Biopolitik

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"Behinderung ist schön"

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Gerade haben Udo Sierck und Christian Mürner ihr Buch über „Die Krüppelzeitung - Brisanz der Behindertenbewegung" veröffentlicht, das unbedingt in...

Gerade haben Udo Sierck und Christian Mürner ihr Buch über „Die Krüppelzeitung – Brisanz der Behindertenbewegung“ veröffentlicht, das unbedingt in diesem Blog vorgestellt werden muss, denn es handelt eine Auseinandersetzung in der Behindertenbewegung ab, die zwar annähernd 30 Jahre her ist, ohne die es aber zu diesem Blog und seiner Ausrichtung wohl nie gekommen wäre. Auch dass etliche der Themen, die damals in der „Krüppelzeitung“ abgehandelt wurden, heute noch Stoff für Kontroversen bieten, ist kein Zufall. In gewisser Hinsicht stellt das materalreiche Buch, in dem die Vergangeheit immer auch als Teil der Gegenwart beschrieben wird, einen Steinbruch für die sich gerade endlich auch in Deutschland etablierenden „Disability Studies“ dar.

Bild zu: "Behinderung ist schön"

Titelblatt der „Krüppelzeitung.“ Hier schlägt Franz Christoph Bundespräsident Karl Carstens

Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger Jahre grenzten sich die Begründerinnen und Begründer der „Krüppelzeitung“ nicht nur von fürsorglichen Sonderpädagogen, dem behindertenfeindlichen gesellschaftlichen Mainstream und entmündigenden Medizinern ab, sie wollten auch mit den nichtbehinderten Sympathisanten der Emanzipation von Behinderten (zumindest politisch) nichts mehr zu tun haben. Für uns Nichtbehinderte, die wir 1980/1981 zum Beispiel in der „Aktionsgruppe gegen das UNO-Jahr der Behinderer“ aktiv waren, war das schwer zu akzeptieren: Behinderte wollten nicht nur für sich selbst sprechen (das fanden wir selbstverständlich), sie wollten es auch alleine tun und uns Nichtbehinderte allenfalls als Dienstleister dabei haben.

Die Auseinandersetzung darüber, ob Nichtbehinderte auch inhaltlich mitstreiten durften oder nicht, dauerte lange an und führte fast zu Spaltung der (ohnedies nicht allzugroßen) Bewegung – war gleichzeitig aber ein Impuls für inhaltliche Klärungen, der Auswirkungen bis heute hat, bis hinein ins heutige Sozialgesetzbuch 12, das Leistungen für das Arbeitgebermodell in der Pflege vorsieht, dessen Grundgedanke damals entwickelt wurde: Behinderte beschäftigen ihre Pflegekräfte selbst, weil sie dann am besten in der Lage sind, auch die Art und Weise, wie sie gepflegt werden selbst zu bestimmen.

Schon die Preisgestaltung der „Krüppelzeitung“ war damals auffällig: 1 DM kostete das Blatt für Behinderte, die mit dem Taschengeld der Sozialhilfe leben mussten, 3 DM sollten Behinderte mit eigenem Einkommen zahlen und 5 DM Nichtbehinderte. Die „Krüppelzeitung“ war als Selbstverständigungsorgan Behinderter gedacht, von Nichtbehinderten erwarteten die Initiatoren nur Neugier, die unerwünscht war. Dass manche Nichtbehinderten diese Preispolitik unterlaufen haben, indem sie sich die Zeitung von behinderten Freundinnen und Freunden kaufen ließen hat die „Krüppelzeitung“ weniger gestört, als dass Behinderte bereit waren, diese Unterstützung zu geben (obwohl man es ja auch positiv deuten konnte: hier benötigten einmal im Leben Nichtbehinderte die Assistenz Behinderter). Autorinnen und Autoren der „Krüppelzeitung“ durften nur Menschen mit Behinderungen sein.

Bild zu: "Behinderung ist schön"

Plakat der Behindertenbewegung zum UNO-Jahr 1981

Die „Krüppelzeitung – von Krüppel für Krüppel“, von der zwischen 1979 bis 1985 14 Ausgaben gedruckt wurden, war, der Titel signalisierte es, auch eine Provokation. Dem Integrationsgerede, dem herablassende Wohlwollen Nichtbehinderter gegenüber den „Sorgekindern“ (damals hieß die „Aktion Mensch“ noch „Aktion Sorgenkind“), aber auch der in ihren Augen aufgesetzt und letztenendes bevormundend wirkenden Solidarität kritischer Nichtbehinderter wurde der Kampf angesagt.

