Berlin ABC

Das Freiburg Berlins (Waidmannslust)

Der S-Bahnhof Waidmannslust liegt im Norden Berlins und ist mit zwei verschiedenen S-Bahnen erreichbar: Mit der S85, die vom Ostkreuz hochfährt und mit der S1, die unter anderem über die Friedrichstraße und Steglitz verkehrt. Also gar nicht schlecht angebunden, aber zugegeben: Eine Weile muss man schon fahren. In Waidmannslust war ich in meinem Leben bislang nur ein einziges Mal gewesen, als ich nämlich eine bestimmte Ärztin besucht habe, die in der Artemisstraße wohnte und praktizierte. Das ist allerdings schon recht lange her und als ich diesmal die Artemisstraße entlang lief, da fand ich ihr Haus nicht wieder.

Was ich allerdings fand, das waren Unmengen an Kindern und vor allem Jugendlichen, die gerade aus den Waidmannsluster Schulen geströmt kamen. Ich liebe Jugendliche! Sie zu beobachten, ihnen zuzuhören und dabei einen Eindruck von ihren Sorgen, Konflikten, Vorlieben und Ansichten zu bekommen, ist mir stets eine wahre Freude! Hier kommen sie mir also zu Hunderten entgegen, während ich in der Gegend herumstehe und fotografiere, klatschen, tratschen, frotzeln und lachen sie – oder starren in ihr Smartphone. Das tun aber nur die Loner, die alleine nach Hause oder wohin auch immer gehen, die meisten treten in Gruppen auf und sie haben viele verschiedene Themen, die wie ein Wasserfall an einem Felsen, also an mir, vorbeiplätschern: Filme, Whatsapp-Nachrichten, F**ken, andere Leute, viel andere Leute, noch mehr andere Leute und wie diese sich lieber mal anders benehmen sollten, Streit mit anderen Leuten, Noten und Lehrer_innen, Computerspiele…

In Waidmannslust bemalt man die Stromkästen (oder sind es Postkästen?)


Das mit dem F**ken ist natürlich kein ernsthaftes Gespräch gewesen, das war eher so, dass da eine Gruppe von drei Mädchen war, und an denen lief schnellen Schrittes ein Junge vorbei, der mindestens einen Kopf kleiner war, der ihnen im Vorbeigehen wie eine hängende Schallplatte dieses Wort entgegenbrachte. Man fragt sich vielleicht, zu welchem Zweck… Der Gesichtsausdruck des Jungen strahlte aus: „Weil ich es kann“ – und wer weiß, vielleicht hat er das Wort ja ganz frisch gelernt und seien wir ehrlich: Solche Wörter sind die „hihihi“-Essenz jeder Pubertät, so dazugehörig zu dieser Phase, wie die pikiert guckenden Mädels.

da laufen sie, vorbei an den schönen Häusern und Villen
Ich laufe gegen den Strom, denn mich interessiert, wo die ganzen Schulkinder herkommen. Ich durchquere Straßen und Seitenstraßen voller Villen und komme an der Münchenhausen-Grundschule vorbei, laufe weiter in Richtung Dianastraße und erspähe endlich den Ursprung all der Kinder und Jugendlichen: die Katholische Schule Salvator. Was für ein Gebäude! Und direkt dahinter liegt eine Brücke, die über einen Bach führt, mitten im Grünen!

Die katholische Schule Salvator
… und direkt dahinter dieser schöne Bach
Waidmannslust ist schon ganz schön schick und trotzdem lebt es: Viele Kinder und Jugendliche – bestimmt auch, wenn nicht gerade frisch die Schule aus ist – viele Gelegenheiten ein Käffchen zu trinken und einkaufen zu gehen. Viele schöne Häuser, manche von oben bis unten grün bewachsen, andere wunderschön bunt angestrichen. Wer hier wohnt, muss sich das vermutlich erst einmal leisten können, die Villen machen ordentlich was her, klar – wenn davor der Mercedes oder Geländewagen parkt umso mehr und damit werden dann auch viele der lieben Kleinen von der Schule abgeholt. Es gibt auch Möglichkeiten, etwas günstiger zu wohnen, denn so manche Villen haben Gartenhäuser oder beherbergen mehr als nur eine Partei oder Familie.



Was auffällt ist die größere Anzahl an Praxen und anderen Lebenshilfe-Angeboten wie Qui Gong, diverse Heilpraktiker, Psychologen und -Therapeuten, Malkurse, Esoterik verschiedener Art, Physiotherapie. Auch ein Obi oder ein größeres Einkaufszentrum sind nicht weit – kurz: Infrastrukturell ist die alte Villenkolonie wirklich gut aufgestellt. Das nette Lesecafé um die Ecke könnte aus Neukölln, Pankow oder Friedrichshain sein. Es scheint, als würde in Waidmannslust all das miteinander vereint, was der alte Zwiespalt – Stadt oder Land – Kultur oder Natur – ansonsten gegeneinander ausspielt. Gar nicht schlecht eigentlich. Mich erinnerte das Flair fast ein wenig an Freiburg – nur waren entschieden zu wenige Fahrradfahrer_innen unterwegs, Sonnstunden gibt es leider auch nicht so satt und wo sind bloß die ganzen Bio-Läden???