Reinheitsgebot

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Das Blog zum Bier

Mein Vater hat noch Dampfbier gebraut

Jeff Maisel ist einer der bekanntesten Weißbierbrauer in Bayern. Fast hätte er einmal die Eigenständigkeit verloren. Jetzt probiert er neue Sorten aus und braut auch für Til Schweiger.

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© Tobias SchmittJeff Maisel in der Abfüllanlage seiner Brauerei.

Es stand schon einmal Spitz auf Knopf mit der Selbständigkeit der Familienbrauerei Maisel. Zwar wollte Jeff Maisel immer selbständig bleiben, doch einfach ist das nicht in einem Land, dem langsam der Bierdurst abhandenkommt, weil die Deutschen mit ihrem früheren Lieblingsgetränk fremdeln. Ende der neunziger Jahre sagten Berater der Familie, in der schrumpfenden deutschen Bierbranche hätten nur noch die ganz Großen oder die ganz kleinen Spezialisten Chancen. Für Mittelständler wie die Bayreuther Maisel-Brauerei wäre wenig Platz dazwischen. Und tatsächlich musste die Familie Maisel zusehen, wie etliche mittelständische Brauereien damals von einem der großen Bierkonzerne geschluckt wurden, kaum eine andere Branche war so von Übernahmen geprägt wie die Brauwirtschaft.

© Tobias SchmittMaisel ist mit einem Ausstoß von rund 400 000 Hektolitern – deutschlandweit die Nummer vier unter den Weißbier-Brauereien.

Jeff Maisel setzte sich damals mit seinem Vater Oscar, seinem Onkel Hans und seinem Cousin Andreas zusammen. Sie grübelten, wie sie die Brauerei in Bayreuth und die Arbeitsplätze sichern könnten. Allein sei das kaum zu stemmen, glaubten sie. Also suchten sie einen Partner. Kein großer Konzern sollte es sein, der später womöglich die Brauerei hätte schlucken wollen, lieber ein ähnlich gestricktes Familienunternehmen, mit dem man gemeinsam die heraufziehenden Stürme übersteht.

Im Jahr 2001 verkaufte die Familie Maisel schließlich 35 Prozent der Anteile an Veltins. Die auf Pils spezialisierte Familienbrauerei aus dem Sauerland half im Gegenzug Maisel beim Vertrieb ihres Weißbiers. Das war ein Einschnitt. Alte Kunden und auch Mitarbeiter waren verunsichert. Viele glaubten, es wäre nur noch eine Frage der Zeit, bis sich die Familie Maisel ganz von ihrer Brauerei trennt. Damit hatte Maisel so nicht gerechnet, und er hatte es auch nie gewollt. „Bier ist sehr emotional“, sagt er heute, „viele verbinden damit Heimat.“ Als sich später herausstellte, dass sich beide Seiten vom Einstieg doch mehr erwartet hatten, kaufte die Familie Maisel ihre Anteile im Jahr 2005 zurück und war damit wieder eigenständig: „Der Rückkauf war extrem wichtig für uns“, sagt Jeff Maisel heute. „Das war ein Zeichen an alle Kunden und Mitarbeiter: Wir bleiben eigenständig.“ Zerstritten hatten sich die beiden Brauereien zwar nicht, aber die Erwartungen waren zu hoch gesteckt.

© Tobias SchmittAlte Werbung für „Champagnerweizen“ in Jeff Maisels Biermuseum

Heute profitiert Maisel von seiner Spezialisierung auf Weißbier und Craft-Biere. Die Weichen dafür hatte schon Jeff Maisels Vater gestellt. „Mein Vater hat zunächst noch Bayreuther Alt und Maisel’s Dampfbier gebraut“, erzählt Jeff Maisel – Letzteres wurde mit obergäriger Hefe vergoren, bei Hitze bildete sich im Gärbottich viel Schaum, der einer großen Dampfwolke glich. Mitte der fünfziger Jahre begann Jeff Maisels Vater dann aber als einer der Ersten in Bayern, konsequent das Weißbier populär zu machen.

Zwar gab es Weißbier in Bayern schon seit Jahrhunderten, doch es war aus der Mode gekommen. 1955 hat Oscar Maisel dann angefangen, Kristallweizen unter dem Namen „Champagner-Weizen“ zu verkaufen. Das Bier hatte damals noch etwas mehr Kohlensäure als heute üblich. Es schmeckte nicht nur den Bayern, sondern ließ sich auch anderswo gut verkaufen. „Wir haben das Bier auch in Norddeutschland vermarktet“, sagt Maisel, „das lief super.“ Zwar musste Maisel später den Namen ändern, aber die Brauerei galt als Trendsetter. Auch das gewöhnliche Weißbier hatte Maisel schon im Sortiment, obwohl es damals noch nicht so häufig getrunken wurde wie heute. „Eigentlich begann der Siegeszug des Weißbiers erst in den sechziger Jahren, der richtige Boom kam dann in den Achtzigern und Neunzigern“, erzählt Jeff Maisel: „Schneider, Erdinger und Maisel waren die Weißbierpioniere.“

© Tobias SchmittDie neue Brauerei

Inzwischen braut Maisel seit mehr als 60 Jahren Weißbier und hat viel Erfahrung gesammelt. Zwar kann Maisel beim Ausstoß nicht mit den ganz großen Weißbierbrauereien (Paulaner, Erdinger und Franziskaner) mithalten, die jede für sich über eine Million Hektoliter im Jahr brauen. Aber immerhin ist Maisel mit einem Ausstoß von rund 400 000 Hektolitern – das entspricht rund vier Millionen Kisten – deutschlandweit die Nummer vier.

