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Kolle bei "Anne Will" als alter Wilder der Euthanasie-Debatte

12.01.2009, 00:23 Uhr

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Es hätte trotz der wenig inspirierten Gästeauswahl vielleicht keine spannende, aber doch zumindest eine ungewöhnliche Sendung werden können…. hätte.

Bild zu: Kolle bei "Anne Will" als alter Wilder der Euthanasie-Debatte

(Angeregte Unterhaltung über ein Tabu…)

Aber es wurde nicht, weil sich Anne Will vorgenommen hatte, „Anne Will” gut zu machen und die Lage im Griff zu behalten. Die für`s Spirituelle zuständigen Gäste, der katholische Bischof Mixa und der Sexualaufklärer im Unruhestand Kolle, die Politiker Kusch und Göring-Eckardt sollten nicht aufeinander losgehen, sondern im gepflegten, wenngleich wenig geordneten Talkshow-Rund Fragen in klaren Hauptsätzen beantworten. Differenzierungen waren weniger gefragt. Vielleicht hatte die Redaktion deswegen darauf verzichtet, einen Juristen (Kusch war nur als Vertreter in eigener Sache geladen) oder eine Ärztin einzuladen (auch eine Philosophin oder ein Kenner der Schweizer und niederländischen Verhältnisse hätten der Diskussion vielleicht gut getan). Aber es ging es um ein ernstes Thema –  „Tabu Freitod – wer hat das Recht, Leben zu beenden?” – und da reichen schließlich doch grundlegend gewissensstarke, gut einsortierbare Statements. Vor allem aber war offensichtlich ein Gesprächserlauf unerwünscht, den die Redaktion nicht mit einem Einspielfilm oder einem fotografierten Dokument, wie den niederländischen „Bei mir bitte keine Euthanasie”-Pass, in vorhersehbare Bahnen lenken konnte.

Dabei hätte mich mehr als die mediengerecht zubereitete  Kurzgeschichte des Todes seiner Frau vor acht Jahren, die der von „Bild” zum „Sex-Papst” geweihte Oswalt Kolle dortselbst auch schon eingehend beschrieben hatte (bei „Anne Will” kamen Kolle, der sich dort als alter Wilder der Euthanasie inszenierte allerdings nun so gar keine Tränen), interessiert, wo der folgende kurze Ausflug in die jüngere deutsche Vergangenheit ohne die strenge Intervention der Moderatorin noch so hingeführt hätte:

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(Sexualaufklärer, Euthanasiebefürworter, Ideengeschichtler Kolle)

Kolle: Wir haben beide einen Euthanasie-Paß in der Tasche gehabt…”
Will: „Das sollten wir vielleicht erklären, Euthanasie löst in Deutschland eine andere Konnotation aus….”
Kolle: „Ja, selbstverständlich, Hitler war kein Mann, der….”
Will: „….Ich will nur erklären, die Niederlande nennen die aktive Sterbehilfe so…”
Kolle: “…das heißt Euthanasie, gnädiger Tod ist das und hier in Deutschland wird immer dieser Unsinn verbreitet, dass Hitler hätte Euthanasie betreiben lassen. Hitler hatte eine ungeheure Anzahl von Mördern im Dienst, von Mördern mit ärztlichem Ethos angeblich, die gemordet haben, die haben keine Euthanasie betrieben.”
Will: „Herr Kolle! Darüber wollten wir gar nicht diskutieren. Ich wollte mit Ihnen über die Geschichte Ihrer Frau sprechen.”
Kolle: „Bitte…”
Will: „….dass die Nazis Leben zu unwertem Leben erklärt haben….”
Kolle: „…Ja…”
Will: „….das wollen wir in dieser Sendung nicht in Frage stellen.”
Kolle: „…Ja.”
Will: „Also nochmal zu Ihrer Frau.”

