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Wir fahren durch die Hauptstadt

Voltastraße Teil 2

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Im Frühjahr war ich an der Voltastraße, um diese kleine Geschichte zu erzählen. Wie ich aber dort so stand, fiel mir eine andere ein und ich bin diese hier schuldig geblieben. Die alte Geschichte hing mit Ereignissen zusammen, die in den späten 80er Jahren gründen, diese hier hat  sogar einen noch älteren Anfang.

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Irgendwann zu Beginn der 80er Jahre hatte ich irgendetwas ausgefressen, keine Ahnung mehr was das war. Damals gab es neben Hausarrest, den meine Eltern mir aber nie aufgebrummt haben – Freiheitsberaubung kann immer nur die letzte Möglichkeit sein und ich habe glücklicherweise nie dermaßen über die Stränge geschlagen, dass es nötig geworden wäre – eine für junge Menschen schreckliche Strafe, die heutigen Jugendlichen vermutlich nur noch ein müdes Lächeln ins Gesicht zaubern würde: Fernsehverbot. Und zwar zwei Wochen lang.

Wenn man gerade angefangen hat, zu pubertieren, sind zwei Wochen eine unfassbar lange Zeit. Je nachdem, in welcher Phase des Gehirnumbaus man sich gerade befindet, sind diese zwei Wochen angefüllt mit unermesslicher Langeweile, denn was soll man in der freien Zeit anfangen. Also habe ich ein wenig gelesen, aber wie es so war, ging das auch nicht dauerhaft. Es musste also ein audiovisuelles Medium her, von dem ich mich berieseln lassen konnte. Visuell gab es nix (die Telefone hatten überwiegend noch Wählscheiben), aber immerhin auditiv. Also schaltete ich das Radio ein und hörte den Westdeutschen Rundfunk. Es gab noch Radio Luxemburg über Mittelwelle, Europawelle Saar über Langwelle und, mit viel atmosphärischem Wohlwollen, das erste mir bekannte Privatradio. Es kam aus Rheinland-Pfalz und hieß PRO Radio 4 und manchmal auch RPR1 (die Frequenz teilten sich mehrere Lizenznehmer). Damals war Privatradio noch mutig, oder kam uns wenigstens so vor, denn es war in seiner gesamten Anmutung sehr neu, sehr radikal. Beispielsweise gab es eine Sendung namens „Maximal“, in der nur Maxi-Singles gespielt wurden. Das waren Schallplatten, die aussahen, wie Langspielplatten, aber nur ein Lied enthielten, das dann aber in einer ausgedehnteren Variante, als die normalen 3:30 Minuten, die man aus dem Radio sonst so gewöhnt war. Von Camillo Felgen ganz zu schweigen… Heute kenne ich nur noch zwei Privatradios, die ich hörenswert finde: DetektorFM aus Leipzig und FluxFM aus Berlin.

philetta

In wesentlichen hörte ich WDR1, aus dem Mitte der 90er Jahre dann „Einslive“ wurde (was ich damals schon für eine äußerst bescheuerte Namensgebung gehalten habe). Der nicht nur umbenannte, sondern auch inhaltlich auf leichte Konsumierbarkeit getrimmte Sender kam glücklicherweise spät genug, denn ich bin sicher, dass Einslive im Leben nicht geschafft hätte, wozu WDR1 damals in der Lage war: Eine tiefe Liebe zum Medium Radio bei mir zu erwecken, die bis heute anhält. Und das, obwohl sie in den vergangenen 30 Jahren oft schon extrem auf die Probe gestellt worden ist.

In der Rückschau würde ich sagen, dass WDR1 geklungen hat, wie ein Deutschlandfunk für jüngere Menschen. Ein Sender, der ein Tor zu fremden, interessanten Welten aufgestossen und aus diesen Welten angemessen berichtet hat. Es kann aber auch gut sein, dass ich die Vergangenheit verkläre, weil ich die Gegenwart des Radios überwiegend katastrophal finde.