„Die Situation des ‚Behinderten‘ heute ist die des Bettlers und Almosenempfängers von früher, nur modernisiert. Das Wort Krüppel zeigt die bestehenden Verhältnisse offener auf.“

Themen der Hefte damals waren die Situation in Heimen und Werkstätten, Fahrdienste, die besondere Unterdrückung behinderter Frauen, die alltäglich erfahrene Diskriminierung, aber auch schon Sterbehilfe und die Auswirkungen der humangenetischen Beratung. Wichtige Texte der Zeitung werden in dem jetzt erschienen Buch zusammengefasst und wiedergegeben.

In der „Krüppelzeitung“ wurden Märchen und literarische Texte einer kritischen Lesart unterzogen, es fanden aber auch viele eigene Prosastücke und Gedichte Platz, in Comics wurde die Welt der Barrieren, durch die sich die Krüppelzeitungs-Autoren kämpften mit sarkastischem Humor skizziert. Weniges wirkt heute fremd, auch wenn sich die Verhältnisse für Behinderte seitdem in vielerlei Hinsicht verbessert haben: Die Möglichkeiten, außerhalb von Heimen zu leben sind größer; die Mobilität hat durch einen in erheblichem Umfang (wenn auch nicht, wie zu fordern ist, vollständig) barrierefreien Nahverkehr zugenommen; die Beschäftigungsverhältnisse in Werkstätten für Behinderte sind besser ausgestaltet; Behinderte haben sich erkämpft, dass sie sichtbar sind und wahrgenommen werden müssen. Die zahlenmäßig nie sehr große, politisch aber vergleichsweise durchsetzungsstarke autonome Behindertenbewegung hat über die Jahre auch die großen etablierten Behindertenverbände verändert, die Rolle der Behinderten wurde gegenüber der von Eltern und Profis gestärkt, die Ziele wurden selbstbewußter. Auch „Aktion Mensch“ in der heutigen Form, wäre ohne die scharfe und immer wieder erneuerte Kritik der Behinderten- und Krüppelgruppen an „!Aktion Sorgenkind“ schwer vorstellbar. Die Perspektive in der Gesellschaft insgesamt auf Behinderte allerdings ist, wie die Autoren des schmalen Bandes zutreffend feststellen, weitgehend unverändert: Behinderung wird als Leid betrachtet und das Bestreben nach Leid-Vermeidung ist ein Anliegen der Biopolitik. „Warum auch nicht?“ fragen viele, „wer will schon behindert sein?“ Im Buch heißt es dazu:

Oft kam die Aufforderung: ‚Gib doch zu, du wärest auch lieber nichtbehindert!‘ Wir sagten: Keine Ahnung, wie es sich als Nichtbehinderter lebt. Als behinderte Person fühlen wir uns wohl. Und diese Antwort war nicht aufgesetzt und besaß deshalb Überzeugungskraft.“

„Körper/Bewegung“ ist eines der Kapitel überschrieben, das auch den Mut besitzt, aus heutiger Sicht die Schwäche der eigenen damaligen Position zu thematisieren und sie gleichzeitig weiter zu denken.

Die eigene Art der Fortbewegung wird nicht mit Behinderung in Verbindung gebracht, weil sie selbstverständlich rund um die Uhr vonstatten geht. Dabei ist unbestritten, dass die Behinderung manchmal von Nachteil ist und Leid bedeuten kann. Nur eingestehen konnten wir dies in der Hochzeit der ‚Krüppelzeitung‘ schwer (….) Das Sichtbare zu akzeptieren und nicht selbst zu erschrecken und zu verstecken, dieses Kunststück unterstützten Diskussionen in der Krüppelgruppe. Sich offensiv hinzustellen mit der Behauptung ‚Behinderung ist schön!‘ war nicht nur Provokation, sondern Ausdruck eines neu eingeschlagenen Weges, auf dem die Vorgaben der Normalität ernsthaft hinterfragt wurden. Behinderte Menschen fallen auf, nahezu gleichgültig, wie sie sich verhalten. (…) Die(se) hoffnungslosen Versuche, Behinderung zu verstekcne, weisen auf die Macht der Normalität, die fortwährend Aufmerksamkeit verlangt, um dem Anpassungsdruck nicht zu erliegen und sich in Verzicht zu üben.“

