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Wie das Amtsgericht Schweinfurt die Institution Ehe nicht retten konnte

31.08.2009, 09:49 Uhr

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Gelegentlich packt auch Richter am Amtsgericht der Ehrgeiz und weil sie alleine keine Justizgeschichte schreiben können, wenden sie sich dann mit einer Richtervorlage nach Art 100 Abs. 1 GG an das Bundesverfassungsgericht. So auch das Amtsgericht Schweinfurt in der Adoptionsangelegenheit einer gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaft. Die durch Paragraph 9 Abs. 7 Satz 2 Lebenspartnerschaftsgesetz seit dem 1. Januar 2005 ermöglichte so genannte Stiefkindadoption (über die in diesem Blog schon ausführlich diskutiert wurde ) war einem bayrischen Familienrichter ein Dorn im Auge. Es ging um folgenden Fall: eine Frau wollte das im Juli 2006 geborene Kind ihrer Lebenspartnerin adoptieren. Das zuständige Jugendamt befürwortete in seiner Stellungnahme unter Kindeswohlgesichtspunkten die beabsichtigte Adoption, nachdem sowohl die Kindesmutter als auch der Kindesvater eingewilligt hatten. Das zuständige Amtsgericht Schweinfurt wollte es besser wissen und setzte das Adoptionsverfahren aus, weil es die neue Norm des Lebenspartnerschaftsgesetzes für verfassungswidrig hielt. Dass der Amtsrichter damit seinem Dienstherrn, dem Freistaat Bayern, folgte, der selbst Normenkontrollklage erhoben hatte, war sicher nur ein Zufall.

Während der Freistaat vor wenigen Wochen selbst seine Normenkontrollklage zurückgezogen hat, fing sich der Amtsrichter vom Bundesverfassungsgericht einen Beschluss ein, der so viel Schadenfreude weckt, wie es das ernste Thema erlaubt: Die Vorlage, befand jetzt die 2. Kammer des 1. Senats des Bundesverfassungsgerichts, sei unzulässig.  Unzulässig heißt: Hier sind schon die formalen Voraussetzungen für die Anrufung des höchsten deutschen Gerichtes nicht gegeben. In der umfassenden Rechtsprechungsdatenbank juris sind ganze vier Entscheidungen veröffentlicht, in denen das Bundesverfassungsgericht Vorlagen von Gerichten wegen deren Unzulässigkeit verworfen hat. Keine einzige dieser Entscheidungen betrifft allerdings so grundsätzliche Mängel, wie sie der Vorlagebeschluss des Schweinfurter Familiengerichts aufwies: „Insbesondere lässt sich dem Beschlusstenor nicht entnehmen, welcher Richter den Beschluss getroffen hat. Außerdem ist der Beschluss im Original nicht unterschrieben.” Wäre der Richter ein Rechtsanwalt, hätte er damit voraussichtlich einen Haftungsfall produziert, so wird er sich vermutlich nur einige spöttische Bemerkungen im Kollegenkreis gefallen lassen müssen. Außenstehende mögen es bezeichnend finden, dass der Vorstoß für ein Wiederauflebenlassen einer diskriminierenden Rechtslage ausgerechnet von einem Richter betrieben wird, der, in einer von ihm für besonders wichtig gehaltenen Sache, nicht einmal die grundlegenden Förmlichkeiten beherrscht.

Das Bundesverfassungsgericht hat es dabei aber nicht bewenden lassen, sondern hat sich auch – wenngleich in der gebotenen Knappheit – mit der rechtlichen Frage an sich befasst:  Ist es zulässig, dass im Zuge einer Stiefkindadoption der annehmende (adoptierende) Lebenspartner dem leiblichen Elternteil des Kindes gleichgestellt wird? Das Bundesverfassungsgericht hält das für unproblematisch, weil auch für Ehen nichts anderes gilt: Auch der Ehepartner, der ein Kind adoptiert tritt damit in vollem Umfang an die Stelle des leiblichen Elternteils. „Die Elternstellung zu einem Kind im Sinne des Art. 6 Abs. 2 Satz 1 GG wird”, erläutert das Bundesverfassungsgericht die Grundlagen, „nicht allein durch die Abstammung, sondern auch aufgrund der sozial-familiären Verantwortungsgemeinschaft vermittelt.” Daher habe „die leibliche Elternschaft gegenüber der rechtlichen und sozial-familiären Elternschaft keine Vorrangstellung.” Das Bundesverfassungsgericht geht noch weiter und erteilt auch der Argumentation des Schweinfurter Amtsgerichts eine Absage, dass „Eltern eines Kindes nur dessen Mutter und Vater sein (könnten)” – damit öffnen die Karlsruher Richter möglicherweise sogar einem englischen Modell die Tür, das anstelle einer Vaterschaft auch die Möglichkeit eröffnet, dass sich Menschen als „anderer Elternteil” eines Kindes registrieren lassen und damit auch keine Adoption mehr benötigen um ein Kind in einer sozial-familiären Verantwortungsgemeinschaft aufwachsen zu lassen, in der es keinen Vater mehr geben muss (und ab 2010, wenn die nächste Gesetzesreform in Kraft tritt, ggf. auch keine Mutter mehr – dazu demnächst mehr an dieser Stelle)….

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Oliver Tolmein, 1961 in Köln geboren, wollte Berufsoffizier werden, hat es dann zum Regieassistenten gebracht, konnte seinen Lebensunterhalt als Journalist verdienen und wollte schließlich doch noch Jura studieren. Seit 1980 sympathisiert er mit der Behindertenbewegung. In der Debatte um Gentechnik, Sterbehilfe und Menschenversuche ist er seit über zwanzig Jahren engagiert und hat zu bioethischen Themen mehrere Bücher verfasst und Filme gedreht. Jetzt arbeitet er überwiegend als Rechtsanwalt in der von ihm in Hamburg mitbegründeten Kanzlei Menschen und Rechte und ist auf Medizin- und Behindertenrecht spezialisiert. Er ist Vater von Zwillings-Jungs und einer kleinen Tochter. Für das Feuilleton der FAZ schreibt er seit 2001.