Reinheitsgebot

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Das Blog zum Bier

Alles, nur kein Dünnbier

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Sollte man Wein mit Bier mischen und Wacholderbeeren mit Salbei in Gerstensaft werfen? Markus Fohr, promovierter Brauer in zehnter Generation, sagt: Warum nicht? Wir haben ihn in seiner Hexenküche am Mittelrhein besucht.

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© Lahnsteiner BrauereiDer „Brauereiturm“ in Lahnstein

Der höchste Punkt der Lahnsteiner Brauerei liegt etwa 24 Meter über dem Straßenniveau. Es ist die Plattform eines mächtigen runden Turms der alten Stadtmauer, deren Graben die Bürger um 1870 als bestens geeignet zur Bierlagerung erkannten. Sie siedelten an dieser Stelle eine Brauerei an.

Besteigt man den restaurierten Turm sechshundert Jahre nach seiner Errichtung, breitet sich über die Zinnen hinweg noch immer ein zeitloser, spektakulärer Rundumblick aus. Die Häuser verschwinden, man schaut auf den ansteigenden Westerwald, den Hunsrück und ein Stück Rhein. Burg Stolzenfels und die Marksburg scheinen fast auf Augenhöhe zu liegen. Die Stimmung hier oben ist derart friedlich, dass man sogar diesen schnell dunkelnden Novemberabend liebgewinnen könnte.

Markus Fohr, Besitzer dieses Bruchsteinkolosses, lässt hier oben immer seine Brauereibesichtigungen ausklingen und weiß, dass er damit am Ende der Tour auch den größten Bierverächter zum Staunen bringt. Für Fohr, Brauer in zehnter Generation, ist der Turm ein Wahrzeichen, vielleicht findet er in ihm auch seine eigene Zähigkeit gespiegelt.

Craftbier am Mittelrhein

Fohr, ein großer schlaksiger Mann, absolvierte nach der Schule eine Lehre als Brauer und Mälzer, anschließend studierte und promovierte er in Weihenstephan, war dann ein paar Jahre bei Bitburger im technischen Stab und stieg 1999 als Geschäftsführer neben seinem Vater in das Familienunternehmen ein. Sein Nachname ist nicht nur an Lahn und Rhein ein Begriff für Biertrinker, sondern auch im Kannenbäckerland, wo sich die ersten Fohrs, als Tonstecher aus Belgien kommend, im 17. Jahrhundert niedergelassen hatten. Um das gute Bier der Heimat nicht missen zu müssen, gründeten sie 1667 in Ransbach-Baumbach ihre erste Brauerei, die sich nach einer zwischenzeitlichen Insolvenz wieder im Familienbesitz befindet – Markenzeichen ist ein Pils mit kerniger Bittere in der Euro-Flasche, das von Markus Fohrs Onkel mit entschiedenem Traditionalismus so lange gegen den Zeitgeist verteidigt wurde, bis es heute schon fast wieder modern wirkt.

© Stadtarchiv LahnsteinDie Lahnsteiner Brauerei Ende der fünfziger Jahre – damals hieß sie noch St. Martin Brauerei.

Die Brauerei in Lahnstein hingegen war erst 1895 in die Familie gekommen und verdankt ihr Fortbestehen über die Jahrtausendwende hinaus, so Markus Fohr, in erster Linie dem Spezialitäten- und Craftbier-Segment, das er 2011 aufzubauen begann und das einen Ausgleich zu dem schwächelnden Traditionsbier-Sortiment schuf. Die Lage am Mittelrhein ist für die Lahnsteiner nicht einfach. Königsbacher liegt direkt gegenüber, den Westerwald teilen sich die Ransbacher Fohrs und Hachenburger auf, und auch die Eifel ist mit Bitburger nicht allzu weit entfernt.

