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Wir fahren durch die Hauptstadt

Halensee

| 9 Lesermeinungen

Ich musste nach Halensee, um eine kleine Reportage für den Hörfunk zu machen. Dazu nehme ich die Ringbahn, lieber noch die S46, denn in die steigen weniger Menschen ein. Vermutlich, weil sie nur bis Westend fährt. Genau genommen musste ich nicht hierhin, sondern wollte.

halensee_bahnsteig

Halensee ist einer dieser Bahnhöfe, die dermaßen wenig einladend sind, dass man sie nur ihrer Funktion wegen nutzen und entsprechend zügig verlassen will. Wenn man dann auch noch – wie es mir am Tag des Besuchs passiert ist – auf dem Bahnsteig von einem Mitglied der bildungs- und anstandsfernen Schichten angepöbelt wird, das nicht begriffen hat, dass man kein fotografisches Interesse an ihm, sondern an einem Schild hat (was man durchaus auch als Beleidigung auffassen könnte, von der ich aber glaube, dass solche Leute sie kaum kapieren dürften), das in einem solchen Winkel zu ihm selbst steht, dass er nichtmal mit einem Fisheye-Objektiv abgelichtet worden wäre. So hat man es einerseits umso leichter, den Bahnsteig hinter sich zu lassen und andererseits sogar noch ein wenig was zum Feixen auf dem Weg nach oben (nimm einstweilen dies, Bourdieu!).

Ich habe drei Gründe identifizieren können, aus denen man möglicherweise nach Halensee wollen würde, wenn man nicht das Glück hat, in einer der hübschen Straßen zu wohnen, die sich dort in der Nähe tummeln (sich über Deppen lustig zu machen, gehört aber nicht dazu).

halensee_baumarkt

Einmal findet man unmittelbar am Bahnhof Halensee den GröBaZ, den größten Baumarkt aller Zeiten. Möglicherweise will man ja dort Werkzeug kaufen oder so. In einer anderen Filiale dieser Firma bin ich mal derart schlecht beraten worden, dass ich hunderte Euro für einen Bodenbelag ausgegeben habe, der sich nach dem Verlegen als weitgehend untauglich für den Raum erwiesen hatte. Und weil es dieser Tage so irre modern ist, Pseudoargumente nach dem Schema „pars pro toto“ zu bringen, würde ich seitdem auch gerne davon abraten, dort einkaufen zu gehen. Diese Firma scheint allerdings – zumindest in jenen Bereichen Berlins, in denen ich regelmäßig unterwegs bin – ein Quasi-Monopol zu haben, so dass man kaum darum herumkommt, denen sein Geld in den Rachen zu werfen. Also rate ich nur noch davon ab, sich auf die Expertise der dortigen Mitarbeiter zu verlassen, denn im Zweifelsfall haben sie weniger davon als man selbst. Es ist vermutlich ein wenig so, wie mit der Ortskenntnis bei hiesigen Taxifahrern.

Dieser Baumarkt hat einen Drive-In-Schalter. Das finde ich irritierend, denn ich stelle mir immer vor, dass man dort vorfährt wie bei einer dieser Ketten, die jahrzehntelang verhindert haben, dass die Menschen mitbekommen, dass Hamburger auch gut schmecken können. Dann steht man da neben einem kleinen Blechkasten, redet mit einem unsichtbaren Menschen, dessen Stimme klingt, wie nach einer Kehlkopf-Entfernung und bestellt Sachen wie „nen siebßehner Mau-el, ne Packung Klingen für’n Böschungshobel und ne Handvoll dreieinhalbmalfümmenfuffziger Spaxen, aber bitte nicht so viele Flako“ und der Kehlkopflose fragt: „Möchten Sie noch einen Zollstock dazu?“, man kennt das. Tatsächlich verhält es sich vermutlich völlig anders und ich werde sich irgendwann auch mal ein Auto mieten, um da reinzufahren und nachzusehen. Bis dahin lassen Sie mir bitte meine Illusion, denn sie amüsiert noch wesentlich stärker, als der Depp auf dem Bahnsteig.

