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Wir fahren durch die Hauptstadt

Messe Nord/ICC

| 7 Lesermeinungen

In der Nähe der S-Bahn-Haltestelle Messe Nord/ICC habe ich etwas abzuholen gehabt. Und zwar in der Kuno-Fischer-Straße. Auf dem Weg dahin war ich als typischer Smombie vor allem damit beschäftigt, den Weg via Karten-App zu finden. Aber auf dem Rückweg, den ich nun schon kannte und nach eigenem Bestreben grundsätzlich ohne navigierende Helferlein zurückzufinden gewillt bin, fiel mir folgendes Schild ins Auge:


Dieses Gebäude hat eine lange Geschichte: Wie die Denktafel berichtet, war da zwischen 1950 und 1953 eine Notaufnahmestelle für insgesamt 300.000 Flüchtlinge aus der DDR. Zuvor aber – und sein Name sagt das bis heute – war es das Verwaltungsgebäude der Knappschafts-Berufsgenossenschaft. Es trug sich nämlich Ende des 19. Jahrhunderts zu, dass Kaiser Wilhelm der I. feststellte, dass ihm die Sozialdemokratischen Bewegungen das Wasser abzulaufen drohten, also hielt er nun die Einführung einer Sozialversicherung für Arbeiter, die bei Arbeitsunfällen krank oder verletzt wurden, für unerlässlich. Der Druck von Links kann so manchen eben recht sozial werden lassen. Das zeigt sich auch an der Geschichte der DDR und der BRD: Wie viele Autorinnen schon zu bemerken gaben, darunter Daniela Dahn, war der Konkurrenz-Druck auf die BRD durch die schiere Existenz der DDR recht groß und die sozialen Sicherungen damit wesentlich großzügiger. Und entsprechend nach dem Wegfall des sozialistischen Konkurrenten nicht mehr ganz so wichtig. Doch zurück zur Geschichte:

In den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts sind noch viele DDR-Bürgerinnen vor allem über Berlin in die BRD geflüchtet. Die Notaufnahmestelle in der Kuno-Fischer-Straße war bald zu klein, warum man eine neue in Marienfelde baute, wo die Flüchtlinge nicht nur untergebracht wurden, sondern auch alle behördlichen Vorgänge lokalisiert waren, ebenso die sozialen. Man baute Wohnblöcke, um die Flüchtlinge gut unterbringen zu können.

Die Fluchtursachen vor dem Mauerbau hat Hartmut Wendt zusammengetragen: 56 % gaben politische Gründe an, das bezieht sich vor allem auf die „Ablehnung politischer Betätigung“ oder die „Ablehnung von Spitzeldiensten“ sowie „Gewissensnotstände und Einschränkung von Grundrechten“. Da mit der Teilung Deutschlands auch Familien geteilt wurden, gaben 15 % persönliche oder familiäre Gründe an. Immerhin 13 % führten vor allem wirtschaftliche Gründe an, 10 % hatten den Wunsch nach besseren Einkommens- oder Wohnverhältnissen. Die Gründe für die Flucht blieben bis zum Ende der DDR weitestgehend die gleichen.

Mit dem Bau der Mauer 1961 riss der Strom ab und die Gebäude wurden nun nicht mehr dafür gebraucht. Bis 1989 eine neue Welle der Flucht aus der DDR begann.

Wie das 1989 zum Beispiel in Neumünster ablief, hat Dietrich Mohaupt für den Deutschlandfunk aufgeschrieben. 13.000 Leute sind 1989 aus der DDR nach Schleswig-Holstein gekommen. Und haben dort nicht nur Freude geerntet, sondern auch besorgte Bürger erzeugt. Wie Mohaupt protokolliert, gab es Bedenken:

„Es gab mal so die Aussage kurz vor Weihnachten: Kann man die Grenzen ein Stück weit noch mal wieder dichtmachen, damit man da den Zustrom regelt? Das hat eher dazu geführt, dass noch mehr Menschen kurz vor Weihnachten kamen und wir uns überlegt haben: Wo bringen wir die bloß alle unter? Aber auch das wurde organisiert, also es ging alles, in der Krisensituation rückte dieses Land zusammen.“

