Berlin ABC

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Wir fahren durch die Hauptstadt

Pankow

| 7 Lesermeinungen

Die Kinder und ihre Mutter waren hungrig. Hungrig in Pankow. Man muss dazu sagen: Als ich zuletzt in der Florastraße unterwegs war, im Jahr 2003, da gab es dort nicht sehr viel als das „Flora Bistro“ und einen Bratnudelasiaten. Damals wohnte ich in einer Fünfer-WG in der Florastraße. Meistens holten wir uns auf dem Nachhauseweg schnell ne Bratnudel-Aluschale beim Asiaten. Aber die Kinder mögen das nicht, also halte ich das „Flora Bistro“ für die einzige Einkehrmöglichkeit, nicht ahnend, wie der Bezirk sich hier verändert hat.

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Als ich die „Chili Cheese Pommes“ bestelle, so nur, weil eine romantische Erinnerung an eine kulinarische Jugendliebe mit mir durchgeht. Und zwar gab es im „AbraKebabra“ in Castlebar Pommes mit den unterschiedlichsten Toppings: Chilisoße, gröstete Zwiebeln, Ham and Eggs und eben alles mit Cheddar überbacken. Wir kehrten dort ein, als ich im Alter von 17 Jahren zu Besuch bei einer irischen Familie im County Mayo war und dort mit der ältesten Tochter in die Schule ging. In Castlebar. Und so manches Mal gingen die Mädels in der Mittagspause eben dort essen.

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Im „AbraKebabra“ liefen manchmal Jungs rum, die leicht gerötete Augen hatten. Ich habe erst viel später kapiert, warum. Der Laden erfüllt vermutlich so ziemlich alle Wünsche, die man stoned an ein Essen richten kann. „Haschisch“, so lernte ich übrigens damals, heißt bei den Iren umgangssprachlich „turf“ – „Torf“. Das lernte ich. Genauso wie den Begriff „Blow Job“.

Die „Chili Cheese Pommes“ im Flora Bistro sind leider nicht das, was sie im „Abra Kebabra“ waren. Sondern Pommes, über die man Chili con Carne geschüttet hat und eine Scheibe „Scheiblette“ oben drauf gelegt. Sprich: It contains Hack! Das ist ärgerlich. Denn unterwegs esse ich grundsätzlich kein Fleisch, da man nicht weiß, wo es herkommt und folglich auch nicht, ob das Tier unnötig gequält wurde. Wurde es meistens. Deswegen esse ich lieber nur zuhause Fleisch und zwar mit dem „Neuland“ oder dem „Naturland“-Siegel, da beide Wert auf artgerechte Tierhaltung legen.

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Vor mir stehen also rauhe Mengen Hack auf Pommes. Was ich aber noch viel schlimmer fände, als solches Fleisch zu essen, wäre: es wegzuschmeißen. Ernsthaft! Dafür soll kein Tier gelitten haben!

Töchterchen nimmt sich – Achtung! – eine Schnitzel-Pommes-Box mit viiiieeel Mayo oben drauf. Ihr Bruder begnügt sich mit Pommes. Allerdings mit viiieeeel Pommes-Gewürz. Das ist seine neue Leidenschaft.

Danach – wenn wir schonmal hier sind, machen wir uns auf in Richtung meiner alten Wohnung. Es war die erste Wohnung in Berlin, für die ich auch Miete zahlte. Die beiden Jungs aus der Malmöer waren dabei und zwei Mädels dazu, aber lange hielten wir es dort nicht aus. Die Immobilienmaklerin hatte uns belogen, als wir gefragt hatten, ob es in der Wohnung DSL gebe. Ja, damals gab es in Pankow nur ISDN und sowohl ich, als auch der eine Junge waren aufgrund unserer täglichen Arbeit darauf angewiesen, schnelles Internet zu haben. Wir zogen nach sieben Monaten aus. Auch dies ein erstes Mal: Ich erlebte, was passiert, wenn Vermieter ungültige Dinge in einen Mietvertrag schreiben und wenn dann ernste Briefe mit Autoritätsbriefköpfen geschrieben werden und man aus einem Vertrag doch rauskommt, der angeblich mindestens drei Jahre unkündbar sein sollte. Eltern, die Anwälte sind – so praktisch!