halensee_buenger

Es gibt daneben aber auch mindestens einen wirklich guten Grund, nach Halensee zu fonsen*, und das ist der, dessentwegen auch ich diesmal dort war: Die Fleischerei Bünger in der Westfälischen Straße 53. Ich habe eine große Schwäche für Bratwurst. Und zwar nicht für diese fiesen Jahrmarktswürste, die nur mit absurden Mengen Senf überhaupt genießbar sind, und gerne mit einer, schräg halbierten, Scheibe Trockentoast auf einem Pappteller serviert werden, sondern für Bratwürste, bei denen sich entweder etwas Spektakuläres ausgedacht wurde, bei denen man Handwerkskunst erkennen kann (versuchen Sie mal, einfach so eine ordentliche Bratwurst nur aus Fleisch, Pfeffer, Salz und Majoran zu machen!) oder am besten beides. Bünger ist von allen Metzgern, die ich in Berlin kenne, sehr weit vorne was meinen Anspruch an Wurst angeht und hat, mit seiner „Groben mit Kümmel“, auch schon mehrfach die Dahlemer Bratwurstmeisterschaft gewonnen – eine ungeheuer provinzielle Veranstaltung, die so vermutlich nur in Berlin existieren kann, die ich aber irre gerne besuche. Bünger hat, wie viele andere gute Metzger, auch Spezialbratwürste, wie Trüffel, Thai-Chili-Lemon oder Lavendel. Die gibt es allerdings überwiegend am Wochenende und noch überwiegender während der Grillsaison (auch so ein Wort…).

halensee_wurst

Ich empfehle dringend einen Besuch der Metzgerei. Kaufen Sie einfach zwei Stück von jeder Wurst, fahren Sie nachhause, laden Sie einen netten Menschen ein und werfen Sie den Grill an. Pfanne geht natürlich auch. Falls es für einen Tag zu viel sein sollte, frieren Sie die Würste ein. Das geht ganz gut, man muss hinterher nur ein wenig aufpassen, wenn man sie zubereitet. Ich taue die Dinger in der Mikrowelle komplett auf, dabei garen sie schon ein wenig, aber das stört nicht, und werfe sie dann erst bei sehr wenig Hitze auf den Grill. Ein anderer regelmäßiger Wurstmeister ist die Fleischerei Genz mit ihrer Spargel-Zitronengras-Bratwurst (ja, sowas gibt es und es schmeckt sehr gut), aber der ist ganz woanders, nämlich bei mir um die Ecke, so dass ich gelegentlich von der Liebsten gescholten werde, es gebe zu oft und zu viel Bratwurst im Hause. Vermutlich ist das hier deshalb auch nur ein weiterer, wohlfeil als „Journalismus“ verbrämter, Versuch, eine Wurst am innerfamiliären Kulinarikzensor vorbeizuschleusen.

Bünger jedenfalls ist auch bereit, dort gekaufte Würste direkt zuzubereiten. Das dauert natürlich einige Minuten, aber frischer geht’s dann wirklich nicht mehr und man hat Gelegenheit, während der Wartezeit den kalten „Ochsenmaulsalat“ zu probieren. Dünn geschnittene, sauer eingelegte Ochsenbäckchen. Heieiei! Ich kann Ihnen sagen!

halensee_ochsenmaulsalat

Nach dem Ausschlafen, der Fahrt nach Halensee und dem Brunch beim Metzger haben wir auch gleich den dritten guten Grund, nach Halensee zu fahren: Hier beginnt (oder endet – je nachdem), oberhalb des Bahnsteiges, nämlich der flanierfähige Teil des Kurfürstendamms, den Sie bis hoch zum Wittenbergplatz laufen können. Das dauert eine gute Stunde, wenn Sie gleichzeitig Shopping betreiben wollen, entsprechend länger. Am Wittenbergplatz ist das Kaufhaus Des Westens, die Würste sind mittlerweile abtrainiert und wir haben damit keinen guten Grund mehr, nicht oben im KaDeWe was essen zu gehen. Tipp: Die Burger dort (eine weitere Schwäche) sind nicht wirklich schlecht, ihr Geld aber leider auch nicht wirklich wert.