Vermehrung des Bockbiers

Dass Markus Fohr ein langer Atem auszeichnet, hat er nicht nur durch seine Ultramarathon-Läufe bewiesen, sondern auch durch die Tatsache, dass er seine Eigenkreationen gegen das Kopfschütteln seiner bierkonservativen Umgebung etablierte, wobei ihm vor allem die Bockbiere am Herzen liegen. Der auffällig helle, süffige Doppelbock Martinator, den schon sein Vater eingeführt, aber in den Neunzigern wegen nachlassenden Kundeninteresses aus dem Programm genommen hatte, braute er kurz nach seinem Einstieg ins Unternehmen wieder neu ein. Er variierte ihn durch verschiedene Lagertechniken und entwickelte auf seiner Grundlage 2015 den zehnprozentigen Megabock „Rohminator“, der gleich mit dem ersten Sud beim Meiningers Craftbeer Award eine Platinmedaille gewann. Sämtliche seiner Bockbiere haben bei aller gewollten Malzlastigkeit eine schöne Frische und weisen neben der schweren Wärme, die sie verströmen, immer auch angenehm fruchtige Aromen wie Apfel oder Aprikose auf.

© Doemens AcademyMarkus Fohr bei der Biersommelier-Weltmeisterschaft in München

Vorbei an der früheren Stadtmauer, betreten wir die eigentliche Brauerei, die noch fast wie in den späten Fünfzigern aussieht. Charakteristisch für den Lahnsteiner Betrieb sind nicht zuletzt die Abfüllanlagen, die, so Markus Fohr, wirklich jedem Fass und jedem wie auch immer gearteten Gefäß gewachsen sind. „Der Kunde ist König“, sagt Fohr – und füllt ihm jede Kanne. Diese Flexibilität ist für ihn nicht nur Ehrensache, sondern auch, wie er andeutet, überlebensnotwendig. Die nächsten Investitionen sollen in eine Kleinbrauanlage zum besseren Experimentieren und in einen neuen Tank fließen, der bei der Craftbier-Produktion für noch mehr Unabhängigkeit sorgen soll.

Das Bier aus dem Kräutergarten

Im Büro von Markus Fohr, in dem ein Luftbefeuchter läuft, ist es fast so schwülwarm wie im Sudhaus. Da es für die Doppelbockbiere noch etwas zu früh am Tage ist, kosten wir zwei wirklich seltene Bierkreationen: ein Grutbier, für das es in Deutschland allenfalls eine Handvoll Erzeuger gibt, und ein Wein-Bier-Gemisch namens „Fohr“, das in der Regionalpresse unter Berufung auf den Reimspruch „Bier mit Wein, das lass sein“ bereits für Aufsehen gesorgt hat.

Fohrs Grut- und Honigbiere führen dabei in die Geschichte der Region zurück, in der es keinen Hopfenanbau gab und in der das Bier daher, unbeeindruckt von Reinheitsgeboten, lange mit Kräutermischungen gewürzt wurde.

Markus Fohr hat sich bei seinem Grutbier für Muskatblüten, Wacholder und Salbei entschieden, die sich im Mund zunächst kaum auseinanderhalten lassen, aber im Zusammenspiel von Anfang an vertraut wirken: Kräuterbonbon. Es macht dann zunehmend Spaß, von Schluck zu Schluck immer wieder etwas Neues zu entdecken. Gut vorstellen kann man sich das Lahnsteiner Grutbier als Aperitif im Sommer oder als Begleitung von ausgefallenen Blattsalaten. Erstaunlich auch, dass es die Haltbarkeit eines gehopften Bieres erreicht. Letzteres wird es am Mittelrhein aber wohl nicht mehr verdrängen.

