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Nibelungenaufbruch und der Pflegenotstand

21.09.2009, 14:47 Uhr

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Gewalt im Pflegeheim ist – wie wir aus zahlreichen mehr oder weniger sensationsheischenden Veröffentlichungen der letzten Monate wissen – keine zu vernachlässigende Ausnahme. Wenn eine greise Rollstuhlfahrerin von einem auch nicht mehr ganz jungen Motorradfahrer unter den Augen einer kess blickenden Krankenschwester gewürgt wird, bis sie ins Koma fällt, ist das gleichwohl alarmierend und durch Pflegenotstand alleine nicht mehr zu erklären und schon gar nicht zu rechtfertigen. Wenn sich das Geschehen auf einer Opernbühne abspielt, weiß man nicht so recht, ob man sich darüber freuen soll, dass nun auch das Musiktheater die gegenwärtigen bio- und sozialpolitischen Missstände aufgreift, oder ob man sich auch griesgrämig zurücklehnen und darüber beklagen darf, dass die stets nach Aktuellem strebenden Regietheater-Künstler Erda, Wotan alias Der Wanderer und den Waldvogel in den Kontext der Debatte um demografische Entwicklungen und Generationenkonflikt stellen. Oder, als (mir von höherer Stelle eingeflüsterte) Variante dieser Frage: ist die Pointe, dass nun auch das Musiktheater so avanciert ist, dass es den Pflegenotstand auf die Bühne bringt, oder ist der Pflegenotstand schon so zum Stereotyp geworden, dass er mittlerweile sogar im Musiktheater als Chiffre (wofür eigentlich)  noch provokant genug, aber doch auch irgendwie schon kanonisiert angekommen ist. Und was heißt das – insbesondere in diesen Tagen, in denen die Verhandlungen um den Mindestlohn in der Pflege geführt werden und der Arbeitgeberverband Pflege ohne dass nennenswerte Empörung aufbranden würde feststellt, dass ein Mindestlohn von 7,50 EUR / Stunde den Wegfall von Arbeitsplätzen und damit einen Pflegenotstand provozieren würde ? Ist der Pflegenotstand durch ständige Skandalisierung soweit routiniert vereinnahmt, dass er zum kulturellen Konsumgut geworden ist?

Anthony Pilavachis Inszenierung des „Siegfried” am Theater Lübeck beantwortet solche Fragen nicht, bietet aber immerhin Anlass sie zu stellen (statt einer Wagner-Mann-Diskussion wäre also in der Buddenbrookstadt, vielleicht mal eine Walhall-Pflege-Kontroverse angesagt….)  und ist – nicht nur- insofern  eher erhellend, als ärgerlich.

 

Bild zu: Nibelungenaufbruch und der Pflegenotstand

(Nicht für 7,50 EUR: Der Wanderer – Stefan Heidemann – schiebt Erda – Ulrike Schneider
aus der Welt          Foto: Jörg Metzner)

Dass im Anfangsbild „Dr. Mimes Altersheim” in dem der zunehmend resignierte Zwerg erfolglos ein ausreichend scharfes Schwert zu schmieden versucht, eher einem Chemielabor gleicht, als einer Pflegeeinrichtung, verdeutlichte zwar die Schwierigkeiten einer stringent biopolitischen Interpretation des dritten Teils des Rings des Nibelungen. Siegfrieds eher lässige Bestrebungen an einem Ort das Fürchten zu lernen, der für viele Menschen tatsächlich furchterregend ist, weil er die wenig selbstbestimmte Endstation ihres Lebens darstellt, eröffneten dagegen eine überraschende Perspektive. Auch der längst zum Ausstellungsstück verkommene Riese Fafner, dem sein Wissen und Wohlstand angesichts der schieren Gewalt der Verhältnisse und seiner wodurch genau auch immer bedingten Immobilität nichts nutzte, erhielt im Rahmen der Altersheim-Interpretation eine neue Facette. Auch die Frage, warum Pilavachi Mime ein Altersheim betreiben lässt, wo der doch schwerpunktmäßig mit der Aufzucht des „zullenden Kindes” Siegfried beschäftigt sei, lässt sich produktiv beantworten, beschreibt die Inszenierung doch dadurch das wenig anregende Umfeld, in dem Siegfried aufwächst und erklärt so auch dessen aggressiv-forschen Drang das Alte in den Untergang zu zwingen.  

Bild zu: Nibelungenaufbruch und der Pflegenotstand

(Dr. Mimes Altersheim mit Mime -Arnold Bezuyen-, der einschlägig verkörperten Stimme 
des Waldvogels -Andrea Stadel- und Siegfried -Jürgen Müller-.     Foto: Jörg Metzner)

Dass es von den Alten dieses Zweiten Tages nur Alberich (und von den nicht ganz so Alten, der Generation Gold sozusagen, auch Brünnhilde) den Dritten Tag, die „Götterdämmerung” auf der Bühne erlebt, macht gespannt darauf, ob Pilavachi seine für nächstes Jahr geplante „Siegfried”-Interpretation gedanklich streng weiterführt und mit der Alten Welt dann auch die Welt der Alten in den Niedergang führt (was ließe das für eine neue, von Göttern – und ihren Gesetzen – befreite Welt erwarten?) oder ob es dann – mit Blick auf den ganzen Ring – doch in erster Linie Einfälle sind, die übrig bleiben, wie ein kleines als Lindwurm gewandetes weißes Hündchen, das im „Siegfried” als Referenz an die in Sachen Wagner bedeutsame Aufführungstradition, einmal quer über die Bühne trabte und dabei immerhin zeigte, dass das Tierische heute auch nicht mehr natürlich-ursprüngliche Wildheit verkörpert, sondern nur das gewünschte Maß von Domestizierung, das letztenendes aber den langen, dabei gar nicht so schweren schweren Abend wie manch anderer Regiegag nur durch einen zuverlässigen Lacher subjektiv erleichtern sollte.

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Oliver Tolmein, 1961 in Köln geboren, wollte Berufsoffizier werden, hat es dann zum Regieassistenten gebracht, konnte seinen Lebensunterhalt als Journalist verdienen und wollte schließlich doch noch Jura studieren. Seit 1980 sympathisiert er mit der Behindertenbewegung. In der Debatte um Gentechnik, Sterbehilfe und Menschenversuche ist er seit über zwanzig Jahren engagiert und hat zu bioethischen Themen mehrere Bücher verfasst und Filme gedreht. Jetzt arbeitet er überwiegend als Rechtsanwalt in der von ihm in Hamburg mitbegründeten Kanzlei Menschen und Rechte und ist auf Medizin- und Behindertenrecht spezialisiert. Er ist Vater von Zwillings-Jungs und einer kleinen Tochter. Für das Feuilleton der FAZ schreibt er seit 2001.