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Depressionen und die Diskussion um Sterbehilfe

14.11.2009, 14:15 Uhr

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Der Suizid von Robert Enke hat bewirkt, dass über ein Thema an herausragenden Stellen geredet und geschrieben wird, das sonst allenfalls am Rande Platz im öffentlichen Diskurs findet: Depressionen. Und ein weitere Thema, das in den letzten Monaten zunehmend präsent war – Suizid – wird nunmehr aus einer anderen Perspektive erörtert: Nicht als Akt der Selbstbestimmung, für den man fordert, dass der Arzt durch Verschreibung einer tödlich wirkenden Substanz helfen dürfen soll. Suizid in dieser Geschichte erscheint als Konsequenz einer dem Betroffenen verzweifelt erscheinenden Lage, die aber aus anderer Perspektive durchaus nicht aussichtlos wirken muss.

Dass Depressionen und Suizid eng zusammenhängen, ist in der Fachöffentlichkeit bekannt. In der allgemeinen gesellschaftlichen Debatte, so sie das Thema überhaupt streift, wird das Zusammenspiel von psychischer Erkrankung und Wunsch sich selbst zu töten dagegen nur selten wahrgenommen.

Der umgangssprachlich als Selbstmord in die Nähe einer strafbaren Handlung gerückte, andererseits auch als Akt der Autonomie zum Freitod verklärte Suizid, soll hier aber auch nicht pathologisiert werden. Damit sich ein Mensch entschließt, seinem Leben ein Ende zu setzen, kommt meistens einiges an medizinischen und sozialen, biografischen und gesellschaftlichen Faktoren zusammen. Die Geschichte von Robert Enke, soweit sie jetzt bekannt geworden ist, ist nicht nur von seiner Depression geprägt, sondern auch von der Angst darüber zu reden, von der Sorge, sie nicht öffentlich werden zu lassen – und auch wenn jetzt allgemein Anteil genommen wird, waren die Sorgen nicht gänzlich unbegründet. Depressionen wirken für die Betroffenen als Stigma, sie führen viel zu leicht zu Ausgrenzung und Diskriminierung.  

Robert Enkes Schicksal ist allerdings nicht charakteristisch: Er war ein junger, leistungsstarker, beruflich und im Leben bei allen Schicksalsschlägen als erfolgreich angesehener Mensch. Es gibt zwar auch viele junge Menschen mit Depressionen. Die meisten Menschen mit Depressionen, die ihrem Leben ein Ende setzen wollen und es viel zu oft auch erfolgreich tun, sind aber alt. Sie sehen für sich keine Perspektive mehr, weil sie das Altersheim fürchten, weil sie keine Alternativen kennen, weil sie sich nicht Wert geschätzt fühlen.  Viele dieser Menschen reden nicht über ihre Depressionen -ihre Depressionen werden auch nur in sehr geringem Umfang erkannt, weil ihr Todeswunsch der Außenwelt nachvollziehbar erscheint: „So würde ich auch nicht leben wollen.”

Wenn jetzt – auch infolge des Tods von Robert Enke – offener über Depression geredet und damit eine Voraussetzung dafür geschaffen wird, sie erfolgreicher behandeln und Selbsttötungen verhindern zu können, ist das ein wichtiger Schritt. Er sollte allerdings nicht gegangen werden, ohne auch an die zu denken, über die zu reden und sich für sie einzusetzen, deren Depressionen allgemein für erklärlich gehalten werden: alte Menschen, chronisch kranke Menschen, Menschen mit Behinderungen.

Die Entwicklungen in der Schweiz und in den Niederlanden, wo sich zeigt, dass die Legalisierung des Zugriffs auf das Leben schwerkranker Menschen, stets auch dazu führt, dass der Ruf nach Möglichkeiten lauter wird, auch psychisch kranken Menschen aus dem Leben helfen zu dürfen, sollten zudem ein Anlaß sein, am Rande der Beschäftigung mit dem Schicksal von Robert Enke und seiner Familie auch über die Bedeutung der Ermutigung zum Leben im bioethischen Kontext nachzudenken.

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Oliver Tolmein, 1961 in Köln geboren, wollte Berufsoffizier werden, hat es dann zum Regieassistenten gebracht, konnte seinen Lebensunterhalt als Journalist verdienen und wollte schließlich doch noch Jura studieren. Seit 1980 sympathisiert er mit der Behindertenbewegung. In der Debatte um Gentechnik, Sterbehilfe und Menschenversuche ist er seit über zwanzig Jahren engagiert und hat zu bioethischen Themen mehrere Bücher verfasst und Filme gedreht. Jetzt arbeitet er überwiegend als Rechtsanwalt in der von ihm in Hamburg mitbegründeten Kanzlei Menschen und Rechte und ist auf Medizin- und Behindertenrecht spezialisiert. Er ist Vater von Zwillings-Jungs und einer kleinen Tochter. Für das Feuilleton der FAZ schreibt er seit 2001.