Reinheitsgebot

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Das Blog zum Bier

Der Aufstieg der Kleinstbrauereien

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Obwohl der Bierabsatz in Deutschland seit Jahren sinkt, wächst die Zahl der Brauereien.

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© Marcus KaufholdBraumeister Hans Wägner kontrolliert im Sudhaus einer Mainzer Brauerei die Würze

Lange Jahre war in Deutschland nur vom Brauereisterben die Rede. Tatsächlich sank die Zahl der Brauereien im Land des Reinheitsgebots über Jahrzehnte: Gab es Mitte der fünfziger Jahre noch fast 3000 Brauereien in der Bundesrepublik, so sank die Zahl bis Mitte der 80er Jahre auf unter 1200 und verharrte lange Zeit auf diesem niedrigen Niveau. Viele Brauereien mussten damals schließen, andere wurden von größeren Konzernen geschluckt. Doch seit rund zehn Jahren werden wieder mehr Brauereien in Deutschland gegründet als geschlossen. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten ist daher die Zahl der Brauereien im ersten Quartal des Jahres wieder auf mehr als 1500 gestiegen. Zu dieser Einschätzung kommt der Deutsche Brauerbund, der Dachverband der Brauwirtschaft. Allein im vergangenen Jahr sind mehr als 80 Betriebe hinzugekommen – so viele wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Zu verdanken ist diese Zunahme fast ausschließlich den sehr kleinen Brauereien. Deutlich mehr als die Hälfte aller deutschen Brauereien produzieren weniger als 1000 Hektoliter im Jahr – das entspricht nur rund 10 000 Bierkisten. Sie werden also zu den „Mikrobrauereien“ gezählt, darunter auch viele Braugasthäuser. Den größten Zuwachs im vergangenen Jahr gab es in Bayern mit 18 neuen Brauereien, gefolgt von Hessen und der Region Niedersachsen und Bremen mit jeweils zehn zusätzlichen Brauereien. Vor allem in den Großstädten machen immer neue Mini-Brauereien auf. Allein in Berlin und dessen Umland entstanden in den vergangenen fünf Jahren 26 neue Brauereien: „Die Craft-Bier-Szene in Berlin wächst deutlich“, heißt es vom Spitzenverband der deutschen Brauwirtschaft. Nach dessen Einschätzung wird der Brauereien-Boom in den deutschen Ballungszentren auch noch weiter anhalten. Denn dort wohne die experimentierfreudige und zugleich zahlungskräftige Klientel, die der Craft-Bier-Szene mit ihrer Vorliebe für hochwertige Zutaten den Schub verschaffe, heißt es aus dem Verband.

Gemessen am Bierausstoß in Deutschland, spielen die Kleinstbrauereien kaum eine Rolle. Die tausend kleinsten Brauereien produzieren nicht einmal ein Prozent des Bierausstoßes in Deutschland. Die größten 25 dafür knapp die Hälfte.

Allerdings sehen Fachleute noch mehr Potential für die Kleinstbrauereien: In Deutschland wird der Marktanteil der Kleinstbrauer derzeit auf unter 1 Prozent geschätzt. In den Vereinigten Staaten, dem Ursprungsland des sogenannten Craft-Bier-Booms, liegt ihr Marktanteil inzwischen bei mehr als 12 Prozent. Angefangen hat der Aufstieg der Craft-Brauer, wie die Kleinstbrauer auch genannt werden, dort Ende der 1970er Jahre als Gegenbewegung zu den großen Braukonzernen, die immer mehr kleinere und mittlere Brauereien aufgekauft hatten, so dass es 1978 nur noch 89 aktive Brauereien in den Vereinigten Staaten gab. Im selben Jahr gab der damalige amerikanische Präsident Jimmy Carter das Brauen zu Hause wieder frei, das in Amerika mehr als 40 Jahre lang verboten war. Zudem gewährte er kleinen Brauereien Steuerermäßigungen und entlastete sie von hohen Lizenzkosten von bis zu 500 000 Dollar, um ihnen den Marktzugang zu erleichtern. Damit ebnete er den Weg für den Aufstieg der Craft-Bier-Szene, der in Amerika wieder zu einer beeindruckenden Vielfalt an Bieren geführt hat. Mehr als 5000 Brauereien gibt es dort mittlerweile. Und vor mehr als zehn Jahren ist der Boom auch nach Deutschland geschwappt.

