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Bioethik, Folter und der Eid des Hippokrates

09.04.2009, 12:42 Uhr

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Das Gedächtnis der Medien ist manchmal kürzer als die Weltpolitik erlaubt, denn das was jetzt die Schlagzeilen beherrscht, die Empörung darüber, dass in Guantanamo und Abu Ghraib gefoltert wird und Mediziner den Folterspezialisten dabei assistierten, war vor vier Jahren schon Thema in den US-Medien. Jetzt hat das also das Internationale Rote Kreuz die Vorwürfe bestätigt und konkretisiert. Die Empörung, die sich breit macht ist erfreulich. Aber warum, frage ich mich, empört sich die Öffentlichkeit vor allem darüber, dass Ärzte bei den Folterungen assistiert haben? Ist es schlimmer, wenn ein Arzt im Weissen Kittel Gewalt gegen einen wehrlosen Menschen ausübt, als wenn es ein Soldat in Uniform oder ein Verhörspezialist im Anzug erledigt? „Ärzte sind keine moralischeren Leute als andere” schrieb der Psychiater und Historiker von Medizinverbrechen Robert Jay Lifton 2005 zum Thema Folter und Medizin”, „aber andere und manchmal auch wir selbst sehen uns in einer magischen Verbindung zum Leben.”

 Schnell wird in der öffentlichen Debatte wenn darum geht, dass Ärzte stets als Helfende und Heilende wahrgenommen werden, der Eid des Hippokrates herangezogen, der besagt, dass Ärzte ihren Patienten nur Nutzen dürfen, nicht aber den Menschen Schaden zufügen. Der Eid des Hippokrates verbietet Ärzten aber auch tödliches Gift zu verabreichen – und sei es auf Verlangen der Patienten, also die Form von Sterbehilfe, die immer mehr Menschen Ärzten heute gerne abverlangen würden; er untersagt auch die Beratung von Suizidenten und die Beteiligung des Arztes an Abtreibungen. Nicht gerade modern in der modernen Welt der bioethischen Begehrlichkeiten und entsprechend still ist es um den Eid auch geworden, wenn es um Medizinversuche an nicht-einwilligungsfähigen Menschen geht.

Und auch wenn Ärzte Drogendealern Brechmittel verabreichen sollen, wenn sie abzuschiebende Flüchtlinge sedieren oder Hungerstreikende gegen ihren Willen ernähren, ist das mit dem Idealbild des guten, helfenden Arztes nicht vereinbar. Warum sollte der Verweis auf den Eid aus vorchristlicher Zeit in der Debatte um Folter heute jedes weitere Argument unnötig machen?

Das heißt natürlich nicht, dass Ärzte künftig foltern sollen. Sie müssen sich aber darüber verständigen, warum wir nicht wollen, dass gerade Ärzte sich an Folter beteiligen und wie das mit der sonstigen Ent-Wertung ärztlichen Handelns zur reinen Dienstleistung zusammengeht. Ein bloßes Erinnern einer Tradition, mit der ansonsten durchaus gebrochen wird, reicht dafür nicht aus. Es geht in dieser Diskussion um Grundlagen des ärztlichen Selbstverständnisses, es geht aber auch darum, was die Gesellschaft von den Medizinerinnen und Medizinern erwartet – sind sie in erster Linie Spezialisten für evidenzbasierte, gesundheitstechnische Dienstleistungen egal zu welchem Zweck und mit welchem Inhalt oder sollen sie mit ihrem Vorgehen, das jedesmal in die körperliche Integrität des behandelten Menschen eingreift, auch in ein wertorientiertes Weltbild eingebunden sein (und welche Konsequenzen könnte das haben)? Medizin, das wissen wir, kann Menschen heilen, verändern, vernichten und Leiden lindern. Es gibt offensive medizinische Konzepte und defensive – wohin soll die Reise gehen und über wieviele Zwischenstationen soll sie führen?

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Oliver Tolmein, 1961 in Köln geboren, wollte Berufsoffizier werden, hat es dann zum Regieassistenten gebracht, konnte seinen Lebensunterhalt als Journalist verdienen und wollte schließlich doch noch Jura studieren. Seit 1980 sympathisiert er mit der Behindertenbewegung. In der Debatte um Gentechnik, Sterbehilfe und Menschenversuche ist er seit über zwanzig Jahren engagiert und hat zu bioethischen Themen mehrere Bücher verfasst und Filme gedreht. Jetzt arbeitet er überwiegend als Rechtsanwalt in der von ihm in Hamburg mitbegründeten Kanzlei Menschen und Rechte und ist auf Medizin- und Behindertenrecht spezialisiert. Er ist Vater von Zwillings-Jungs und einer kleinen Tochter. Für das Feuilleton der FAZ schreibt er seit 2001.