Berlin ABC

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Wir fahren durch die Hauptstadt

Spaziergang am Oranienburger Tor

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OT_U_Bahn
Ich hatte eine Veranstaltung, saß auf einem Podium und das in der wunderbaren Heinrich-Böll-Stiftung (Schumannstraße 8), wo ich seit Jahren immer wieder rumhänge, weil ich verschiedene Sachen mit denen zu tun habe. Ich bin also befangen, wenn ich hier so schwärme, denn eine dieser Sachen war enormer finanzieller Rückenwind für mein Studium, den ich in Form eines Stipendiums von der Stiftung bekam und ohne den ich heute nicht wäre, wo ich bin. Bitte also Befangenheit unterstellen, wenn ich sage: Was diese Stiftung alles an Konferenzen, Veranstaltungen und Bildung auf die Beine stellt, ist meistens super. Vieles habe ich dort gelernt, vertieft und verstanden und ich bin froh, dass es dieses Haus gibt!

Was es übrigens auch noch zu geben scheint, das ist die FDP. Also zumindest dem Schilde nach. Ich habe nicht nachgeguckt.
FDP

Und es gibt das Phänomen „Friedrichstadtpalast“. Der Broadway des Berliners. Hier gibt es Revuen und andere Shows. Ich war selbst schon einmal auf der Bühne dort, aber ohne Tutu und ohne Verkleidung, sondern weil früher die Netzkonferenz re:publica in der Kalkscheune stattfand, nicht weit von dort, und die großen Vorträge und Diskussionen waren eben im Friedrichstadtpalast. Der mir ansonsten völlig fremd ist. Geht man als Berlinerin überhaupt da rein – oder ist der eh nur für Touristen? – ich weiß es nicht und ich werde es vermutlich nie herausfinden, denn die einzige Revue, die ich je sah, war noch im Kindesalter eine Aufführung von „Holiday on Ice“, irgendwo in Baden-Württemberg – und mein Bedarf wurde hier vollends für den Rest meines Lebens gedeckt. Danke!
Friedrichstadtpalast

Nach meinem Podium bin ich zur Entspannung in die Claire-Waldoff-Straße eingebogen, denn dort ist ein sehr angenehmes und leckeres arabisches Restaurant namens „Casalot“. Unter der Woche gibt es dort einen sogenannten „Business-Lunch“ – ich denke, sie müssen das dort einfach so nennen, damit sich die um die Friedrichstraße herum kumulierenden Bisnispipeul* wichtig fühlen können. Wegen mir muss man ein Mittachessen nicht so nennen. Ich nehme mich auch so selbst wichtig genug, dass ich mir hin und wieder was Gutes und vor allem Leckeres gönne. Heute soll es Halumi sein, dazu ein Kännchen Tee. Ach und der Service ist auch immer freundlich, lustig und charmant. Sehr!
Casalot
Tee
Halumi

Mit vollem Magen bietet es sich an, einen kleinen Spaziergang zu machen und auf den nehme ich Sie nun mit. Auf einen Spaziergang im (noch) Grünen. Ich verrate hiermit ein kleines Geheimnis – bitte behalten Sie es für sich: Wenn man in Mitte ist und alles ist zu viel, muss man nicht raus an den Rand, um tiefenzuentspannen! Man muss nur den Eingang finden – dann geht das auch hier (am besten mit Halumi und Tee vom Casalot im Bauch).

Kaum jemand weiß von diesem versteckten Eckchen mitten in Mitte. Als ich selbst zum ersten Mal hier herumlief, war das auch völlig unbeabsichtigt – ich suchte meinen Hörsaal! Es war die erste Biologie-Vorlesung, die erste Vorlesung überhaupt in meinem Leben und ich versagte auf ganzer Linie, als ich wie irre das Haus suchte, in dem sie stattfinden sollte. Denn der kleine Medizin-Biologie-Veterinärmedizin-Campus der Humboldt-Universität hat ein gut verstecktes Kleinord zwischen der Luisenstraße, der Schumannstraße und der Hannoverschen Straße, dessen Eingang man erst einmal finden muss – und dann eben noch das richtige Gebäude. Wir gehen also in der Claire-Waldoff-Straße weiter, weg von der U-Bahnhaltestelle quasi und lassen uns von der Schranke am Eingang des Hauses der Land- und Ernährungswirtschaft nicht irritieren – durch da! Das ist unser Weg!
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Und dann nach rechts und schon kommt der ersehnte Eingang zum Paradi zu einem der grünsten Teile der Humboldt-Uni, abgesehen vielleicht vom Späth-Arboretum in Baumschulenweg.
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Auf diesem Gelände hatte ich meine Botanik-Vorlesung, ich lernte über die Evolution der Tiere und ich nahm in einer Übung eine Ratte auseinander, um ihr Innerstes zu zeichnen. Auf diesem Gelände habe ich Kaffee getrunken, habe ich eine Freundin kennengelernt, die genau wie ich irgendwann das Studium abbrach und trotzdem haben wir bis heute Kontakt; auf diesem Gelände bin ich durch die Prüfung in Cytologie gerasselt und später durch die in Morphologie und Evolution der Tiere. Das war alles sehr unschön, aber der Campus ist bis heute schön.
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Er ist grün, es gibt viele Ziegelgebäude (Frühklassizismus und Spätklassizismus sind hier anzutreffen) er hatte einmal einen Bach oder auch die Panke, der/die allerdings eingetrocknet ist oder so und – das ist das Beste – er ist so gut versteckt, dass hier quasi kaum jemand ist. Nur zwischen den Studienveranstaltungen sieht man hin und wieder mal jemanden, aber im Moment sind ja auch noch Semesterferien und darum ist hier tote Hose. Mitten in Mitte!
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Ich finde: So lässt es sich leben! Politische Bildung am Vormittag, Halumi zu Mittach, ein Spaziergang am Nachmittag und Abends kann man dann noch fein ins Deutsche Theater gehen, das – wie ich ganz unbefangen finde – ein schönes kulturelles Angebot hat, ein bunter Mix, der mir bislang meistens gut gefallen hat. Aber noch viel meistenser komme ich leider seltener ins Theater, als mir lieb ist. Doch das ist wieder eine andere Geschichte.

