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Berlin ABC

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Wir fahren durch die Hauptstadt

Körpersäfte in der S-und U-Bahn

| 3 Lesermeinungen

Ich sitze in der S5 in Richtung Spandau. Am Hackeschen Markt steigt ein junger Mann ein. Er hat kinnlange, tropfnasse Haare. Zumindest wirken sie tropfnass – vielleicht sind sie einfach ungewaschen. Er läuft auf das Plakat der Bundeswehr zu, hält kurz inne, spuckt beherzt drauf und dreht sich wieder um. Von vorne sieht er leicht derangiert aus. Seine Lippen sind mit weißen Schuppen belegt. Er stellt sich hinter mich. Ich bekomme Beklemmungen. Ich habe Angst, dass er bröselt oder tropft. An der Friedrichstraße setzt er sich dann plötzlich auf einen Sitzplatz vor mich, legt seine Hand auf die Rückenlehne und guckt mich aus den Augenwinkeln an, dann springt er wieder auf – ich habe mittlerweile Herzklopfen – dann steigt er endlich aus.

 

Das bespuckte Bundeswehrplakat
 
Sowas kommt vor. In der Stadt wimmelt es nur so von Leuten, die einen an der Waffel haben. Manche mehr, manche leider auf eine Art, die unglaublich unangenehm werden kann, wenn die Leute ihre Flüssigkeiten nicht in ihrem Körper behalten können.

Als ich neulich wegen einer Abrechnung im Büro einer Kollegin saß, erzählte diese vor ihrem Horror, mit der S-Bahn zu fahren und sich auf einen nassen Sitz zu setzen – ohne dies sofort zu merken. Wenn man dickere Mäntel trägt, ist der Effekt ein wenig wie beim sprichwörtlichen Frosch im Wasserglas, der nicht merkt, dass man das Wasser erhitzt, ehe es zu spät ist.

Die Kollegin hatte einen Pelzmantel an und setzte sich, ohne es zu merken, in das Nasse. Erst als sie aufstand und ein Lüftchen an ihren Po kam, merkte sie, was passiert war. Seither ist sie traumatisiert. Sie hat nie versucht herauszubekommen, was für eine Flüssigkeit das war. Sie redete sich für die restliche Zeit, die sie unterwegs war, einfach ein, es sei Wasser gewesen.

Das hofft man öfters mal. Auch bei so mancher Lache auf dem Boden. Klar – wenn Bröckchen drin sind, ist der Fall eindeutig. Man denkt oft bedauernd an die Menschen, deren Job es ist, die Ergebnisse undichter Körper wegzumachen. Natürlich denkt man auch an sich. Man fängt an, Sitzplätze erst einmal mit der Hand vorzufühlen. Man hat das Fläschchen Handdesinfektion immer bei der Hand, obwohl man früher über die Paranoiden gelacht hat, die so sehr Angst vor Bazillen haben, dass sie alles vorher desinfizieren.

Die S-Bahn und U-Bahn sind ein Spiegel dieser Stadt. Man kann mit den Verkehrsmitteln meistens sehr gut von A nach B kommen – doch Ausfälle – zeitliche, organisatorische, menschliche und körperliche – sind immer wieder Teil des Alltags. Menschen zeigen sich von allen Seiten, von den Guten und den Schlechten. 

Als neulich ein junger Mann eine Schlägerei mit einem Touristen anfing, der dem Klang nach aus den Niederlanden kam, da war der junge Mann schneller nach draußen befördert, als man gucken konnte. Das war erstaunlich. Alle hatten mit angepackt, der eine nahm ein Bein, die nächste das andere, zwei Leute die Arme und nochmal zwei für die Füße – damit er nicht austreten konnte – und schon war der kleine Bissige draußen, selbst ganz überrascht.

Es wimmelt hier nur so vor Menschlichem. Manchmal wie im Mittelalter und manchmal geradezu rührend. Man weiß nur leider vorher nie so ganz, wie es heute kommen wird. 

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3 Lesermeinungen

  1. damit er nicht austreten konnte
    Wer anerkennend beschreibt, wie die Guten verhindern, dass der Böse austritt, sollte sich dann über Körperflüssigkeiten in der Bahn nicht beschweren.

    Entschuldigung, aber den konnte ich nicht liegen lassen.

  2. Titel eingeben
    dass er tropft
    Ausfälle – körperliche
    der Bissige

    Ich liebe Ihre Ausdrucksweise !

    Gerne würde ich sie täglich lesen

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