2015, wieder kurz vor Weihnachten: Wieder gibt es Flüchtlingsströme – diesmal von weit weg, Menschen, die nicht unsere Sprache sprechen und die Schlimmstes hinter sich lassen wollen, kommen. Und es ist doch erstaunlich: Gerade dort, im Osten, in der ehemaligen DDR, wo die Flucht noch vor 26 Jahren so alltäglich war, scheint man vergessen zu haben. Gerade dort wird die Forderung am lautesten, sich abzuschotten. Dort und in Bayern, wo die CSU Forderungen stellt, die dem Wissenschaftlichen Dienst des Bundestages höchst zweifelhaft vorkommen, wie die Kollegen der Tagesschau vermelden. Wieder diese Ironie: Als die Flüchtlinge der DDR wegen der Einschränkung der Grundrechte flüchteten, konnte man sich groß fühlen. Heute will man die Grundrechte lieber selbst einschränken.

Die Flüchtlinge aus Syrien, aus Afghanistan und Irak, erst recht die Schwarzen aus afrikanischen Ländern – sie sind natürlich gänzlich anders, als die deutsch sprechenden Flüchtlinge von damals. Sie haben eine andere Kultur und eine andere Geschichte. Sie bringen neue und größere Herausforderungen mit sich.
Und: Sie gelten dem Westen nicht als ein Indikator für den Triumph des Kapitalismus gegen den Sozialismus – manche würden sagen: Im Gegenteil. Das alles macht es vielen schwer, der „Willkommenskultur“ beizutreten, die politisch immer noch vorgegeben ist. Vielleicht kann es helfen, sich der eigenen Geschichte zu erinnern. Soziales Verhalten ist keine Frage des Systems. Es ist immer noch – wie es schon immer gewesen ist – eine Frage des Zusammenrückens.

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7 Lesermeinungen

  1. Titel eingeben
    Schöner Text, danke.

    Zwei kleine Anmerkungen:

    * die jetzt hier im Osten klagen, sind ja gerade nicht die, die 89 geflüchtet sind (das macht es aber auch nicht besser).

    * Irgendwo (ich glaub im Guardian) stand wohl, daß für den Islamischen Staat die große Zahl der Flüchtlinge und deren freundliche Aufnahme im Westen schon ein Propagandaproblem darstellt. Insofern ist das durchaus teilweise mit der DDR-Situation vergleichbar.

  2. Abschneidungen
    Sind die beiden Fotos mit Absicht beschnitten, so dass man sie anklicken muss, um sie ganz zu sehen? Gibt natürlich Extraklicks :-))
    Ihre Zusammenfassung des Flüchtlingsthemas ist ehrenwert, aber eben auch ein wenig „abgeschnitten“. Ich zitiere einen älteren Titel von Martin Walser „Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr“ und den anonymen Spruch „Alles ist wahr, auch sein Gegenteil“. Das Gegenteil (die Rückseite) Ihrer Erklärung könnte sein, dass jemand aus der „Hauptstadt“ den „Ahnungslosen“ die Welt erklärt – meint ein Wessi, der der all‘ die …idas nicht schätzt, aber auch nichts davon hält, sie einfach alle als Dummköpfe zu betrachten und zu behandeln.