In Amerika sehen manche allerdings erste Anzeichen dafür, dass sich der Boom abschwächt. Nachdem der Bierabsatz der Craft-Brauer dort jahrelang zweistellig wuchs, stieg der Absatz 2016 nur noch um rund 6 Prozent. Jim Koch, der mit seiner Boston Beer Company die in Amerika sehr populäre Craft-Bier-Marke Samuel Adams produziert und damit als einer der Wegbereiter des Booms gilt, schrieb im vergangenen Jahr in einem Gastbeitrag für die „New York Times“: „Wir sind vielleicht Zeugen des Anfangs vom Ende der amerikanischen Craft-Bier-Revolution.“

So weit scheint es in Deutschland aber noch nicht – im Gegenteil: Die Zahl der Neugründungen hat im vergangenen Jahr noch einmal deutlich zugenommen. Die 100-Milliarden-Dollar-Fusion der beiden größten Bierkonzerne der Welt, AB Inbev (Budweiser, Beck’s, Franziskaner, Löwenbräu) und SAB Miller, vor eineinhalb Jahren hat den Gegnern der Industriebiere eher noch einmal einen Schub verpasst.

Dabei tut sich gerade der weltgrößte Bierkonzern in Deutschland schwer: AB Inbev trennte sich Anfang dieses Jahres von den deutschen Traditionsbrauereien Diebels und Hasseröder, nachdem beide Marken schwer in die Krise geraten waren. Jetzt will AB Inbev ausgerechnet ein belgisches Bier in Deutschland groß rausbringen: Leffe – eines der ältesten belgischen Klosterbiere, freilich schon lange in Konzernbesitz – gibt es seit einigen Wochen in ganz Deutschland im Handel. Die Traditionsmarke Beck’s – das eigentliche deutsche Flaggschiff des Konzerns – darbt derweil vor sich hin. Der Ausstoß der Bremer Brauerei ist im vergangenen Jahr um mehr als 5 Prozent gesunken. Immerhin hat Beck’s mittlerweile eigenes Craft-Bier ins Programm aufgenommen. Denn das lässt sich auch zu deutlich höheren Preisen noch gut verkaufen.


5 Lesermeinungen

  1. Gute Frage…
    Zumal die Beck’s-Craft Biere ja auch eher verwaschene Varianten der jeweiligen Bierstile darstellen. Andererseits sind solche Produkte vermutlich wichtig für den echten Craft Bier-Markt, da er Konsumentinnen und Konsumenten mit der Vielfalt von dem, was Bier auch noch sein kann, bekannt macht. Und das ginge ohne die Marktmacht und die Handelspräsenz eines Konzerns nur viel langsamer.

    Und wenn InBev dann mal wirklich gute Biere macht: Wäre doch nicht das schlechteste.

  2. Amerika 12%
    kein Wunder, die Plörre die man da von den Großen bezieht ist ja auch untrinkbar.

  3. Kreativitaet sollte ueber Pale Ale und IPA hinausgehen
    Interessant waere, die alten Brauereirezepturen aus den Regionen, die mit den Massenbieren untergegangen sind, wieder auferstehen zu lassen. Aber ob das die Klientel der Craft Beers in Berlin und Duesseldorf befriedigt, fuerchte ich, wird so nicht gelingen. Regionales Bier erfordert auch eine regionale Kundschaft die bereit ist dafuer mehr zu bezahlen. Leffe industriell vermarkten zu wollen ist doch ein schlechter Witz. Da ist ein Kloster auf dem Etikett drauf, aber kloesterliches Werk ist nicht drin im Produkt, wie Sie so schoen schreiben.

  4. Vertrieb via Gastronomie // Pale Ale von Beck's
    Kein Wunder, dass der Marktanteil nur 1 Prozent ist. Die große Tragik der Kleinstbrauer in Deutschland ist meiner Meinung nach, dass sie selbst in der regionalen Gastronomie kaum vertreten sind. Liegt das nur an den Brauereiverträgen, an der Ignoranz der Gastwirte oder zu geringen Produktionsmengen? Selbst in gehobenen Restaurants ist ein Blick auf die Bierkarte (die in der Regel aus fünf Positionen irgendwo zwischen Heißgetränke und Nicht-Alkoholisches besteht) meist ernüchternd. Wenn sie denn wenigstens BYO anbieten würden…

    Und das Pale Ale von Beck’s habe ich aus Neugier mal probiert und war entsetzt: Wie kann eine der größten Brauereien dieses Landes ein so schlechtes Bier machen? Ziemlich süß, kaum Bitternoten, nichts hopfig-fruchtiges. So nach dem Motto: Ein Pale Ale für alle, die eigentlich kein Pale Ale mögen.

  5. Verkauft sich das "Craft Beer" von Beck's wirklich gut?
    Ich sehe das nur in kleinen Mengen irgendwo im Handel. Der eigentliche Craft Beer-Kenner rümpft die Nase und bei dem „Normalbiertrinker“ sehe ich jetzt nicht, dass der jetzt auf Pale Ale umschwenkt.

    Die Zahlen würden mich wirklich interessieren.

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