostet irre viel Geld. Und wenn man keinen wirklichen Bezug zu der Stadt hat, ist der Blick zwar beeindruckend, aber so ganz umgehauen hat er mich nicht. Spektakulärer fand ich die Belfast, ein Kriegsschiff, das dort in der Themse liegt und das man bestaunen kann. Es kostet 16 Pfund oder so, das Schiff anzuschauen, aber das lohnt sich. Es ist erstaunlich, wie Menschen es geschafft haben, ein so hochkomplexes Schiff zu beherrschen! Es ist beeindruckend, wie sie dort gehaust haben! Es ist erschreckend, wie viel Vernichtungskraft in einem Schiff stecken kann!

gang

Danach war ich erschöpft. Sehr ausgelaugt und eigentlich auch fertig mit der Welt. Der Input war bereits am frühen Nachmittag so hoch gewesen, dass ich nur noch ausruhen wollte. Am Liebsten bei einem netten kleinen Inder, denn man hört, dass das indische Essen in London total toll sein soll. Das aber war dann genau mein Problem: Erschöpft sein ist kein guter Zustand in dieser hektischen, vollen und teuren Stadt. Entspannung ist schwer zu finden. Alle Inder, die man mir empfahl, waren 40 oder mehr Minuten weit weg. Ich lief erst etwas orientierungslos herum, besorgte mir dann einen Stadtplan – den fürs kleinere Geld, weil… naja. Und auf dem fand ich dann nur touristische Orte, nicht einmal die wichtigsten Straßennamen rund um die Tower Bridge waren darauf. Ich fühlte mich betrogen, denn ich suchte die Tanner Street, von der ging eine kleine Straße ab, in der ich ein ganz bestimmtes Geschenk besorgen wollte. Ich hätte google Maps nutzen können, aber das angeblich „Freie Wifi“ der Cafés funktionierte nie, man hätte nur das natürlich völlig überteuerte W-Lan nutzen können, das von irgendeinem Halsaufschneider überall in der Stadt angeboten wird.

fahrrad

Am Ende war ich nur hinüber, sehr viel Geld los und genau deswegen so froh, wieder zurück in Berlin zu sein, weil mir durch London bewusst geworden ist, dass diese meine Stadt sehr viel mehr für kleine Geldbeutel bietet, sehr viel weniger Stress verbreitet, dass sie einen für vergleichweise wenig Geld von A nach B bringt und überall Ecken bietet, an denen man sich erholen kann. Überall. Das ist auch Berlin.

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12 Lesermeinungen

  1. Irritierend
    Ich bin gerne in London. Ich komme an, fahre mit dem Bus nach Stratford, hole mir die Oyster Card, checke im Hotel ein und fahre mit den öffentlichen durch die Stadt. Die in der Regel super funktionieren und perfekt ausgeschildert sind. An das höhere Gehtempo muss man sich allerdings gewöhnen. Ebenso muss man den Tourimüll ignorieren, wie dieses Riesenrad. Man kann auch wunderbar an der Themse entlang laufen. Überhaupt: Laufen ist perfekt. Den halben Tag kann man an der Themse und den verschiedenen Sehenswürdigkeiten verbringen. Sich Museen anschauen. Zum Jahresende auf den Rummel im Hyde Park gehen. Für das leibliche Wohl reicht auch der überall postierte Pizza Express, das muss nicht der Inder sein, bei dem das Basisessen 20 Pfund kostet und der Reis nicht enthalten ist ;).

    Aber so unterschiedlich können die Erfahrungen sein. Ich bin Anfang Oktober in London und freue mich wieder drauf.

  2. Titel eingeben
    Ohoh, schamlose Wrint-PR! 🙂

    Was Maps angeht: Du willst Dir Open Streetmap ansehen. Doch, wirklich. Geht offline, überall, zuverlässig, schnell.

