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Eluana Englaro ist tot. Berlusconi streitet weiter.

09.02.2009, 21:05 Uhr

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Eluana Englaro ist am Montag im Alter von 38 Jahren gestorben, nachdem sie über sechzehn Jahre im Wachkoma gelebt hat. Ärzte der Klinik „La Quiete” teilten den Eintritt des Todes mit. Hier lebte die seit 1992 im Wachkoma lebende Frau seit einigen Tagen um zu sterben. Hier war am Samstag trotz aller Bemühungen der Berlusconi politischen und rechtlichen Druck auf die Krankenhausbetreiber und die Familie der Frau auszuüben, das Ende der künstlichen Ernährung eingeleitet worden. Dass die Frau schon so kurz nach dem Ende der künstlichen Ernährung starb, kam überraschend. Die Familie wollte den Tod Eluana Englaros nicht weiter kommentieren und bat darum „unseren Schmerz” zu respektieren.

Berlusconi reagierte zwar auch „betroffen” über den Tod, verstummte im Gegensatz zur Familie aber nicht, sondern kritisierte einerseits Staatspräsident Napolitano, der durch die Verweigerung seiner Unterschrift unter ein Eildekret die Rettung eines Menschenlebens verhindert hätte. Berlusconis Sozialminister Maurizio Sacconi kündigte an, im begonnenen Sinne weiterzumachen: „Wir müssen das Gesetz verabschieden, das die Aussetzung der künstlichen Ernährung in Italien verbietet. Wir müssen einen weiteren Fall Englaro verhindern.”

Vor der Klinik in Udine versammelten sich hunderte Menschen aus recht unterschiedlichen Motiven: manche beklagten den Tod Englaros und kritisierten ihn als Euthanasie, andere erklärten ihre Solidarität mit Beppino Englaro. In Italien wird nach der scharfen Kontroverse der letzten Tage für möglich gehalten, dass die Staatsanwaltschaft die Umstände des Todes von Frau Englaro rechtlich untersuchen wird.

Insgesamt haftet diesem Sterbehilfefall mehr als allen anderen, die in den letzten Jahren Schlagzeilen gemacht haben, etwas Bestürzendes an, weil noch nie eine Regierung sich so massiv in eine juristische Auseinandersetzung eingeschaltet und versucht hat, mit politischem Druck einen von der Familie einmütig getroffene und von einem Gerichts rechtskräftig für erlaubt erklärten Behandlungsabbruch zu verhindern. Das regierungsoffizielle Italien hat sich so in den Auseinandersetzungen um Sterbehilfe und den Abbruch lebenserhaltender medizinischer Behandlungen als weltanschaulicher Gegenpol zu den Beneluxstaaten profiliert. Die Vehemenz der regierungsoffiziellen Linie versteht sich dabei durchaus nicht von selbst, denn Berlusconi ist keineswegs ein klassischer Wertkonservativer; er hat bislang auch nicht den Anschein erweckt, als sei ihm der Schutz des Lebens von Menschen mit Behinderungen ein besonders tiefgehendes inneres Anliegen. Dass in den letzten Tagen die Italiener in Meinungsumfragen entscheiden sollten, ob sie für oder gegen den Tod von Eluana Englaro seien, dokumentiert auf bizarre Art und Weise ebenfalls, zu was für Auswüchsen es kommt, wenn individuelle Fallgeschichten plötzlich zu öffentlich verhandeltem Stoff werden und die Meinung vorherrscht, es könnte eigentlich jeder auf Basis einiger dürrer und zudem von niemandem wirklich hinterfragter Fakten, eine sinnvolle Entscheidung treffen.

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Oliver Tolmein, 1961 in Köln geboren, wollte Berufsoffizier werden, hat es dann zum Regieassistenten gebracht, konnte seinen Lebensunterhalt als Journalist verdienen und wollte schließlich doch noch Jura studieren. Seit 1980 sympathisiert er mit der Behindertenbewegung. In der Debatte um Gentechnik, Sterbehilfe und Menschenversuche ist er seit über zwanzig Jahren engagiert und hat zu bioethischen Themen mehrere Bücher verfasst und Filme gedreht. Jetzt arbeitet er überwiegend als Rechtsanwalt in der von ihm in Hamburg mitbegründeten Kanzlei Menschen und Rechte und ist auf Medizin- und Behindertenrecht spezialisiert. Er ist Vater von Zwillings-Jungs und einer kleinen Tochter. Für das Feuilleton der FAZ schreibt er seit 2001.