Udo Sierck, selbst einer der Mitbegründer und Autoren der „Krüppelzeitung“, dann Gastronom und mittlerweile Lehrbeauftragter für „Disability Studies“ an der universität in Hamburg, und Christian Mürner, der als Behindertenpädagoge gerade keine klassische Behindertenpädagogik betreibt, haben ein lesenswertes Buch verfasst, das keine abschließenden Erkenntnisse bereit hält, sondern eine gelungene Mischung aus Erinnerungen, Reflektionen und historischen Bescheibungen. Dass Interviews und Dokumente den Band ergänzen, dass sich die Perspektive im Verlauf des Buches mehrfach verändert, macht deutlich, dass wir es hier mit einem Stück teilnehmender Beobachtung zu tun haben, das aber nichts sentimental verklärt, sondern auch die Schroffheit und bisweilen scharfe Aggressivität der damaligen Debatten zum Thema macht und kritisiert. Weil das Buch anschaulich geschrieben ist, ermöglicht es auch Menschen, die damals nicht dabei waren, einen guten Einblick in die Debatten, der gerade auch für nichtbehinderte Menschen aufschlussreich ist (insbesondere wenn sie der Auffassung sind, dass es auch anders gehen könnte, als „normal“). Gut, dass das Buch zum Einheitspreis für alle zu haben ist…..

PS.: Die „Krüppelzeitung“ fusionierte mit der damaligen Konkurrenz, der „Luftpumpe“ zur „randschau“, die professioneller produziert wurde, sich auf Dauer aber auch nicht halten konnte. Heute hat die Behindertenszene einen „newsletter“, der der „Bioskop“ beigelegt ist, sowie die im Internet produzierten „kobinet-nachrichten.“

Christian Mürner/ Udo Sierck, Krüppelzeitung – Brisanz der Behindertenbewegung, AG SPAK Bücher, 184 Seiten, 16 EUR.

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5 Lesermeinungen

  1. <p>erstaunlich, was es so...
    erstaunlich, was es so alles gibt. aber hochachtung, die „krüppel“ haben offenbar reichlich energie, da könnte sich mancher nichtbehinderte eine scheibe von abschneiden (naja, vielleicht kein ganz passendes bild).

  2. Vielen Dank für die kurze...
    Vielen Dank für die kurze Zusammenstellung. Provokation ist heute nicht mehr so wirksam wie vor 30 Jahren, aber es hat sich doch – ganz langsam etwas am Rand unserer Gesellschaft verändert. Wir dürfen nicht vergessen, wir kommen nicht vom Mitleid, Mitgefühl mit den Behinderten, wir haben sie vergast und für medizinische Versuche benutzt, viele haben ihnen das lebensrecht abgesprochen. Berührungsängste und Scham, selbst behindert zu sein, begegnen mir immer noch sehr viel. Es ist schwer unbefangen (mit Darwin )zu sagen, in der Natur darf alles sein wie es ist. Jedes Individuum darf erst mal leben, denn es kann ja eine Fähigkeit besitzen die seine art, nicht den einzelnen, weiter bringt. Am weitesten sind da m.E die Gehörlosen mit ihrem Selbstbewußtsein.

  3. Gefällt mir, der Eintrag. Das...
    Gefällt mir, der Eintrag. Das ist die Art von Denke, wie Sie die Unterschiede zwischen z.b. Behinderten und Nichtbehinderten (aber ganz ähnlich auch vor einigen Jahrzehnten Schwarz und Schwarz und heute konservativ und sozialdemokratisch) zu einem nicht unbedeutenden Teil aufheben und einen erkenntnissreichen Dialog ermöglichen.

  4. <p>Ich unterrichte Sonder- und...
    Ich unterrichte Sonder- und Heilpädagogik an einer Fachschule. Dieses Zeitdokument schildert in erschreckender und aufrüttelnder Weise, wie weit entfernt wir immer noch von der – in den Gesellschaftswissenschaften bereits seit Ende der 90er diskutierten – Inklusion sind. Danke für dieses Werk, dass vielleicht wieder ein paar Menschen mehr die Augen öffnet und uns alle weiter über die Frage nachdenken lässt: Was ist „normal“?

  5. <p>Interessanter als "was ist...
    Interessanter als „was ist normal“ finde ich die Frage: finden wir „normal“ eigentlich gut? Wenn nämlich nicht, können wir uns allerlei Ärger sparen. Ich zum Beispiel finde normal langweilig, deswegen interessiert mich auch nicht, dass mich jemand „normal“ findet. Lebe lieber ungewöhnlich…..

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