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Leben am Lebensende, Attac und die Mühen der Pflege

29.03.2009, 06:36 Uhr

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Es gibt irritierende Zusammentreffen und es gibt Zusammentreffen, bei denen gar nichts zusammen trifft. So geschehen Samstag in Berlin: Attac demonstrierte in Berlin aus Anlaß des G-20-Gipfels gegen die ungerechte Wirtschaftsordnung und in den Räumen der Heinrich-Böll-Stiftung (mustergültige Umwelttechnik lese ich auf einer Infotafel) ein paar Straßen weiter diskutieren ca. 150 Menschen auf Einladung der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen über „Leben am Lebensende”. Manche derer, die zu dieser Veranstaltung gekommen sind, aus Hospizvereinen, Krankenhäusern, von Pflegediensten und aus Arztpraxen, hätten auch zu Attac gehen können. Und Attac hat immerhin eine Forderung auf die Straße getragen, die auch denen helfen würde, die das Leben am Lebensende verbessern wollen – „mehr Geld für Gesundheit”!  So weit so gut und was will man mehr? Nun, gerade nach Auffassung von Attac hängt alles, zumindest irgendwie, mit allem zusammen – insbesondere mit der Ökonomie. Und angesichts der doch recht drängenden und viele Menschen erfassenden Probleme aus den Bereichen Pflege und Palliativversorgung, könnte man hier eigentlich ein gewisses Maß an Interesse erhoffen. Eigentlich, so mein Eindruck, interessieren die, die mit dem Slogan „Wir zahlen nicht für eure Krise!” kämpferisch in Pose gehen, sich aber nicht so sehr für das Sterben und Leben am Lebensende, wenn es denn nicht gerade um Hungertote im Trikont geht, die man dem Finanzkapital kommod in die Schuhe schieben kann.

Ich will jetzt nicht Attacs Engagement für eine gerechte Weltwirtschaftsordnung gegen Initiativen für eine Verbesserung der Versorgungssituation am Lebensende ausspielen. Die  Gleichzeitigkeit von großer entschiedener, lautstarker Demonstration und die Mühen des politischen Diskurses bei den Grünen um die Ecke, verweist aber auf ein Problem – insbesondere, wenn man sich dann noch vor Augen führt, dass die Bundestagsabgeordneten der „Linke”, der Partei, die mit Attac von den politischen Parteien am engsten verwoben ist, in bioethischen Fragen überwiegend technokratischen Lösungsmodellen anhängen, in denen die in der ökonomischen Diskussion oft hochgehaltenen Werte wie „Solidarität”, „demokratische Kontrolle” oder „Vergesellschaftung”, das sonst so präsente Engagement gegen jede Form der Deregulierung interessiert hier gar nicht und ganz entgegen der Erkenntnis aus der Zeit der Studentenrebellion erscheint das Private gar nicht mehr politisch, sondern als eine Angelegenheit bei der man gerne mal mit den sonst wenig geliebten Kolleginnen und Kollegen der FDP einer Meinung und für ein Selbstbestimmungsrecht sein kann, dessen ökonomischen und sozialen Kontext man nicht einmal ansatzweise hinterfragt…. Übrigens auf der anderen Seite durchaus auch ein Problem: wie viele konservative Parlamentarier widersetzen sich im Bereich der Sterbebegleitung mit dem Verweis auf soziale Verantwortung,  Fürsorgepflichten und Grundwerte einer Deregulierung im bioethischen Bereich, ohne daraus die naheliegenden, wenn nicht sogar erforderlichen ökonomischen und gesundheitspolitischen Konsequenzen zu ziehen.

Weg von den Vergleichen, hin zur Tagung, die mit dem Ernst gemacht hat, was sonst oft gefordert wird: nicht nur über Patientenverfügungen reden, sondern sich mit den Bedingungen, unter denen in Deutschland das Leben beendet und gestorben wird in umfassenderem Sinn auseinandersetzen. Dass man, um an dieser Diskussion teilnehmen zu können, über einen großen grünen Läufer, einer Herde Schafe folgend, die dort eingewebt war, die Treppe hoch in die Veranstaltungsräume traben musste, war vielleicht nicht die allerbeste Idee der Innenarchitekten, aber einmal drinnen war nichts mehr mit Blöken. Zwar gab es nach den jeweiligen Impulsreferaten in allen Foren „Murmelrunden”, in denen sich die Nachbarn und Nachbarinnen Betroffenheit zuraunen oder auch über den Unterschied von Sollen im Kantschen Sinne und in der Vorstellung Spinozas austauschen konnten; hatte sich es aber erstmal ausgemurmelt war die Bahn frei für Erfahrungsaustausch, Einwände und neue Überlegungen in größerem Kreis.

