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Welt-Aids-Tag – Erfolge, aber auch kein Ende

30.11.2009, 22:49 Uhr

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Schleife zeigen auf Facebook, Anti-Aids-Gruppen bei SchülerVZ, ausführliche Berichte in den Magazinen – zum Welt-Aids-Tag gibt es viel zu lesen, zu twittern und zu sehen. Solidarität mit Infizierten, Präventionskampagnen und Prominente Unterstützerinnen und Unterstützer, die alles mögliche äußern. Wer sich daran erinnert, dass in den späten 1980er Jahren noch ernsthaft über Internierung von Infizierten zur Eindämmung der Erkrankung diskutiert wurde, dass in den 1990er die strafrechtliche Bewertung von Aids-Infektionen eine erhebliche Rolle spielte und bis vor wenigen Jahren die Medizin weitgehend machtlos erschien weiß, was seitdem erreicht worden ist.

 

Nichtsdestotrotz bleiben wichtige Erfolge auch noch aus: Vor allem das Engagement für bezahlbare Medikamente gegen Aids schafft keinen entscheidenden Durchbruch. Zwar ist die Bekämpfung von Aids sicher ein Bereich, in dem die Pharmaindustrie mit Recht darauf verweisen kann, nur durch erhebliche Anstrengungen in der Forschung Erfolge erzielt zu haben. Auf der anderen Seite verhindert der derzeitige Umgang der großen Pharmakonzerne mit den Patenten, dass gerade Patienten in den armen Ländern die medizinisch notwendige Versorgung erhalten. Während der Preis Preise für eine medikamentöse Anti-Aids-Therapie mehr als 7000 EUR pro Jahr für Originalpräparate kosten kann, kostet eine Therapie mit indischen Generika oft nicht mehr als 60 EUR/Jahr. Allerdings sind die Preise auch für die  Generika-Industrie offenbar existenzgefährdend niedrig.

 

Die Zahl der Infizierten ist nach wie vor enorm hoch: 33,4 Millionen Menschen leben mit dem Erreger. Zwar ist die Zahl der jährlichen Todesfälle aufgund der antiretroviralen Therapien gesunken – aber es entwickeln immer mehr Patienten Resistenzen, die Viren verändern sich und viele Menschen haben aus wirtschaftlichen Gründen keinen Zugang zu den dringend benötigten, lebensverlängernden Behandlungen. Von den etwa 9,7 Millionen Menschen, die antiretrovirale Medikamente benötigen, hat nichtmal ein volles Drittel Zugang dazu (Quelle: Unitaid; Unitaid ist eine Organisation der Vereinten Nationen, die den Zugang erkrankter Menschen zu den medikamentösen Therapien für die großen Pandemien – Aids, Malaria, Tuberkulose- sichern soll; UNAIDS ist dagegen eine Organisation, die sich ausschließlich, aber dafür umfassend mit Aids und seinen Folgen befasst).

 

Nachdem jahrelang weitgehend ohne Ergebnisse für die Lockerung des Patentschutzes für antiretrovirale Medikamente gekämpft wurde, ist jetzt eine internationale Kampagne für einen sogenannten Patentpool in Gang gebracht worden, die hier in Deutschland vor allem vom „Aktionsbündnis gegen AIDS” getragen wird und gerade eine Unterschriften-Aktion zu Ende führt.

 

Die Idee des Patentpools ist es, die Patentinhaber von modernen Anti-Aids-Medikamenten wie Pharmafirmen, Universitäten und Forschungsinstitutionen dazu zu bringen, alle Patentrechte für HIV-Medikamente in den ärmeren Ländern an den Pool abzugeben, der dann Generika-Produzenten Lizenzen zur Produktion in und für die ärmeren Länder erteilt. So könnte einerseits der Patentschutz bewahrt, andererseits eine bezahlbare Medikamentenversorgung auf neuestem Stand gesichert werden. 

Für Aidskranke in Entwicklungsländern wären viele Probleme gelöst, wenn sichergestellt wäre, dass alle wichtigen Medikamente im Pool sind und nicht nur Afrika, sondern auch Länder wie Indien einbezogen werden. In Indien sind mehrere hundert Millionen Menschen zu arm, um sich teure Medikamente leisten zu können. Indien ist gleichzeitig ein Land, das über eine ausreichend entwickelte Pharmaindustrie verfügt um hochwertige, preisgünstige Generika zu produzieren. Allerdings unterliegt Indien voll dem internationalen Patentregime, weswegen mittlerweile von den Herstellerfirmen, die Originale produzieren, mittlerweile Patentanträge in Indien gestellt. Diese liegen indischen Patentämtern vor, bislang sind allerdings schon zwei Anträge entschieden – und abgelehnt worden.

 So oder so laufen Generikafirmen Gefahr, von den Originalherstellern verklagt zu werden. Nach Recherchen von Anti-Aids-Aktionbündnissen wurden im vergangenen Jahr auch mehrmals Lieferungen von Anti-Aids-Medikamenten, die Indien nach Afrika oder Südamerika schicken wollte, in Europa beschlagnahmt. 

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Oliver Tolmein, 1961 in Köln geboren, wollte Berufsoffizier werden, hat es dann zum Regieassistenten gebracht, konnte seinen Lebensunterhalt als Journalist verdienen und wollte schließlich doch noch Jura studieren. Seit 1980 sympathisiert er mit der Behindertenbewegung. In der Debatte um Gentechnik, Sterbehilfe und Menschenversuche ist er seit über zwanzig Jahren engagiert und hat zu bioethischen Themen mehrere Bücher verfasst und Filme gedreht. Jetzt arbeitet er überwiegend als Rechtsanwalt in der von ihm in Hamburg mitbegründeten Kanzlei Menschen und Rechte und ist auf Medizin- und Behindertenrecht spezialisiert. Er ist Vater von Zwillings-Jungs und einer kleinen Tochter. Für das Feuilleton der FAZ schreibt er seit 2001.