Bewege ich mich heutzutage mit dem PKW durch die Republik und höre dabei Radio, insbesondere tagsüber, fällt mir zu fast allen Sendern nur ein Begriff ein: Strafe. Radio als Strafe. Ich werde in einer Weise angesprochen, als hielte man mich für bescheuert. Jeder erzählt mir, er hätte den besten Wetterbericht, die besten Hits und den besten Verkehr – dabei klingt das Gros der Lohnansager eher dermaßen verkrampft, dass man den Verdacht bekommt, sie hätten anstelle des besten vielmehr gar keinen Verkehr, und zwar schon seit längerem. Andauernd läuft meine vermeintliche Lieblingsmusik und falls mal eine Wortstrecke kommt, ist sie selten länger als 2:30 Minuten, meistens kürzer, und wird ohne Scham „Beitrag“ genannt, obwohl ich persönlich darunter ein Hörstück verstehe, dass mir einen komplexen Sachverhalt mit hörfunk-journalistischen Mitteln zu erklären versucht. Ich bestreite, dass das in anderthalb Minuten inklusive An- und Abmoderation überhaupt möglich ist. Fast allle modernen Radiosender versuchen, bei der Hörerschaft ein Gefühl von Informiertheit zu erzeugen, statt sie tatsächlich zu informieren. Ganz ehrlich, liebe Kollegen: Verarschen kann ich mich selbst.

Ich bin sehr froh, dass mein Heimatsender, der rbb, einen anderen Weg geht und Radio wenigstens teilweise in einer solchen Weise produziert, dass man im Medium einen Wert erkennt und sich selbst als Hörer wertgeschätzt fühlt. Und auch wenn ich sicher bin, dass ich dem Einen oder der Anderen Urecht tue: Alle anderen sollten sich was schämen.

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Schämen sollten sich auch diejenigen Hörer und Radiomacher, die den ganzen Tag vor sich hin jammern, dass Radio ja so schrecklich schlecht geworden sei. Die Macher hätten es in der Hand, sind aber meist zu feige, es auch wirklich in die Hand zu nehmen, und die Hörer wissen es vermutlich einfach nicht besser. Abgesehen davon nämlich, dass es heutzutage die Möglichkeit gibt, selbst Sendungen zu produzieren und im Netz zu veröffentlichen (-> Podcasting), gibt es auch solche Einrichtungen wie „Alex“, die es einem ermöglichen, live auf UKW und im Kabel zu senden, was nochmal seinen eigenen Zauber im Gegensatz zum Internet hat, denn Scheitern kann man dort nicht rausschneiden.

„Alex“ befindet sich in einem alten Industrie-Komplex in der Voltastraße, das früher mal AEG beherbergt hat, und ist ein sogenannter Offener Kanal, auf dem senden darf, wer immer dort senden möchte. Es gibt ein sehr gut ausgestattetes Studio, das den Vergleich mit kommerziellen Stationen nicht scheuen muss, und es gibt Personal, dass nur dazu da ist, Aus- und Fortbildung zu betreiben. Wer also jammert, kann auch einfach mal den Arsch hochnehmen, zur Voltastraße fahren, sich bei Alex erklären lassen, wie Radio geht – und es dann einfach mal besser machen, anstatt an Menschen wie mich und meine Kollegen immer wieder auf unverschämteste Art und Weise die Forderung zu richten, ein Massenmedium habe gefälligst ausschließlich zu senden, was dem exklusiven Geschmack eines Individuums entspricht.

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Anfang des Jahres war ich mehrfach zu Gast in einer Sendereihe bei „Alex“. Zwei junge Frauen hatten eine kleine Hörspielreihe produziert und mich gefragt, ob ich ihnen ein paar Offtexte einsprechen würde. Eigentlich ist sowas honorarpflichtig, aber manchmal mache ich bei solchen Aktionen mit, wenn ich sie irgendwie unterstützenswert finde. Die beiden haben gefühlt mehr Energie in ihre Amateurproduktion gesteckt, als wir Profis oft in unsere offiziellen Sendungen. Das hat mich sehr beeindruckt, denn es zeigt mir, dass es immer noch Menschen gibt, die ähnlich stark für dieses Medium brennen, wie ich selbst – wenn nicht sogar noch stärker. Es wird also immer irgendwo hörenswertes Radio geben. Umso erfreuter war ich, als ich beide kürzlich bei uns im Radiohaus wiedergetroffen habe, wo sie mittlerweile professionelle Engagements gefunden haben.

Zum Schluss noch eine Anekdote für die nächste Party: Unter der Voltastraße gibt es einen Versuchstunnel, durch den Ende des 19. Jahrhunderts eine elektrische Bahn fuhr. Sozusagen die erste Berliner UBahn. Sie war als Refenzobjekt gedacht, mit dem AEG sich für den Bau einer U-Bahn empfehlen wollte. Den Zuschlag bekam allerdings Siemens mit seiner Hochbahn, der heutigen U1.