    Essen, Leben überhaupt ist in London extrem teuer, ja. Und daß jede einzelne dieser Sehenswürdigkeiten, von den Museen abgesehen, so um die 20-25 Pfund kostet, macht den Genuß nicht leichter. Ich weiß das, ich war mit meinem Kind da…

    • Titel eingeben
      ja. also genau ging es mir eigentlich. Dass ich mir Open Streetmap in der Tat bisher noch nie angesehen habe, ist mir peinlich, denn in meinem Umfeld arbeiten so viele leute in Open Knowledge und Open Data… aber manchmal liegt das Gute so nah vor einem, dass man es nicht sieht… danke für den Stupser!

  3. Aha
    Wie unterschiedlich man doch eine Stadt sehen kann.
    Ich fand London total entspannt. Man kann durch die Parks schlendern und sich auf Liegestühlen ausruhen. In St. James’s herrliche kleine Läden besuchen. Bei Truefitt&Hill hätten Sie ein Mitbringsel für Herrn Klein erstehen können. Der ÖPNV ist engmaschig und für wenig Geld kann man im Doppeldecker die Stadt erkunden.
    Ich fand London großartig.

    • ja. ich glaube, das nächste Mal mache ich es auch wieder so, wie ich eigentlich immer Städte erkunde: Einfach mal gucken und rumschlendern. ich hatte vielleicht eine viel zu detailierte Anweisung, was ich alles in dem einen wirklichen freien tag anschauen müsste. das hat sicher etwas für Anspannung gesorgt. Und auch das muss man fairer Weise sagen: Es war eben nur ein Tag. Mit ein paar Tagen mehr, hätte die Sache vielleicht anders ausgesehen, allerdings weiß ich beim besten Willen nicht, wie ich mir DAS leisten soll 😉

  4. Herr
    Es ist guter Text über…

  5. "Abhauen und ankommen" - das klänge ein wenig nach "Lebensanfängerin" eben auch?
    Also auch solche ohne reiseerfahrene Vorfahren mit guter elterlicher Gesprächskultur? Denn das klänge vor allem nach „Pendelexistenz“ eben auch, evtl. „sogar unreflektiert“?

    Viele sind einfach immer überall zu Hause, und zwar immer ohne Not & Pendeln. Und daher auch immer völlig unangestrengt. Anständige Leute unterhalten bei Bedarf sowieso 4 oder 5 Wohnsitze auf der Welt, kaufen Maßanzüge immer nur 5-fach, lassen sich die dann eben der Einfachheit halber je einen immer an jede Adresse schicken. Hält auch die Koffer schmaler. Kleine Bequemlichkeiten nützen. (Bekannte machen international immer viel FKK, die haben auch immer nur sehr wenig mit.)

    Und warum eigentlich all die mühsam unterdrückte oder auf irgendwas verschobene Autoaggression in dem Text? Wenn man eben nicht kann, mag oder verhindert ist, dann wird man halt bezahlt oder bekommt es, so das Leben.

    Und ja, woanders sind auch immer nur dieselben Menschen. Zumal Arme können ja so unerquicklich sein, kön

  6. Übrigens - "Schönesfeld verlassen" -
    ist sie wohl gar nirgendwo gewesen, die ganze Story sichtlich ein Fake. Nicht ein Bild, welches nicht aus Berlin wäre – und von Berlin handelte. Und der „Big Spender“ ist wohl auch ein Traum. Traum, Komma weiblich. Aber warum werden so Träume eigentlich nicht besser mit der Zeit. Oder den Jahrhunderten?

  7. Kommentare
    Sehr geehrte Leserschaft,
    ich habe die Kommentare erst jetzt gesehen. Normalerweise informiert mich eine Mail über neue Kommentare, aber vielleicht ist das technisch etwas im Argen. Ich bitte daher um Entschuldigung, dass Sie so lange darben mussten, ehe Sie freigeschaltet wurden. Werde mich bemühen, dass es bald wieder reibungsloser geht und den Fehler weitergeben.
    KR

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