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Zwitter protestieren vor den Vereinten Nationen

28.01.2009, 18:07 Uhr

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Vielen Menschen ist es gar nicht klar, dass es sie wirklich und nicht nur in Sagen gibt: Zwitter. Diese Woche sind sie nicht nur da, sondern sind laut und aktiv, sie protestieren vor den Vereinten Nationen gegen die Praxis der chirurgischen Geschlechtszuweisung im Kleinkindalter oder, ohne umfassende Aufklärung, im Heranwachsenden-Alter. Die Protestierenden kommen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Mit ihren Protesten in der Öffentlichkeit, aber auch mit Verfahren gegen Ärzte, die sie behandelt haben, verzeichnen die Zwitter zunehmend auch Erfolge, zuletzt in Hamburg, dieser Tage jetzt bei Kundgebungen in Genf, die am 26. Januar ein Hintergrundgespräch mit dem Hochkommissariat für Menschenrechte ermöglichten.

Bild zu: Zwitter protestieren vor den Vereinten Nationen

Zwitter-Protest in Genf (Bild: www.zwischengeschlecht.info)

Anlaß für die öffentlichen Protestaktionen vor dem Palais des Nations in Genf diese Woche war die Tagung des Komitees, das die Berichte aus den Unterzeichnerstaaten über den Stand der Umsetzung des Übereinkommens der Vereinten Nationen zur Beseitigung jeder Form der Diskriminierung der Frau (CEDAW) beriet. Gegenstand dieser Beratung ist auch der 2007 fertiggestellte 6. Bericht der Bundesregierung Deutschland, auf den ein breites Bündnis aus 28 deutsche Frauenverbände, -organisationen und -initiativen mit einem so genannten Schattenbericht, dem Alternativbericht zur Situation der Frauenrechte in der Bundesrepublik reagiert hatte. (Link zum Alternativbericht). Dieser Alternativbericht ist durch Berichte zur Situation intersexueller und transsexueller Menschen in Deutschland ergänzt worden (Alternativbericht zur Situation transsexueller Frauen in Deutschland der Interessengemeinschaft „Menschenrecht und Transsexualität”, Alternativbericht zur Lage intersexueller Menschen in Deutschland von „intersexuelle Menschen e.V. / XY-Frauen”.) Alle drei Berichte der Nichtregierungsorganisationen waren im Juli 2008 dem CEDAW-Ausschuss in New York vorgestellt worden. Die aktuelle Sitzung des Kommitees in Genf, die noch bis zum 6. Februar dauert, dient jetzt dazu, den Regierungen Fragen hinsichtlich ihrer Länderberichte zu stellen.

Bemerkenswert ist, dass durch die Schattenberichte das Thema „Diskriminierung der Frau” beträchtlich erweitert worden ist, ohne dass es dadurch an Schärfe verloren hätte. Zum einen wird durch die Initiativen der Zwitter das Thema „Gender” verstärkt in die Debatte gebracht. Es wird aber auch deutlich, dass das die Behandlung dieser Gruppe von Menschen, noch sehr viel weitergehende und grundsätzlichere Fragen aufwirft: Bei ihnen wurden und werden heute noch als „normale Behandlung” medizinische Eingriffe vorgenommen, die in anderem Zusammenhang als Genitalverstümmelungen und Kastrationen bezeichnet werden und grundsätzlich verboten sind oder strengsten gesetzlichen Kontrollen unterliegen.

Auch wenn die Protestaktionen insbesondere in der französischsprachigen Presse durchaus Resonanz finden und auch im CEDAW-Komitee registriert werden, sind die Aktivisten skeptisch, inwieweit ihr Anliegen angemessen aufgegriffen wird. Deutschland jedenfalls muss auf seinen Staatenbericht hin, trotz der Vorlagen der Schattenberichte, keine dezidierten Fragen zur Lage der Zwitter bzw. Intersexuellen und deren besonderer Diskriminierung beantworten.

Bild zu: Zwitter protestieren vor den Vereinten Nationen

(Protest gegen Zwangsbehandlung von Zwittern  Bild: 360 Grad)

Das kann demnächst möglicherweise in Hamburg besser werden, wo nach harter Lobby-Arbeit als Folge von Anfragen der Fraktionen der SPD und der Linken im April 2009 eine Anhörung in der Bürgerschaft zur Lage der Zwitter und den Möglichkeiten sie zu verbessern stattfinden soll. Es ist das erste mal, dass ein Parlament in Deutschland auch Betroffene anhören wird – vermutlich ist es die erste Veranstaltung dieser Art weltweit.

 

 

 
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Oliver Tolmein, 1961 in Köln geboren, wollte Berufsoffizier werden, hat es dann zum Regieassistenten gebracht, konnte seinen Lebensunterhalt als Journalist verdienen und wollte schließlich doch noch Jura studieren. Seit 1980 sympathisiert er mit der Behindertenbewegung. In der Debatte um Gentechnik, Sterbehilfe und Menschenversuche ist er seit über zwanzig Jahren engagiert und hat zu bioethischen Themen mehrere Bücher verfasst und Filme gedreht. Jetzt arbeitet er überwiegend als Rechtsanwalt in der von ihm in Hamburg mitbegründeten Kanzlei Menschen und Rechte und ist auf Medizin- und Behindertenrecht spezialisiert. Er ist Vater von Zwillings-Jungs und einer kleinen Tochter. Für das Feuilleton der FAZ schreibt er seit 2001.