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Berlin ABC

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Wir fahren durch die Hauptstadt

Eine Menge Papierkram

| 5 Lesermeinungen

Auf einmal gibt es einem Knall. Ich blicke von meiner Brigitte auf und im Gang, nur einen Meter vor mir, liegt ein Mensch. Liegt ein Mensch und bewegt sich erst gar nicht. Graue Haare lassen auf ein fortgeschrittenes Alter schließen. Den Rollator nehme ich zuerst gar nicht wahr. Menschen, deren Gehirn schneller reagiert als meines, rennen von hinten zu diesem Menschen, sie kommen auch von vorne. Vier Besorgte sind schon dort, als ich mich erst im Aufstehen befinde. Ich tue alles sehr langsam. Ich bin die mieseste Ersthelferin der Welt.

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Eine Frau ist klar wie ein Sonnenstrahl. Den einen schickt sie zum Fahrer – „jemand muss vorne bescheid sagen, der muss anhalten.“ Die anderen bittet sie um Taschentücher. Der gestürzten Frau wird langsam aufgeholfen. Ihr Gesicht tropft – Blut ist auf dem Boden. Taschentücher kommen, auch von mir. Das werde ich wohl schaffen. Das schaffe ich. Halte ihr ein weißes Zellstofftuch unter die Nase, sehe wie es volltropft, wie mein Finger leicht rot wird. Ich kann kein Blut sehen. Eigentlich. Es geht bei meinen Kindern. Und hier geht es gerade auch. Noch.

Die Tram hält, der Fahrer kommt nach hinten. „Sie bescheren mir jetzt eine Menge Papierkram“ sagt er zu der Frau und dass überall stünde, man müsse sich festhalten. und dass er bitte ihren Ausweis bräuchte. und dass er einen Notarzt rufe.

Im Wagen macht sich Empörung breit. Eine fast 90-Jährige ist gestürzt, blutet, hat sich bestimmt was gebrochen und der faselt von Papierkram! „Typisch“, raunt eine hinter mir. Neulich sei in der Bahn ein Alter in Ohnmacht gefallen – der Fahrer habe gemotzt, dass nun sein Feierabend hin sei. „Typisch“, raunt sie wieder. Hört gar nicht zu, sieht nicht, will das einmal gemalte Bild nicht mehr ändern müssen. Stimmt doch. Ist doch so.

Ich sitze da, geschockt, und glaube, dass es der Schock ist. Also beim Fahrer. Der ist ja schuld – denkt er bestimmt selber. Weil er so ruckigheftigkrachend angefahren ist, ist eine alte Frau mit Rollator ungestützt auf ihre Nase geknallt. Mich würde das überfordern. Wer weiß, was ich dann sagen würde – die menschliche Psyche sucht einen anderen Schuldigen als sich, sie will das nicht gewesen sein, jemand anderes muss her, wer? wer? na sie – warum hält sie sich nicht fest??? Und genauso wie manche, die sich grade den Arm gebrochen haben oder in einem Unfall verletzt wurden, als erstes fragen, wer jetzt denn ihre Steuerunterlagen zum Finanzamt bringt, denkt er an das Papier – dann muss er nicht an das Blut denken. Schwarz auf weiß, statt rot auf grauem Tramboden.

Die rümpfende Frau hört nicht, dass seine Psyche sich schnell wieder fängt und wie warm er jetzt mit der Gestürzten redet. Die will, dass er weiterfährt. „Machensesich mal keinen Kopp. Es is nich so schlimm“. Er nimmt ihre Hand und sagt, sie warten jetzt gemeinsam. „Wir warten“. „Dann komm ich in die Klinik“, seufzt die Alte. „Ich geh gleich mit“, lächelt er. „Meine Niere muss nächste Woche ohnehin raus. Dann teilen wir uns ein Zimmer – das wär doch was, wir zweie!“ „Mit Ihnen kann ich mir das sehr gut vorstellen“, träumt sie. „Darf ich vielleicht schonmal ihren Ausweis…?“ fragt er, denn Papierkram muss trotz allem sein. Sie hält ihm das ganze Portemonnaie hin. „Darf ich einfach gucken?“ fragt er. „Na klar! Sie dürfen alles.“

Der Notarztwagen auf der anderen StraßenseiteDer Notarztwagen auf der anderen Straßenseite

Das Blut entfaltet langsam doch seine altbekannte Wirkung auf mich. Ich gehe raus an die Luft. Der Notarzt trifft gerade ein. Hinten stauen sich langsam die nachfolgenden Trams. Erst zwei. Am Ende, als der Notarzt wieder weg ist und die Tram losfährt, kann ich sieben zählen, dann nimmt die Straße eine Kurve und was da noch steht weiß ich nicht.

Ein Stau aus TramsEin Stau aus Trams

Eine M13 später. Anfahrt. Eine rothaarige Frau mittleren Alters gibt angesichts der Beschleunigung einen fast räuspernden Ton von sich. Ich zucke zusammen. Jedes Anfahren, jedes Bremsen wird mir heute zur Qual. Mir ist vorher nie aufgefallen, wie ruppig, hart und hektisch so eine Tram durch diese Stadt beschleunigt und bremst. Und zwei Stationen weiter ist es wieder ein alter Mann, der beim Anfahren mit seinem Schirm in der einen und seinem Plastebeutel in der anderen Hand beinahe zu Fall kommt, keine Hand frei hat, er kann sich gerade eben noch an einer Festhaltestange auffangen/anlehnen – wobei es eher so ein Dagegenknallen ist, das gibt bestimmt nen blauen Fleck.

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5 Lesermeinungen

  1. Danke
    Welch‘ schöne Schreibe Du hast, Danke

    Und der Patientin: Gute Besserung

  2. schön
    gut beobachtet und schön geschrieben, danke.

  3. Titel eingeben
    Gute Erzählung. Danke

  4. Nur Trams?
    Wirklich wahr, nur Busfahrer sind noch einen Zacken schärfer. In jeder Hinsicht.
    Ach übrigens: Es heißt glaube ich „Plastiktüte“ oder auch „Plastikbeutel“. Glaube zu wissen, dass in Buna und Schkopau kein Plaste und Elaste mehr hergestellt wird.
    Klugscheißermodus ist jetzt wieder aus.

    • bewusst gewähltes Stilmittel 🙂

      und ja: Busse erlebe ich auch oft als gefährlich. für Alte wie für Kinder.

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