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(erwartungsvolles Publikum)

Auch wieso der „Anne Will” nachfolgende ARD-Chat zur Sendung ausgerechnet von dem Mann bestritten werden sollte, dem die Moderatorin hier so entschieden glaubte untersagen zu müssen, die massenhaften Euthanasie-Morde in der Nazizeit zu leugnen, hätte ich gerne erfahren. Aber dazu gab es kein Wort (und der Chat selbst fiel nicht erhellender und substantieller aus, als Kolles Beiträge in der Diskussion. (“(…)Gast10: Würden Sie heute mit dem zeitlichen Abstand wieder genauso handeln? Kolle: Ja. Absolut, hundertprozentig. Gast1: Herr Kolle, wo haben Sie die Kraft hergenommen, Ihre Frau in der letzten schwierigen Phase zu begleiten Kolle: Aus der Liebe (…).”).

Pech gehabt. Es blieb beim Üblichen. Marion Weidner, die sympathieträchtige Mutter, die bis heute nicht so recht weiß, wieso ihr Sohn sich getötet hat, der als Abschiedsbotschaft nur eine SMS an einen Freund schickte, blieb ein wenig außen vor; die Geschichte des Milliardärs Merckle, der sich vor den Zug geworfen hatte, geriet erwartungsgemäß schnell aus dem Blick; stattdessen sprach der Bischof Mixa vom Leben, das nicht die Menschen selbst sich geben, der ehemalige Hamburger Justizsenator Roger Kusch beharrt auf dem Selbstbestimmungsrecht der Menschen ohne zu beantworten, warum er dann selbstbestimmt lebensmüden Zwanzigjährigen, wie dem Sohn der in der Runde sitzenden verwaisten Mutter, nicht zum Tode verhelfen will und Katrin Göring-Eckardt von Bündnis 90/Die Grünen (und Bundestags-Vizepräsidentin) findet nicht die von der Moderatorin nachdrücklich geforderte eine, nur wenige Worte lange Begründung dafür, dass Roger Kusch nicht straflose Beihilfe zum Suizid leisten darf (allerdings eine schöne Passage über das Scheitern an beruflichen Mißerfolgen, Krankheiten oder anderem, das in unserer Gesellschaft nicht vorgesehen ist).

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(Plädoyer für Akzeptanz des Scheiterns)

Nicht gerade überraschend, aber doch vielleicht bemerkenswert war immerhin, dass der in eigenen Angelegenheiten sonst mit guten Gründen recht penible Jurist Roger Kusch gegen Ende der Sendung assistierten Suizid und Tötung auf Verlangen zusammen brachte und verkündete : „Mein Ziel war es und bleibt es, dass wir die selben humanen Zustände in Deutschland bekommen wie in der Schweiz und wie in den Benelux-Ländern.” Oswalt Kolle machte sich für das niederländische Euthanasiegesetz stark, seine Frau allerdings hatte, da der Hausarzt gerade in Urlaub war, schließlich doch einen ärztlich assistierten Suizid vollzogen. Die Grenzen von einem zum anderen, vom (ärztlich) unterstützten Suizid zur Tötung auf Verlangen, die in der politischen und juristischen Debatte oft fein gezogen werden, erscheinen im Alltag und wenn es um griffige Talkshow-Rhetorik geht nur noch von geringer Bedeutung: In der Schweiz ist nämlich, wie in Deutschland, nur der assistierte Suizid (in der Schweiz allrerdings einschließlich der Weitergabe der entsprechenden Mittel) erlaubt,  in Belgien und den Niederlanden dagegen jetzt schon und in Luxemburg demnächst dagegen die „Tötung auf Verlangen” -der Unterschied erlaubt ist, verboten.