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11 Lesermeinungen

  1. Radio?
    Am besten war noch „Frolic at Five“ mit George Hudack im AFN Berlin von 17:05 bis 18 Uhr. Das war vor 60 Jahren und wir Teenies hörten zum ersten Mal Musik, die uns wirklich gefiel und die wir Wort für Wort nachsangen, auch wenn wir die Texte nicht verstanden. DAS waren noch Zeiten, ha!

    • Zu meiner Zeit gab es zum Nachsingen das „Top Schlagertextheft“ im Zeitschriftenladen zu kaufen. Hachja…

  2. Titel eingeben
    „…ein Massenmedium habe gefälligst ausschließlich zu senden, was dem exklusiven Geschmack eines Individuums entspricht.“
    .
    Das ist natürlich Unsinn und dazu gibt’s ein schönes Bonmot einen schweizer Radiomannes, Musikfachmann und Cellospielers:

    „Wenn 100.000 Menschen Madonna hören wollen und 1 Mensch Anton Webern, muss man nicht 100.000 Stunden Madonna senden und 1 Stunde Anton Webern, sondern 1 Stunde Madonna und 1 Stunde Anton Webern. Da nämlich alle 100.000 gleichzeitig hören können, kommen alle 100.000 Madonna-Freunde auf ihre Kosten und der Webern-Freund ebenfalls. DAS ist Demokratie.“ (Urs Frauchiger „Brevier für Radiohörer“, 1982)

    • Das mag Unsinn sein, aber es ist leider eine Diskussion, in die ich seit zwei Jahrzehnten immer und immer wieder verwickelt werde. Ähnlich verhält es sich mit dem Anspruch, Filme, die nur eine Minderheit interessieren, auf einem mehrheitsfähigen Sendeplatz zu zeigen und mehrheitsfähige Sendungen irgendwann anders oder am besten gar nicht. Da geht’s dann halt schnell an die Existenzberechtigung, denn wenn anstelle des Musikantenstadels tatsächlich nur noch Dokus und ähnliches in den Hauptkanälen (das Erste, ZDF) laufen würden, stünden die Anderen vor der Tür und würden fragen, warum sie dermaßen viel Beitrag für Nischenprogramme zahlen würde.

  3. Vielen Dank!
    Danke, lieber Holger! Du hast mir aus der Seele gesprochen!

  4. Vielleicht mal ein bisschen weiter südlich diggen?
    Zündfunk! Bitte nicht den fantastischen Zündfunk vom BR vergessen.

  5. radiohören
    In Berlin, morgens wenn es noch Nacht ist, Klassiknacht vom BR, danach Jazzradio mit Unterbrechungen durch Inforadio. Abends „The Voice“ vom Kulturradio. Am Sonntag gerne mal NPR. Außerhalb Berlins, bis endlich die rettenden Ufer des NDR oder BR erreicht sind, ist „Radio Figaro“ alternativlos.

    A.F.

  6. Ö1
    Wer Radio übers Internet empfängt, kann sich ja Ö1 vom ORF Radio anhören http://oe1.orf.at/, oder FM4, http://fm4.orf.at/.
    Beide wämstens zu empfehlen, solange es das legendäre Funkhaus noch gibt.

  7. Radio
    Früher habe ich ganz bewusst Radio gehört, ja sogar das Radioprogramm in der Zeitung studiert, um nach Sendungen zu sehen.
    Hörspiele zum Beispiel oder Konzerte.
    Irgendwie hat das leider aufgehört; ob’s am Programm liegt oder sich nur mein Medienkonsum geändert hat, weiß ich gar nicht zu sagen.

    Allerdings fange ich langsam an, den einen oder anderen Podcast zu hören.

  8. Ich finde
    Danke für den schönen Beitrag.

    Ich finde die Zahl der anständigen Radiosender eigentlich erstaunlich groß – zumal die ja dank Internet heute viel besser verfügbar sind. Eigentlich hat doch jede öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt mindestens ein Programm, das zu hören keine Strafe darstellt. Und für das Deutschlandradio würde ich das sogar für alle drei Programme sagen.

    Nur so für die Akten: Ich kann mir nicht so recht vorstellen, dass PRO Radio 4 bzw. RPR1 das erste Ihnen bekannte Privatradio war, denn das ein paar Zeilen zuvor erwähnte Radio Luxemburg ist auch ein Privatradio.

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