Die Gewinnmargen sind beim Weißbier noch größer als beim Pils, wo sich die Supermärkte ständig mit neuen Sonderangeboten unterbieten. Die Aussicht auf bessere Erträge zieht aber auch immer neue Wettbewerber in den Weißbiermarkt, wie zuletzt Bitburger, die gemeinsam mit dem Kloster Ettal ein Weißbier namens „Benediktiner“ auf den Markt gebracht haben und dafür bald auch im Fernsehen die Werbetrommel rühren wollen. Bei Bitburger hatte Jeff Maisel nach seinem Studium des Brauwesens in Weihenstephan im Sommer 1998 auch mal ein Praktikum gemacht, bevor er in der eigenen Brauerei Verantwortung übernahm. Bitburger freilich ist deutlich größer – gemessen am Ausstoß, produziert die Brauerei in der Eifel rund zehnmal mehr.

© Tobias SchmittDie alte Brauerei ist seit 1981 ein Biermuseum – laut Guinnessbuch der Rekorde das „umfangreichste“ der Welt.

Anders als Bitburger verzichtet Jeff Maisel vollständig auf Fernsehwerbung. „Zu teuer“, sagt er, wobei er keine Vorbehalte gegen Marketing hat, im Gegenteil. Aber Fernsehwerbung lohnt sich für eine mittelständische Brauerei wie Maisel nicht, auch weil es das Bier gar nicht in allen Supermärkten Deutschlands zu kaufen gibt und damit die Streuverluste zu hoch wären. Die Rolle des Geheimfavoriten gefällt Maisel auch ganz gut.

Der 48-Jährige versucht auf andere Art, Aufmerksamkeit zu bekommen. Der sportliche Brauer kultiviert die bayrische Lässigkeit. „Bei uns in der Brauerei duzen sich alle“, sagt Maisel, „auch die Auszubildenden sagen Jeff zu mir.“ Gerade erst sorgte er für Schlagzeilen, weil er für den Schauspieler Til Schweiger ein spezielles Bier braut – für dessen Hamburger Restaurant „Barefood Deli“. Schweiger wünschte sich ein süffiges, helles Lagerbier, ausdrücklich kein stark gehopftes, wie es gerade bei jungen Brauern sehr modern ist: „Craft-Bier ist was für so Bier-Nerds, die sich wie Wein-Sommeliers geben“, polterte Schweiger, als er Anfang Februar die Brauerei besuchte. Jeff Maisel braut das Bier namens „Tils“ jetzt, auch wenn er selbst stark gehopfte Biere lieber mag. Als Schweiger die Brauerei besuchte, kamen auch die „Bild“-Zeitung, ARD und dpa nach Bayreuth. So geht PR heute.

© dpaTil Schweiger mit Jeff Maisel

Jeff Maisel selbst ist ein großer Freund des Craft-Biers. Schon kurz nach seiner Bundeswehrzeit kam er 1989 erstmals mit den handwerklich gebrauten Bieren in Berührung: „Als die erste Craft-Bier-Welle in den Südstaaten ankam, war ich gerade in Amerika.“ Er studierte dort drei Semester in Charleston in South Carolina. Der Trend sei damals in Amerika auch dringend nötig gewesen, findet Maisel. Dort habe es vorher vor allem „neutral schmeckende Biere“ gegeben, die jungen Craft-Brauer hätten dann vieles verbessert. „Craft-Bier ist mehr als eine Modeerscheinung“, ist Maisel überzeugt. Der Trend werde hierzulande zwar nicht ganz so groß wie in Amerika, weil es in Deutschland schon immer eine große Biervielfalt gab – vor allem in Franken. Aber auch bei uns bereichere die Craft-Bier-Szene die Braulandschaft.

Vor einigen Jahren brachte er drei Edelbiere auf den Markt, die er gemeinsam mit Freunden braut. Er verkauft sie unter dem Label „Maisel & Friends“. Anders als Til Schweiger schreckt ihn die Attitüde der Feinschmecker nicht. „Bei den Edelbieren ist Wein unser Vorbild“, sagt Maisel: „Daher füllen wir es auch in große Flaschen ab.“

© Tobias SchmittMaisel Craftbier in der Etikettiermaschiene

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Das Unternehmen

Die Brauerei Gebrüder Maisel KG wurde 1887 von zwei Brüdern vor den Toren Bayreuths gegründet, bis heute ist sie in Familienbesitz. Im Jahr 1955 brachte die Brauerei ihr erstes Kristallweizen als sogenanntes „Champagner-Weizen“ auf den Markt. Heute ist die Brauerei vor allem für das Weizenbier Maisel’s Weisse bekannt. Das Traditionsunternehmen ist nach Paulaner, Erdinger und Franziskaner die Nummer vier in der Rangliste der deutschen Weißbier-Brauereien. Mit rund 195 Mitarbeitern erwirtschaftet es einen Jahresumsatz von rund 40 Millionen Euro.

Der Unternehmer

Jeff Maisel, Jahrgang 1968, steht als Geschäftsführer für die vierte Generation des Familienunternehmens. Seine Mutter ist Amerikanerin, sie kam in den sechziger Jahren als Lehrerin nach Bayreuth. Von ihr hat er den für bayerische Verhältnisse exotischen Vornamen. Schon als Schüler hat er in den Ferien in der Brauerei der Eltern mitgeholfen. In Weihenstephan studierte er Brauwesen, zudem drei Semester in den Vereinigten Staaten, als dort junge Brauer die Craft-Bier-Bewegung gründeten, die ihn bis heute fasziniert. Jeff Maisel ist verheiratet und hat einen Sohn.

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