Katrin Göring-Eckardt, die sich wacker schlug und versuchte deutlich zu machen, welche gesellschaftlichen Folgen die Ausweitung von Sterbehilfe haben könnte, tappte allerdings in eine böse Falle: So sinnvoll und korrekt ihr Plädoyer für Palliativmedizin und Hospizpflege war, es eröffnete Roger Kusch und Oswalt Kolle doch eine breite offene Flanke für ihre Attacken. Kuschs Klientel sind überwiegend Menschen, für die, da sie nicht schwerstkrank sind, weder Palliativmedizin noch Hospizversorgung eine Lösung darstellt und auch die Niederlande, wo Euthanasie erst ausgeübt werden darf, wenn eine umfassende palliativmedizinische Beratung durch erfahrene Spezialärzte erfolgt ist, zeigen, dass eine Verbesserung der medizinischen Versorgung und auch umfassende Kenntnisse über schmerzlindernde Behandlungsmöglichkeiten den Todeswunsch nicht immer beseitigen. Dass Göring-Eckardt ihre christliche Motivation zu Anfang der Sendung bekannt hatte, kann ihr nicht vorgehalten werden, es führte aber dazu – trotz der Bauchbinde „bezeichnet sich als gläubiger Christ”, die Roger Kusch verpaßt wurde -, dass die ethischen und gesellschaftspolitischen Konflikte, die verhandelt werden, wenn über Sterbehilfe (und Suizid) gestritten wird, hier als Konflikte zwischen der Kirche bzw. Gläubigen und der säkularen Welt erschienen – ein Bild, das nur einen schmalen Ausschnitt wiedergibt, denn es gibt auch Feministinnen, Behindertenpolitiker, Gloablisierungskritiker oder sonstwie Motivierte, die einer weitgehenden Deregulierung in diesen bioethischen Fragen skeptisch oder ablehnend gegenüberstehen.   

Auch nicht subtiler als die von der Moderatorin nachdrücklich geförderte, eher schlichte politische Rhetorik der holzschnittartig konizipierten Talkshow war die Bildregie: Ging es um Geld und Leistungsstress, Musterschüler und Gesetz, konnte man sicher sein, in Sekundebruchteilen den Kopf von Roger Kusch gezeigt zu bekommen; auf die Stichworte Sünde, Schuld und Kirche hin wanderte die Kamera dagegen zu Bischof Mixa.

Bild zu: Kolle bei "Anne Will" als alter Wilder der Euthanasie-Debatte

(Jurist mit, Bischof ohne gefaltete Hände)

Was also bleibt: Der glatte Übergang in die Tagesthemen blieb schmerzlos und bei den nächsten Talkshows zum Thema, die unweigerlich kommen werden, bleibt der Fernseher kalt…. (insofern sind es echte Energiespar-Sendungen).  

PS: Wer sich einen Überblick über die inhaltliche Gestalt der Sendung verschaffen möchte, ist auch mit den derzeit 257 Beiträgen des „Anne Will”-Blogs gut bedient.

PPS.: Noch ein Wort zu Roger Kusch, über den ich sonst möglichst wenig Worte verliere, dem hier aber durch schlechte Vorbereitung der Moderatorin und durch eine fehlende Strategie von Bischof Mixa und Katrin Göring-Eckardt ein bequemes Forum geboten wurde, sich als wohlgesinnter Sterbehelfer, immer unterwegs im Dienst des Selbstbestimmungsrechts, zu präsentieren: ihn einzuladen hat den Gedankenfluss der Sendung nicht befördert und erscheint auch sonst nicht gerade zwingend. Wenn die ARD es aber für angemessen hält ihm Sendezeit zur Propagierung seiner Geschäftsidee zu schenken, ist es doch ein wenig kleinkariert, dann in der Rubrik der Internetlinks, die “Anne Will” präsentiert, nun seine Seite als einzige der Talkshowteilnehmer nicht anzuführen. Wer – zu Recht – einen solchen Klick für schädliche und unnötige Werbung hält, hätte sich besser vorher mehr Gedanken über die Gästeliste gemacht.

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Oliver Tolmein, 1961 in Köln geboren, wollte Berufsoffizier werden, hat es dann zum Regieassistenten gebracht, konnte seinen Lebensunterhalt als Journalist verdienen und wollte schließlich doch noch Jura studieren. Seit 1980 sympathisiert er mit der Behindertenbewegung. In der Debatte um Gentechnik, Sterbehilfe und Menschenversuche ist er seit über zwanzig Jahren engagiert und hat zu bioethischen Themen mehrere Bücher verfasst und Filme gedreht. Jetzt arbeitet er überwiegend als Rechtsanwalt in der von ihm in Hamburg mitbegründeten Kanzlei Menschen und Rechte und ist auf Medizin- und Behindertenrecht spezialisiert. Er ist Vater von Zwillings-Jungs und einer kleinen Tochter. Für das Feuilleton der FAZ schreibt er seit 2001.