Können die Ehrenamtlichen in der Hospizarbeit das Auseinanderfallen der Familien ausgleichen? Ist die Professionalisierung der Hospize nicht auch eine Gefahr für die Reailisierung des eigentlichen Ziels Sterben in der Familie? Lassen sich die Gelder, die für den Ausbau der Pflege am Lebensende und für die Verbesserung von deren Qualität erforderlich sind, durch Umschichtungen gewinnen? Wer soll die Zeit finanzieren, die gebraucht wird um die Entschleunigung des Lebens in der letzten Lebensphase angemessen zu begleiten. Auf anderer Ebene angesiedelt, aber durchaus auch anregend für die Diskussion war die Frage, ob das Selbstbestimungsrecht in der medizinethischen Debatte nur ein Abwehrrecht gegen unerwünschte Eingriffe ist oder auch Ansprüche sichern kann und wenn es auch Ansprüche sichern kann, ob das Ansprüche sind, die sich aus unseren Wünschen speisen oder aus einer normativen Quelle, wie der Menschenwürde. Eng damit verbunden, dann aber schon wieder auf einer deutlich politischeren Ebene, war die Reflektionn der Bedeutung des vor wenigen Tagen in Deutschland in Kraft getretenen Gesetzes mit dem das  Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen für Deutschland umgesetzt wird für die Lage von Menschen am Lebensende. Ein klares Resumee der anderthalb Tage gab es – nicht überraschenderweise – nicht. Ganz offensichtlich stieß die Tagung, zu der neben grünen Bundestagsabgeordneten und Fraktionsmitarbeiterinnen Profis und Ehrenamtliche aus Hospizen gekommen waren, wo Beschäftigte ambulanter Pflegedienste mit Philosophieprofessoren diskutierten und Ärztinnen mit Sozialarbeitern und Psychologen, auf einen Bedarf. Für eine  interdisziplinäre und thematisch breitgefächerte Diskussion über gesellschaftliche Rahmenbedingungen des Sterbens in Deutschland und individuelle Erfahrungen bei der Begleitung am Lebensende gibt es, zumal im säkularen Bereich, wenig Gelegenheiten. 

Ein Blog ist keine wissenschaftliche Publikation und ich habe keinen Interessenkonflikt bekanntzugeben, aber ich war auf der Veranstaltung nicht als unabhängiger Berichterstatter, sondern als Teilnehmer eines der vier Podien geladen. Insofern habe ich erstens nicht alle Debatte verfolgen können und außerdem vielleicht manches interessanter gefunden, als es anderen erschienen sein mag. Im Übrigen sind Sie als Leserinnen und Leser des Blogs wie immer eingeladen Ihre Meinung mitzuteilen. Sie müsssen sich nicht anmelden.

Außerdem wünsche ich mir von Ihnen (und den 55.000 Attac-Demonstranten und Demonstrantinnen), dass Sie die E-Petition zur Umsetzung des Anspruchs auf spezialisierte Ambulante Palliativmedizinische Versorgung unterschreiben. Es fehlen noch ca. 48.900 Unterschriften….

 
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Oliver Tolmein, 1961 in Köln geboren, wollte Berufsoffizier werden, hat es dann zum Regieassistenten gebracht, konnte seinen Lebensunterhalt als Journalist verdienen und wollte schließlich doch noch Jura studieren. Seit 1980 sympathisiert er mit der Behindertenbewegung. In der Debatte um Gentechnik, Sterbehilfe und Menschenversuche ist er seit über zwanzig Jahren engagiert und hat zu bioethischen Themen mehrere Bücher verfasst und Filme gedreht. Jetzt arbeitet er überwiegend als Rechtsanwalt in der von ihm in Hamburg mitbegründeten Kanzlei Menschen und Rechte und ist auf Medizin- und Behindertenrecht spezialisiert. Er ist Vater von Zwillings-Jungs und einer kleinen Tochter. Für das Feuilleton der FAZ schreibt er seit 2001.