* nach einem Song von PeterLicht

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14 Lesermeinungen

  1. nicht zu vergessen:
    ein besuch im tieranatomischen theater und draußen ein guter caffè aus der kleinen roten box _ berlin für kenner halt …

  2. Abenteuer in Mitte
    Ich habe „Ihre grüne Oase“ auch entdeckt, weil ich
    auf den Spuren der ‚Hugenotten in Berlin‘ unterwegs war.
    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Berlin,_Mitte,_Claire-Waldoff-Stra%C3%9Fe,_Hugenotten-Pelikan_von_Michael_Schmidt.jpg
    Keiner den ich kenne, kennt dieses Areal mit dem tollen Pelikan. Jetzt wird es saniert; vorher sah man noch Einschusslöcher in den Wänden.
    http://www.hugenottenviertel.de/seite2.htm
    Und dann entdeckte ich auch die Panke auf dem Humboldtareal.
    Sonntags! Ich habe mich ein wenig gegruselt, weil kein Mensch
    zu sehen war und ich nicht wusste, ob ich auf dem Rückweg über den Zaun klettern muss; der Wachschutz mich an den Ohren zieht und/oder ein Hund mich beißt…

  3. Schöner Alltag
    Danke für den schönen Text. Ich liebe das. Die Ecke muss ich mal suchen. Ich bin ja auch oft in der Gegend

  4. andererseits:
    ich teile solche entdeckungen gern mit meinen freunden. aber nach der faz kommt lonely (!) planets – und dann ist schluß mit lonely …

    • ich hoffe auf die schlechte Erinnerungsfähigkeit des Netzes und so viele Leser_innen wie der Lonely Planet haben wir ja noch nicht. 🙂

  5. In den neunziger Jahren...
    … gab es noch Tiere in den Ställen auf dem Gelände und es roch nach Bauernhof, wenn man dort durchlief 🙂

    … da war der Eindruck einer Insel, weit weg von der Friedrichstraße, noch verschärfter 😉

  6. Mögliche Missverständnisse
    Für Außenstehende könnten sich Missverständnisse ergeben:
    Das “Tieranatomische Theater“ war ursprünglich der Anatomiehörsaal der Veterinärmedizinischen Fakultät. Später fanden hier die Vorlesungen der Tierhygiene, der Veterinärmikrobiologie und der Lebensmittelhygiene statt.
    Ein anatomisches Theater war es in gewisser Hinsicht dennoch: Im Rundbau des Hörsaals sind an den Wänden Rinderschädel als Plastiken angebracht gewesen, die Oberkiefer mit Schneidezähnen aufwiesen. Die gibt es anatomisch dort nicht.
    Es würde mich interessieren, ob der Hörsaal, also das Theater, in seiner ursprünglichen Ausstattung und seinen Sitzgelegenheiten erhalten geblieben ist.
    Es würde mich freuen, wenn jemand dazu Auskunft geben könnte.

    Mit fielen Grüßen,

    Bernard del Monaco

  7. Lieber Herr del Monaco
    das tieranatomische Theater wurde 2005 bis 2012 gründlich saniert. Ich gehe davon aus, dass dies denkmalgerecht geschah, d.h. wo immer es ging, der ursprüngliche Zustand bewahrt wurde.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Anatomisches_Theater_der_Tierarzneischule

    Die Rinderschädel im Inneren des Hörsaals sind übrigens Wandmalerei, nur außen befinden sich plastische Rinderschädel.

    • Titel eingeben
      Vielen Dank für die Auskunft. Es hat mich sehr gefreut.

      Mit fielen Grüßen,

      Bernard del Monaco

  8. !ucky
    Dieser versteckte Teil Berlins ist seit mehr als 15 Jahren mein täglicher Weg zur Arbeit und ich genieße diesen jeden Tag aufs Neue!

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