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Keine Abtreibung siamesischer Zwillinge

13.01.2009, 17:46 Uhr

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Die Entscheidung einer 25jährigen Frau, Siamesische Zwillinge auszutragen, beschäftigt derzeit die englische Öffentlichkeit.

Die Ärzte hatten der schwangeren Lisa Chamberlain ihren eigenen Angaben zufolge zu einem Schwangerschaftsabbruch geraten. Die Überlebens-Prognose der Kinder, die einen weitgehend gemeinsamen Körper, aber zwei Köpfe haben werden, sei schlecht. Lisa Chamberlain und ihr Verlobter, die katholisch sind, sind aber im Rahmen einer Internetrecherche auf die heute 18jährigen Zwillinge Abi und Brittany Hensel gestoßen, die in den USA leben und eine sehr ähnliche medizinische Diagnose hatten.

Abi und Brittany Hensel, conjoined twins

(Abi und Brittany Hensel Quelle: Internet)

Das Beispiel dieser beiden habe sie ermutigt, berichtete die schwangere Frau der britischen Presse. Unterstützt wird das noch nicht verheiratete Paar in seiner Entscheidung für die weitere Austragung der Schwangerschaft durch die gemeinnützige Organisation „LIFE”.

In der Vergangenheit hat die Geburt von siamesischen oder „zusammengewachsenen” Zwillingen regelmäßig zu bioethischen Debatten darüber geführt, welches Risiko in Kauf zu nehmen ist, um sie chirurgisch zu trennen. Mehrere Zwillingspaare, die jahrelang zusammengelebt hatten, waren infolge aufwändiger Trennungsoperationen gestorben. Derart riskante Operationen wurden deswegen vor allem von Gruppen aus der Behindertenbewegung kritisiert, weil sie in erster Linie einer zwangsweisen Normalisierung dienten und einem chirurgischen Leistungsdenken entsprängen.

Die beiden Zwillinge von Lisa Chamberlain können nach der Geburt nicht oder nur um den Preis des sicheren Todes von einem Kind getrennt werden, weil sie über nur ein Herz verfügen.

Eine der am heftigsten umstrittenen Fälle betraf zwei zusammengewachsene Neugeborene aus Malta,  Mary und Jodie, die in einem englischen Krankenhaus zur Welt kamen. Die Ärzte entschieden sich gegen den Willen der Eltern zu einer Trennungsoperation, weil beide Zwillinge zusammen ihrer Meinung nach kaum Chancen hatten zu überleben, ein einzelner Zwilling ihnen aber chancenreicher schien. Weil die Eltern die Einwilligung in den für ein Kind zwingend tödlichen Eingriff nicht gaben, befassten sich durch alle Instanzen die Gerichte mit der Angelegenheit bis schließlich drei Richter des House of Lords den Ärzten recht gaben.

 

 
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Oliver Tolmein, 1961 in Köln geboren, wollte Berufsoffizier werden, hat es dann zum Regieassistenten gebracht, konnte seinen Lebensunterhalt als Journalist verdienen und wollte schließlich doch noch Jura studieren. Seit 1980 sympathisiert er mit der Behindertenbewegung. In der Debatte um Gentechnik, Sterbehilfe und Menschenversuche ist er seit über zwanzig Jahren engagiert und hat zu bioethischen Themen mehrere Bücher verfasst und Filme gedreht. Jetzt arbeitet er überwiegend als Rechtsanwalt in der von ihm in Hamburg mitbegründeten Kanzlei Menschen und Rechte und ist auf Medizin- und Behindertenrecht spezialisiert. Er ist Vater von Zwillings-Jungs und einer kleinen Tochter. Für das Feuilleton der FAZ schreibt er seit 2001.