  3. Ein schöner, ein notwendiger Text
    Irgendwie bezeichnend, dass auf der Denktafel die Aufnahmestelle kommentarlos mit einem Namen beschrieben wird, den diese nie und nimmer in den Fünfziger Jahren hätte tragen dürfen. Hatte die überhaupt einen offiziellen Namen?
    Eine Frage: Sie schreiben: „Sie (sc. die Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan, Irak und Afrika) gelten dem Westen nicht als ein Indikator für den Triumph des Kapitalismus gegen den Sozialismus – manche würden sagen: Im Gegenteil.“
    Mit welcher Überlegung könnte man diese Flüchtlinge als Indikator für den Triumph des Sozialismus über den Kapitalismus sehen? Mir fällt nur die Verschwörungstheorie ein, dass Frau Merkel (ehemals FDJ, außerdem Tochter eines sozialistischen Pfarrers) im Auftrag der real fortexistierenden SED-Kader die Herrschaft über ein kapitalistisches einiges Deutschland errungen hat und jetzt dieses mit Flüchtlingsströmen zugrunderichtet. Meinten Sie so etwas oder etwas (noch) seriöseres?

    • ich meinte weniger denn Triumph des Sozialismus, der ja nun wahrlich verloren hat, sondern eher, dass es eine Kehrseite des Kapitalismus‘ ist. Er triumphiert nicht, er zerstört. Daniela Dahn hat zu dieser Thematik einen sehr langen Artikel im Freitag und naja – ich schließe mich dieser nicht vollkommen an, aber dass Fluchtursachen auch mehr sind, als nur verrückte Machthaber, sondern der Westen mit seinen Waffenexporten und Geointeressen massiven Einfluss nimmt, eben aus einer durch und durch kapitalistischen Haltung, das würde ich schon sagen. das Leid der Menschen würden daher manche eben nicht als Triumph des Kapitalismus sondern als dessen Schandfleck sehen. das meinte ich.

  4. Danke
    Danke für die Erläuterung. Sie meinen vermutlich diesen Artikel
    https://www.freitag.de/autoren/daniela-dahn/weil-wir-teilen-wollen-muessen

    Ohne den Westen von jeder Verantwortung freisprechen zu wollen, halte ich es für zu kurz gegriffen, seine etwaigen Fehler auf seine „durch und durch kapitalistischen Haltung“ zurückzuführen. Die Kapitalisten hätten bestimmt an einem weiterhin prosperierenden und Handel treibenden Syrien besser verdient als an dessen Untergang. Und mehr als Geld Verdienen wollen die Kapitalisten gar nicht.

    Nett finde ich ja den Vorschlag von Frau Dahn, die reicheren westlichen Bundesländer möchten sich doch bitte dem niedrigeren Niveau der ostdeutschen Bundesländer angleichen, auf dass der grundgesetzliche Auftrag erfüllt werde, die bundesweite Einheitlichkeit der Lebensverhältnisse herzustellen. Und sie wundert sich, dass noch niemand auf diese Idee gekommen ist!

  5. "Das Leid der Menschen als Schandfleck des Kapitalismus" - schön!
    Evtl. mal dazu „Das Western Hemisphere Institute for Security Cooperation, kurz WHINSEC, 1946 bis 2001 School of the Americas, kurz SOA, ursprünglich Escuela de las Américas, ist ein Trainingscamp der US Army in Fort Benning in Columbus (Georgia), USA. Das Trainingscamp und seine 1946 gegründete Vorgängerinstitution Escuela de las Américas wurden von mehr als 60.000 lateinamerikanischen Militärs durchlaufen“ googlen.

    Wobei manche dazu in der Tat womöglich mit die Frage stellen würden, was das mit „Kapitalismus“ zu tun hätte. Aber Michael Moore mit seinem Film „Kapitalismus, eine Liebesgeschichte“ könnte man womögich verstärkt beherzigen zum heranziehen, auch seine Filme Bowling for Columbine und Fahrenheit 9/11 sowie sein Buch „Stupid White Men“.

    Klare Sache „Kapitalismus“, das ist das, was die Deutschen so noch gar nicht kennen, nur viele andere Völker auf der Welt. Jammern auf hohem Niveau. Und den Feminismus rettet auch kein Mensch mehr.

  6. "Capitalism: A Love Story" (Full Movie) zwei stunden zwanzig onlinefilm
    z.b ab 18:30, präsident bush ab 28:00 – oder auch der kampf um gesetzgebung nach 1h28, alles nicht so einfach.

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