Ehemals ein Bratnudel-Asiate, jetzt indischEhemals ein Bratnudel-Asiate, jetzt indisch
Unsere alte Wohnung war eine Maisonette, was eigentlich eine tolle Wohnungsform ist – alles mit Treppen wirkt gleich so viel dynamischer und zuhausiger, leider lag die eine Etage der Wohnung im Hochparterre und die andere praktisch im Keller. Wir hatten unser Zimmer im Keller, es war dunkel und das, sowie diese Abgeschiedenheit und Tristheit, die Pankow damals hatte, legten sich seltsam auf mein Gemüt. In Pankow war ich nicht sehr glücklich. Nach Friedrichshain zu ziehen war damals eine große Verbesserung der Lebensqualität – nicht nur, weil es dort inzwischen DSL gab (wenn auch immer noch nicht überall).

In der Florastraße hat sich so viel getan! Es gibt einen Second-Hand-Laden für Baby- und Kindersachen; es gibt einen Bücherladen mit dem Namen „Disko Bücher“; wo der Alu-Asiate war, ist nun ein Inder; weiter hinten ein kleines Café, namens „Wo der Bär den Honig holt“, in dem die Kuchen von der Frau hinter dem Tresen selbst gebacken werden und dessen Design sowie Interieur an Neukölln oder Schöneberg erinnert. Freundlich, sieht aus wie selbstgemacht, mit 70er-Jahre-Möbeln und Bildern befreundeter Künstler an den Wänden. Wir kehren für einen Nachtisch ein – heute geben wir es uns dreckig!

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In einem Anfall von Größenwahn bestelle ich drei Stück Kuchen: Eins vom Spekulatius-Käsekuchen, eins von der Schoko-Erdnussbuttercreme-Torte und eines vom Brownie mit Karamel/Fleur de Sel. Am Ende reiben wir unsere spannenden Bäuche und sind glücklich, überwältigt und irgendwie am Ende. Die Frau hinter dem Tresen fragt, welcher am besten gewesen sei. Aber das kann man wirklich nicht sagen! Sie waren jedes auf seine Weise der absolute Knaller! Sie lächelt schüchtern und bestätigt, dass es sie auch immer überfordere, gefragt zu werden, welchen Kuchen sie denn empfehlen würde, denn sie backe ja nur, was sie selbst toll finde und sonst nichts.

Schoko-Erdnussbuttercreme-TorteSchoko-Erdnussbuttercreme-Torte
Eine Freundin wohnt in der Florastraße. Sie sagt, sie wohne da gern und ich habe sie immer schräg angesehen, weil ich an mein angeschlagenes Gemüt denken musste.Gut, dass ich mir das noch einmal persönlich angesehen habe.

Ein „AbraKebrabra“ gibt es hier zwar nicht – aber der honigholende Bär hätte den Jungs mit den roten Augen sicher auch gefallen.

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7 Lesermeinungen

  1. Neuland Siegel?
    Ist die Merkel jetzt ins Bio-Fleisch-Business eingestiegen?

  2. Titel eingeben
    Vielleicht mal über gutes & gesundes Essen berichten und nicht so viel über den Müll? zum Beispiel bei Vincent Klink, z.B. gerade ein schöner Artikel in der SZ über Wurst, auch auf seiner wielandshoehe-website nachzulesen.

    • wieso? das ist ja hier kein Food Blog (das gibts nebenan übrigens auch, die feine Frau Mühl macht das ziemlich gut), sondern eines über S- und U-Bahnhöfe und alles mögliche, was es dort gibt. und zu Berlin gehört zu einem guten Teil auch dieses Räudige… außerdem war das Café „Wo der Bär den Honig“ holt eine echte Perle! da ist null Ironie drin, diese Kuchen waren alle drei der Knaller. und das Ambiente sowie die Frau super angenehm

    • es gibt eben oft viele Seiten einer Gegend. und das ist ja auch wiederum das Spannende

  3. Heute
    Heute geben wir es uns dreckig – den Spruch kannte ick noch nich…
    Danke und Gute Nacht

  4. Titel eingeben
    Na, es geht schon immer mal ums Essen, aber bei Ihnen zumindest aus der Situation heraus (Hungergefühl eben… 🙂
    Bei Ihrem Kollegen wundert mich indessen nicht, dass hier die Vorstellung von einem Foodblog entstehen kann – habe gerade sein neues Stück aus Halensee gelesen!

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