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Bioethische Bildungspolitik: Risk Literacy wird etabliert

21.04.2009, 07:33 Uhr

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Journalistische Erkenntnis folgt manchmal verschlungenen Wegen. Diesmal kam der Hinweis aus Gründen, die hier nicht erörtert werden müssen, aus dem durch Risiken aller Art geprägten Ramallah/Westbank ins beschauliche Hamburg-Othmarschen: In Berlin gibt es bald ein neues deutsches Zentrum mit einem wunderbar englischen Namen, was sicherlich auch wieder zu allerlei lautstark geäußerten „das kann man doch auch auf Deutsch sagen”-Protesten führen wird. Sei es drum. Viel bemerkenswerter ist, dass das Stiftungskapital von einem englischen Investmentbanker kommt – der damit auch daran erinnert, wozu Banken eigentlich da sein sollten: Gelder zu geben, statt Staatsknete zu kassieren.

Am Donnerstag wird also in Berlin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung das Harding Center for Risk Literarcy eröffnet werden. Den Namen übersetze mal eine oder einer knapp, elegant und verständlich … In leichter Sprache, um die es hier angesichts des Themas unbedingt auch gehen müsste, könnte ich schreiben: Es geht darum, wie gefährlich etwas ist. Es geht auch darum, wie jemand wissen kann, was gefährlich ist ist. Manchmal denken Menschen, etwas ist sehr gefährlich, aber es ist gar nicht gefährlich. Und manchmal verstehen sie, dass etwas nicht so gefährlich ist, aber das stimmt nicht. In Wirklichkeit ist es nämlich doch sehr gefährlich.

Aber das ist hier kein Blog in leichter Sprache oder über leichte Sprache. Es geht um Biopolitik – und damit auch um gesellschaftliche Risiken, die allerdings oft mit Sprache und dem (Un-)Verständnis von Sprache zu tun haben. Womit wir beim Arbeitsauftrag der neuen Forschungseinrichtung wären: Das Berliner Harding Center for Risk Literarcy, dessen Gründungs-Direktor der Psychologe Gerd Gigerenzer werden wird, soll erkunden, wie Menschen in der modernen technologischen Welt Entscheidungen treffen, wobei es vor allem um Entscheidungen in medizinischen und gesundheitlichen Fragen gehen soll: Soll ich meine Kinder impfen lassen? Nutzen mir Maßnahmen zur Krebsfrüherkennung, oder schaden sie mir vielleicht? Und wie halte ich es mit der Pränataldiagnostik?

Angesichts solcher Entscheidungen setzen Menschen oft auf Informationen, die sie aus den Medien erhalten, deren Bedeutung sie aber gar nicht erfassen (weil auch die Journalisten oft unzutreffende Vorstellungen haben). Als Beispiel führt das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in seiner Pressemeldung einen Fall an, der die britische Öffentlichkeit bewegt hat: Als die Medien dort Presse meldeten, dass die Einnahme der Antibabypille der 3. Generation das Risiko einer Thrombose um 100 % erhöhe, reagierten viele Frauen mit Panik und setzten die Pille ab. Tatsächlich war aber das absolute Risiko nur von einer auf zwei von jeweils 7.000 Frauen gestiegen. Wären diese Zahlen kommuniziert worden, so hätten – vermutet die Pressemitteilung – ungewollte Schwangerschaften, geschätzt knapp 14.000 Abtreibungen und damit auch Kosten in Höhe von 4 bis 6 Millionen britischen Pfund vermieden werden können.

Das klingt eindrucksvoll, ist möglicherweise aber auch selbst wieder ein Fall für die von Gerd Gigerenzer ansonsten beschworene Skepsis, denn dass der Zusammenhang von Meldungen über erhöhte Thromboserisiken, ungewollte Schwangerschaften und Kosten der Abtreibung so linear ist, wie hier suggeriert, erscheint mir (ohne Zusatzausbildung in Risk Literacy) recht unwahrscheinlich. Diesem Einzelfall so beispielhafte Bedeutung zu geben signalisiert zudem, dass das an sich spannende und sinnvolle Projekt, die Fähigkeit Risiken zu beurteilen und dann auf besserer Basis Entscheidungen treffen zu können, möglicherweise recht (für meinen Geschmack wohl: zu) eng mit gesundheitsökonmomischen Erwägungen verknüpft sein könnte.

In England ist die Diskussion und Forschung schon weiter: dort wird gefordert „risk literacy” ins Schul-Curriculum aufzunehmen. Noch ein Schulfach…. Ich fände es schon gelungen, wenn entsprechende Fragestellungen verstärkt in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterricht einbezogen würden. Und da Risiko-Entscheidungen nicht nur von Daten und deren Interpretation abhängen, wäre es erfreulich, wenn in Philosophie, Religion, Deutsch, Englisch oder Griechisch die ethischen Dimensionen entsprechender Entscheidungen debattiert würden…. 

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Oliver Tolmein, 1961 in Köln geboren, wollte Berufsoffizier werden, hat es dann zum Regieassistenten gebracht, konnte seinen Lebensunterhalt als Journalist verdienen und wollte schließlich doch noch Jura studieren. Seit 1980 sympathisiert er mit der Behindertenbewegung. In der Debatte um Gentechnik, Sterbehilfe und Menschenversuche ist er seit über zwanzig Jahren engagiert und hat zu bioethischen Themen mehrere Bücher verfasst und Filme gedreht. Jetzt arbeitet er überwiegend als Rechtsanwalt in der von ihm in Hamburg mitbegründeten Kanzlei Menschen und Rechte und ist auf Medizin- und Behindertenrecht spezialisiert. Er ist Vater von Zwillings-Jungs und einer kleinen Tochter. Für das Feuilleton der FAZ schreibt er seit 2001.