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Britischer Marsforscher für Lebenshilfe statt Sterbehilfe

25.09.2009, 16:30 Uhr

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Es gibt spannende Bewegungen in der englischen Debatte über assistierten Suizid. Colin Pillinger, wissenschaftlicher Leiter des Beagle-2-Projekts zur Erforschung des Mars und seit vier Jahren an Multipler Sklerose erkrankt, hat sich in der BBC sehr kritisch über die von Debbby Purdys Schicksal forcierte öffentliche Diskussion um Sterbehilfe geäußert.  Gleichzeitig hat der britische Chefankläger Keir Starmer einen Kriterienkatalog veröffentlicht, aus dem hervorgeht, unter welchen Voraussetzungen die Staatsanwaltschaft in Fällen der Beihilfe zum assistierten Suizid Anklage erheben wird, insbesondere, wenn es um die Begleitung schwerkranker sterbewilliger Menschen in die Schweiz geht, wo sie sich angeleitet von einer Sterbehilfeorganisation umbringen lassen wollen.

Der Astronom Pillinger hält es für fatal, dass durch den mit reichlich medialer Unterstützung betriebenen Vorstoß von Debbie Purdy in der Öffentlichkeit der Eindruck entsteht, Multiple Sklerose wäre eine Erkrankung, bei der man in erster Linie das eigene Sterben vorbereiten müsste. „Es ist überhaupt nicht so, dass wir an Multipler Sklerose erkrankten Menschen alle zu Hause sitzen und nur darauf warten, dass wir hören: jetzt dürft ihr zum Sterben in die Schweiz fahren. Sehr viele von uns wollen aber weiterleben und das tun, was uns Spaß macht, ob es wissenschaftliche Arbeit ist oder auch nur im Garten sitzen und das Gras wachsen sehen.”

Pillinger befürchtet, dass es zukünftig schwerer werden wird, Gelder für die Unterstützung der wissenschaftlichen Forschung zur Bekämpfung der Krankheit zu sammeln, weil die Menschen meinten, diese Unterstützung lohne sich nicht mehr.

„Die Debatte über Sterbehilfe und Multiple Sklerose ist völlig vom Schicksal dieser einenFrau bestimmt – das ist unverantwortlich. Wir brauchen eine positive Perspektive. Wir wollen darüber reden, wie wir leben können, nicht wie wir sterben.”

Gegen diesen flammende Appell eine neue Perspektive einzunehmen, der den Blick auch darauf lenkt, dass in der britischen Spitzenforschung, die auch durch Stephen Hawking geprägt ist, anscheinend mehr Menschen mit schweren Behinderungen aktiv sind, als in anderen Staaten, kommt der Kriterienkatalog mit dem Keir Starmer erläutert, wann seine Behörde in Zukunft das Gesetz gegen Beihilfe zum Suizid durchsetzen wird, nüchtern daher. Die Veröffentlichung entsprechender Grundsätze, die nicht bedeuten, dass Beihilfe zum Suizid in Großbritannien künftig straffrei wäre, wurde von den Richtern des House of Lords verlangt. die Existenz dieser Richtlinien erinnert an das kürzlich getroffene Übereinkommen zwischen Zürcher Staatsanwaltschaft und Sterbehilfeorganisationen über die Durchführung von assistierten Suiziden und auch an das so genannte Groningen Protokoll, mit dem Staatsanwälte in den Niederlanden deutlich machten unter welchen Bedingungen sie Euthanasie an Kindern, die auch in den Niederlanden verboten ist, nicht verfolgen wollen: Offenbar gibt es im Bereich der medizinischen Behandlung am Lebensende einen hohen Bedarf, trotz bestehender Rechtsnormen konsensuale Klärungsmechanismen zur Geltung zu bringen.

Kriterien aus dem britischen Katalog, deren Erfüllung dafür spricht, dass Anklage erhoben werden wird:

Das Opfer ist unter 18 Jahre alt; das Opfer war aufgrund von Lernbehinderungen oder geistigen Behinderungen nur eingeschränkt fähig einen eigenen Willen zu bilden; es gab keine klaren, wiederholten Forderungen des Opfers, dass es Suizid begehen wollte; das Opfer hatte keine unheilbare, tödlich verlaufende Krankheit oder schwerste Behinderungen; der Helfer war kein Verwandter, Ehepartner oder enger Freund des Opfers; der Helfe wurde für die Durchführung des Suizids bezahlt oder wurde bezahlt Pflege für den Suizidenten zu leisten; der Helfer war Mitglied einer Gruppe, die als zentrales Ziel hat, den Suizid durch Bereitstellung von Räumlichkeiten zu ermöglichen.

Faktoren, die gegen eine Anklageerhebung sprechen sind demgegenüber (unter anderem): Das Opfer hatte einen klaren, wiederholt geäußerten Wunsch Suizid zu begehen, das Opfer hat den Helfer persönlich um Hilfe gebeten und litt an einer unheilbaren, tödlich verlaufenden Erkrankung oder Behinderung; der Verdächtige handelte nur aus Mitleid  und hatte versucht den Suizidenten vom Suizid abzubringen, der Helfer unterstützte die Polizei bei der Aufklärung der Umstände des Suizids (die vollständige Liste auf Englisch findet sich hier.)

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Oliver Tolmein, 1961 in Köln geboren, wollte Berufsoffizier werden, hat es dann zum Regieassistenten gebracht, konnte seinen Lebensunterhalt als Journalist verdienen und wollte schließlich doch noch Jura studieren. Seit 1980 sympathisiert er mit der Behindertenbewegung. In der Debatte um Gentechnik, Sterbehilfe und Menschenversuche ist er seit über zwanzig Jahren engagiert und hat zu bioethischen Themen mehrere Bücher verfasst und Filme gedreht. Jetzt arbeitet er überwiegend als Rechtsanwalt in der von ihm in Hamburg mitbegründeten Kanzlei Menschen und Rechte und ist auf Medizin- und Behindertenrecht spezialisiert. Er ist Vater von Zwillings-Jungs und einer kleinen Tochter. Für das Feuilleton der FAZ schreibt er seit 2001.