 

Wenn Sie nicht laufen können, wollen oder müssen, können Sie aber auch in den Bus einsteigen und sich den Kurfürstendamm hochchauffieren lassen, was oben, vorne, in einem Doppeldecker, immer wieder ein Vergnügen ist. Außer, wenn zu viele, also mehr als zwei, Jugendliche mitfahren. Aber das ist ja in jedem Verkehrsmittel so. Um den Bus-Fahrgästen das Auffinden der Haltestelle zu erleichtern, haben die 80er Jahre ein Bauwerk hinterlassen, das gleichzeitig dazu animiert, schnell von hier zu verschwinden, so dass der Abschied nicht allzu schwer fällt. Schon verrückt, wozu man Architektur alles so benutzen kann.

halensee_bushalte

Gerade in Berlin finde ich reichlich Orte, von denen man weg will. Mein Lieblingsbeispiel ist da immer der Alexanderplatz, der schlimmste Infarkt im Herzen der Stadt: Immer rappelvoll mit Menschen, von denen aber niemand wirklich dort ist, um zu verweilen. Außer vielleicht die hysterischen Jugendlichen auf Klassenfahrt, die mit roten Wangen in den Tüten wühlen, die sie kurz vorher mit billigster Kleidung aus fragwürdigster Herkunft gefüllt haben, die hier am Alex angeboten wird. Aber was will man von mehr als zwei Jugendlichen auch erwarten.

halensee_busaussicht

Wenn man einfach im Bus sitzen bleibt und ein paar Stationen am KaDeWe vorbei fährt, gelangt man zum Nollendorfplatz. Dort ist es auch interssant. Aber da war ich ja gerade erst, also fahre ich weiter, bis die Umgebung wieder halbwegs einladend aussieht – was kaum vor dem Mehringdamm in Kreuzberg sein dürfte.

 

*Fonsen, das (Verb, nach DonAlphonso): Aufwand treiben, der Außenstehenden ungerechtfertigt hoch erscheint, um Ziele zu erreichen, die Außenstehenden gering erscheinen. (Beispiel: Nur für einen Apfelstrudel vom bayerischen Oberland aus die Alpen nach Südtirol überqueren)

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9 Lesermeinungen

  1. fonsen
    Hmm!
    In einem Bratwurt- und Ochsenmaulartikel eine Verbindung zu Ihrem danubischen Blogger Kollegen hinzubekommen, ist wirklich schon hohe journalistische Kunst!

    • Naja, es ist ja auch reichlich bescheuert, eine Stunde und mehr Zeit aufzuwenden, um Wurscht für nen Fünfer zu kaufen 🙂

  2. a propos: Klink über Würste
    Über GUTE Würste war vom Lieblingskoch Vincent einiges in der FAZ am 31.September. …und ist übrigens auch auf Vincents Website in voller Prächtigkeit nachzulesen.

  3. Eis!?
    Moment, ist da nicht auch gleich ein Eis-Hennig?

  4. Mensch Meier
    Halensee kenn ich nur von Ton Steine Scherben. Da stand irgendjemand im 29er Bus auf Mensch Meiers großem Zeh. „NeeNeeNee eher brennt die BVG!“

  5. Fonsen...
    Sehr gut. Ein solcher Begriff beschreibt genau das, was einige meiner Thüringer Landsleute (und ich auch) im Exil ebenfalls praktizieren: Nämlich hunderte von Kilometern nur für den Export von richtigen Bratwürsten zurückzulegen 🙂

  6. KuDamm
    In meinem persönlichen Umfeld haben wir uns darauf geeinigt daß Halensee „oben“ und die Gedächtniskirche „unten“ am KuDamm ist. Damit ist die Richtung klar wenn mann den KuDamm „rauf“ oder „runter“ geht. Ein Gang über den Kurfürstendamm endet allerdings an der Gedächtniskirche und nicht am Wittenbergplatz. Bis dahin geht der KuDamm nicht.
    @Oliver K. – Der Eis-Henning ist nicht mehr. Auch an der Bundesallee hat die Filiale seit längerem geschlossen.

    Danke für den Tip mit der Metzgerei in der Westfälischen Straße in der ich lange nicht mehr zu fuß gewesen bin – das könnte sich aber lohnen.

    Mit Gruß
    A.F.

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