Berlin ABC

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Wir fahren durch die Hauptstadt

Rahnsdorf

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Mit Rahnsdorf verknüpft sich die folgende Geschichte:

Ich war erst 21 Jahre alt, als ich geheiratet habe. Vielleicht war das ein bisschen verrückt. Aber ich habe mir immer eingebildet, dass man im Leben auch mal große Schritte machen sollte, nicht immer nur so vorsichtige kleine Trippelschrittchen. Vielleicht lag das wiederum daran, dass ich mich selbst als eine Art „Selbstmörderin“  gesehen habe, wie Hermann Hesse das im Steppenwolf beschrieb: 

„dem Selbstmörder ist es eigentümlich, daß er sein Ich, einerlei, ob mit Recht oder Unrecht, als einen besonders gefährlichen, zweifelhaften und gefährdeten Keim der Natur empfindet, daß er sich stets außerordentlich exponiert und gefährdet vorkommt, so, als stünde er auf allerschmalster Felsenspitze, wo ein kleiner Stoß von außen oder eine winzige Schwäche von innen genügt, um ihn ins Leere fallen zu lassen.“

So fühlte ich mich eine lange Zeit meines Lebens, bitte fragen Sie nicht, ob es heute noch so ist, darauf wüsste ich momentan keine sinnvolle Antwort. Es ist auch gut möglich, dass ich mich mit Anfang 20 einfach aus Gründen des Anfang-20-Seins mit solchen Flausen überidentifiziert habe. Jedenfalls lebte ich stets mit diesem Gefühl, dass ich im Leben alles mitnehmen sollte, das sich bot und das mir am Herzen lag. Große Schritte zu gehen besser sei, als kleine, weil ein vielleicht kurzes Leben dann doch einiges beinhalten konnte. Also heiratete ich eben.


Für diese Hochzeit brauchte ich eine Torte. Hochzeiten sind mir ansonsten als furchtbar albern im Kopf. Das ganze Gewusel, das dem Monate vorausgeht: Kleid, Schuhe, Standesamtstermin, Location, Einladungskärtchen, Blumen, Band, wer sitzt neben wem?, was Blaues, was Altes, was Neues, einstudierte Phrasen und Stücke, Tanzschule, den Champagner aussuchen, die Familie befrieden, die Freunde befrieden – all sowas war mir lästig. Wir planten unsere Hochzeit so aufwendig wie nötig und so bodenständig wie möglich. Die Torte hätte dabei eigentlich ausfallen müssen. Doch aus irgendeinem Ulk heraus, der fest in meinem Kopf saß, wollte ich einen weißen Mehrstöcker mit Marzipanpaar obendrauf dastehen haben. Aber wo bekommt man so etwas eigentlich her?


Man bekommt es zum Beispiel beim „Conditor Gerch“ in Rahnsdorf. Dort fuhr ich hin. Vom Ostkreuz fährt die S3 durch. Das sind vielleicht 20 Minuten oder so, also ein Klacks. Von dort aber wird es etwas komplizierter. Es war in der Zeit vor den Smartphones, also noch eine völlig andere Gesellschaft! Man musste seinen Weg mit Hilfe einer Karte finden, die man zuvor aus dem Internet ausgedruckt hatte. Zumindest trug es sich bei mir so zu und so kam es, dass ich mich erst einmal im Wald verlief. Denn die Gegend um den S-Bahnhof Rahnsdorf ist in erster Linie das: Wald. Dass zum „Conditor Gerch“ auch ein Bus gefahren wäre, das war mir nicht gleich klar, deswegen ging meiner Hochzeitstortenbestellung ein schöner Spaziergang voraus. Damals dachte ich: „Ach cool – so schnell ist man im Grünen?! Das muss ich mir merken! Mit Kindern ist das vielleicht einmal noch nützlich!“ Die Realität ist allerdings, dass man mit den Kindern schon viel früher aus der S3 aussteigt, wenn man in den Wald will. Nämlich in Wuhlheide oder in Hirschgarten.

 
Nach einer Runde Wald (oder Bus) kommt man also endlich beim Gerch an. Damals lief das dann so: Man bekam einen Katalog vorgelegt, der genaugenommen ein Ringbuch war, in dem Fotos vergangener Hochzeitstorten abgebildet waren. Aus diesen hatte man nun zu wählen. Viel Geld hatten wir nicht, deswegen wählte ich den vermutlich kleinsten Mehrstöcker, den es damals gab. (Heute, in dieser anderen Gesellschaft, spielt ein Monitor Bilder der Torten in einer Art Diashow ab)

Mehr als zehn Jahre später treibt es mich zum ersten Mal seit diesem Tage wieder nach Rahnsdorf. Als Aufgabe habe ich mir gestellt, den Weg – so wie damals – ohne Smartphone zu finden. So spazierte ich wieder im Grünen, landete aber nicht beim Gerch sondern in Schöneiche. Auch nicht schlecht. Schöneiche ist so ungefähr das dörflichste, was ich hier je sah. Einfamilienhäuser, hübsche Gärten, tote Hose.