Mit dem Etikett fing es an

Anhand des roséfarbenen Wein-Bier-Gemischs „Fohr“, das erst vor wenigen Monaten auf den Markt kam, kann man zunächst vor allem eines lernen: dass sich eine neue Bierspezialität nicht unbedingt der Idee eines Brauers verdanken muss. Die Entstehungsgeschichte ist wirklich kurios, denn Initiator war eine Firma für Getränkeetiketten, die mit dem Aufkleber für ein ungewöhnliches Brau-Produkt in den Biermarkt hineinschnuppern wollte. Und so saßen deren Vertreter, zusammen mit einem Winzer, der aber anonym bleiben möchte (!), irgendwann in Fohrs Büro, stellten ihre Idee vor und sagten, dass sie einen Brauer suchten, der „verrückt genug“ sei, dabei mitzumachen. Fohr sagte recht unbeeindruckt zu und begann, zusammen mit dem Winzer, an Deutschlands wohl erstem Bier zu tüfteln, das rein vom Etikett her gedacht war. Eine besondere Freude hat ihm dabei bereitet, mit einem Anteil von 55 Prozent Wein in der Mischung wenigstens einmal im Leben sowohl die Biersteuer als auch die Pfandpflicht auszuhebeln.

Im Glas sieht das Ergebnis dann derart vertraut aus, dass man den ersten Schluck recht sorglos zu sich nimmt und nach einem kurzen Moment schon zuzugeben bereit ist: Fohr schmeckt – eher nach Rosé, aber auch den Hopfen und eine, vielleicht eingebildete, obergärige Perligkeit erkennt man gleich wieder. Die beiden Elemente verbinden sich in „Fohr“ jedenfalls viel organischer, als man es von Bindingers  bereits länger auf dem Markt befindlichen Bier-Apfelwein-Mischung her kennt. Und das Etikett ist tatsächlich das mit Abstand gelungenste in der langen Reihe der Fohr-Biere.

Aber ist der Spaß mit 3,50 Euro für die kleine Flasche nicht auch ein bisschen teuer, fragt man sich. Warum sollte man für die „Veredelung“ an sich schon stimmiger Produkte wie Wein oder Bier noch extra in die Tasche greifen – zumal das Ergebnis im Rahmen des geschmacklich Bekannten bleibt? Vielleicht ist das aber schon falsch gedacht, denn bei vielen Cocktails tut man es ja auch.

Auf jeden Fall hat man nach dem Genuss von „Fohr“ eine weitere Barriere im Kopf abgebaut: Bier und Wein, das kann schon zusammen sein, was immer daraus in der Zukunft folgen mag. Markus Fohr ist gespannt, wie es weitergeht mit seinem Rosé-Wein-Bier. Der nächste Sommer wird wahrscheinlich Klarheit bringen.

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Am späten Abend probieren wir dann noch den Rohminator, der beim Einschenken schon wegen seiner dunklen Kupferfarbe beeindruckt. Im Mund lässt er sich wunderbar geschmeidig unter Hervorbringung immer neuer Nuancen über die Zunge schieben: Dörrobst, Sherry, Portwein. Die erhebliche Bittere (50 BE) ist durch die Malzsüße hervorragend eingebunden.

In der Lahnsteiner Brauerei lernt man nicht nur den Bock in seinen unterschiedlichsten Variationen schätzen, man kommt mit der Sortierung all der unterschiedlichen Aromen im Grunde kaum nach.

© www.bukanter.deMit diesen Bukantern wird auch in Lahnstein Eisbock hergestellt. Dabei wird der Umstand ausgenutzt, dass Wasser schneller gefriert als Alkohol.
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2 Lesermeinungen

  1. Bockbiere
    haben eine lange Tradition und schmecken oft wunderbar in ihrer Andersartigkeit. Leider sind sie nicht mehr überall so weit verbreitet.

  2. Bier ist nur gut
    wenn selbst gemacht. Aber das ist ja auch so beim Brot, Joghurt, Pesto, Sauerkraut, Apfelwein, Wurst usw.. Wer hat schon Zeit oder nimmt sich die Zeit mal selbst Hand anzulegen. Dann lieber ne Tiefkühlpizza in den Ofen schieben und die Industrie-oder ‚Crafts‘-plörre runterschütten.

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