 
Schöneiche allerdings hat ein Problem – oder auch nicht, man muss das abwarten. Jedenfalls wären die Bewohner von Fluglärm betroffen, sollte es jemals dazu kommen, dass dieser Großflughafen namens BER eröffnet würde… mir ist nicht ganz klar, ob Schöneiche dieses Problem vielleicht jetzt schon hat, denn wer einmal in den letzten Monaten von Schönefeld geflogen ist, wird bemerkt haben, dass der Flieger erst einmal eeeeewig herumfährt, ehe er von einer Startbahn abhebt. Die fliegen nämlich teilweise schon von den BER-Startbahnen los! Aber ob das schon auf Schöneiche wirkt kann ich nicht sagen. Bei meinem kurzen Aufenthalt dort draußen konnte ich jedenfalls keinen Fluglärm vernehmen. Aber das muss nichts heißen.

 
Ein Weilchen schlenderte ich durch das leere Dorf, Menschen traf man so gut wie keine, in einem Garten wurden Gartenabfälle verbrannt. Und auf meinem Weg kam ich am „Hotel Edelweiß“ vorbei, das sich nach eigenen Angaben hervorragend dazu eignen soll, hier Hochzeiten zu feiern. Wenn Sie also die gesamte Hochzeitsgesellschaft in die Pampa jagen wollen – warum nicht Schöneiche? Die Torten gibt es im nächsten Ort – ist doch Praktisch!

 
Von Schöneiche fährt der 161er Bus unter anderem nach „Rahnsdorf Waldschänke“ und beim Namen dieser Haltestelle klingelt es in meinem Kopf. Ich steige ein, fahre die Strecke, die ich gekommen war, zurück, vorbei am S-Bahnhof und steige in „Rahnsdorf Waldschänke“ aus. Ein paar Meter Fußweg und ich stehe vorm Gerch.

 
Mein Hunger wird in diesem Blog offenbar ein wiederkehrendes Motiv, jedenfalls knurrt mir der Magen und so trete ich ein und beschließe, aus all den Köstlichkeiten eine mit zu mir nach Hause einzuladen. Es wird die „Birne-Helene-Sahnetorte“ und ich weiß, dass der Tortenliebhaber vom Nachbarblog seine Freude an ihr oder einer ihrer Schwestern gehabt hätte.

 
Die Ehe hielt übrigens sieben Jahre – Klassiker! Und ich habe mich inzwischen auf die kleinen Schritte im Leben eingelassen. Vielleicht auch, weil neben mir nun häufig zwei Kurzbeinige herlaufen. 

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5 Lesermeinungen

  1. Torte
    Unglaublich,
    Schon 3 Tage online und keiner kommentiert!
    Also dann: gerne mehr Tortenbilder;
    auch als süßer Ausgleich zu den Bratwurstbeiträgen Ihres CoAutors

    • endlich ein Kommentar! danke! mal sehen, ob Berlin überhaupt so viele Torten zu bieten hat … 😉

  2. Bin lange wehmütig in meiner Vergangenheit gewesen...
    Torte(n)…von und mit meiner Oma, bis sie 1988 starb und mit ihr
    all ihre Familien-Feiern-Torten-Rezepte…die Mokka-Sahne-Torte,
    mein ewiger Favorit…ach Oma…schön war’s.
    Ihre Beiträge wirken bei mir wie…zurück in meine…Geschichte:=)

  3. Rahnsdorf und Zeit
    Liebe Frau Rönicke, ich empfand bei meinem einzigen Besuch in Rahnsdorf eine lethargische Grundstimmung. Der Ortsteil wirkte mir nicht direkt aus der Zeit gefallen – das wäre noch zu dynamisch – eher als sei die Zeit dort aufgrund eines relativitätstheoretisch hoch interessanten Vorgangs etwas zähflüssiger vergangen als sonst. Dass eine 21-Jährige Frau ausgerechnet mit dem festen Vorsatz, ihr Leben in großen Schritten zu leben, sich hier ihren leicht retro angehauchten Wunsch nach einer mehrstöckigen Hochzeitstorte erfüllt, finde ich bizarr poetisch.

    Wenn Sie mir eine persönliche Anmerkung erlauben: Ich kenne keine Frau, die von ihrer Hochzeit, Ehe und Scheidung so unbeschwert erzählt.

    • man muss den Dingen ihren Schrecken nehmen 🙂
      ja – Rahnsdorf ist irgendwie… anders. Schöneiche auch

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