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Pflegeheim-Suche nach Transparenzberichten: Ein Selbstversuch mit Noten

31.12.2009, 22:21 Uhr

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Dass der Glaube an Noten Berge versetzen kann, hat mich schon in meiner Schulzeit immer wieder beeindruckt, aber so war es halt. Dass jetzt auch Pflegeeinrichtungen unters Notendiktat gestellt werden, erscheint demgegenüber allerdings eine neue, bemerkenswerte Entwicklung – und wirft die Frage auf, wass denn eine Fünf dann für Konsequenzen haben soll: Versetzung in die Pflegebundesliga gefährdet?

Aber da ich in meinem vorangegangenen Blog über das österreichische Patientenverfügungsgesetz das Hohe Lied der Empirie angestimmt habe, will ich nicht allgemein meckern, sondern konkret schauen, wie ich von der letzten Pflegeversicherungsreform profitieren könnte, die die öffentliche Notenvergabe an Pflegeheime als großen Fortschritt mit sich gebracht hat. Also habe ich mich vom Pflegelotsen des Verbandes der Ersatzkassen einmal probeweise leiten lassen.

Erster Versuch: Ich suche ein Heim für Menschen, die im Wachkoma leben in der Nähe von Hamburg-Othmarschen. Die Umkreissuche setze ich auf 10 Kilometer. Und natürlich suche ich eine Einrichtung, bei der ein Zeugnis (Zeugnis heißt jetzt Transparenzbericht) vorliegt. Die Antwort kommt rasch und gibt wenig Anlaß zu Hoffnung:

„Es wurden keine Treffer für den Umkreis von 10 km gefunden. Die Suche wurde automatisch auf einen Umkreis von 300 km erweitert.”

Also soll ich meinen fiktiven Angehörigen in die Gegend von Postdam oder nach Berlin direkt verbringen. „Seniorendomizil am Alexanderplatz” mit 292 Plätzen klingt nicht sehr spezialisiert, also entscheide ich mich für einen genaueren Blick ins Pflegeheim Beelitz-Heilstätten Spezialeinrichtung für Menschen mit appalischem Syndrom. Ob nun der Pflegelotse nicht weiß mit wieviel „p” apallisch geschrieben wird, oder ob die Heilstätten selbst sich falsch beschreiben: Rechtschreibung ist hier, anders als in der Schule kein Qualitätskriterium. Also schau ich mir den Transparenzbericht dennoch an:

Bei der Befragung der Bewohner hat die Spezialeinrichtung für Patienten mit apallischem Syndrom eine Spitzennote erhalten: 1,2. Ich entscheide mich, nicht nachzuforschen, wie die Wachkoma-Patienten befragt worden sein könnten, sondern gehe lieber gleich ins Detail: 

„Ist bei Bedarf eine aktive Kommunikation mit dem Arzt nachvollziehbar?”

Ich kann leider weder aktiv noch passiv nachvollziehen, was Gegenstand dieser Frage sein könnte. Dass das Pflegeheim in dieser Kategorie mit einer glatten 1,0 glänzt, hilft mir daher in meiner Entscheidung auch nicht weiter. Alarmierend erscheint mir dagegen, dass auf die – gut verständliche – Frage nach der Übereinstimmung von Medikamentengabe und ärztlicher Verordnung nur ein „mangelhaft” erteilt wird und die weitergehende Frage danach, ob der Umgang mit Medikamenten sachgerecht sei, zu einem weiteren „mangelhaft” führt. Also kommt dieses Heim für Angehörige eher nicht in Betracht, seine Bewohner könnten allerdings als Kandidaten auf die Liste für die nächste Akquisekampagne in Sachen „Pflegehaftung” gelangen. Erstaunlich übrigens, dass die Gesamtnote für „Pflege und medizinische Versorgung” in der MDK-Prüfung trotz dieser offenbar eklatanten Fehlleistungen dennoch bei 1,8 liegt, also einem „Gut” entspricht.

Da es mit stationären Pflegeeinrichtungen für Menschen, die im Wachkoma leben im 300 Kilometer-Umkreis offenbar – zumindest wenn ich Transparenzberichte möchte – schwierig ist, suche ich in der nächsten Runde lieber ein Pflegeheim für Körperbehinderte. Auch diesmal wird bei der Eingabe „Hamburg” die 10 Kilometer Umkreissuche nicht akzeptiert, immerhin wird der Radius aber nur auf 100 Kilometer erweitert.  Diesmal erfahre ich alles über das „Diak. Schwerstpflege- und Förderheim Am Tannenberg” in Grevesmühlen: 1,0 in jeder Disziplin, merkwürdigerweise haben die körperbehinderten Bewohner aber nichts zu sagen gehabt: 0,0 in der Bewohnerbefragung.  Dafür, dass ich eine Einrichtung für Körperbehinderte angeboten bekommen habe, beziehen sich auffallend viele Fragen auf den Umgang mit dementen Patienten. Es gibt in Grevesmühlen, weiß ich nun, “identifikationsgestaltende Milieugestaltung in Zimmern und Aufenthaltsräumen”, die Selbstbestimmung der dementen Patienten wird in der Pflege demnach mustergültig berücksichtigt (wie wirkt sich das konkret aus?), der MDK hat sogar festgestellt, dass sich beim Essen „die Portionsgrößen an den individuellen Wünschen der Bewohner orientieren.” Wieso eigentlich „orientieren”? Und wonach bestimmen sie sich im Endergebnis?Am Etat der Pflegestufe? An den Einschätzungen der Diätassistenten?

Da die Bewohner nicht gefragt wurden, suche ich eine andere Einrichtung und weiche, wer weiß wie der MDK da arbeitet, mal nach Süddeutschland aus. Ich kenne einen körperbehinderten Menschen in Ravensburg. Wohin könnte der sich denn wenden, wenn er plötzlich sein bisheriges, auf Selbstständigkeit aufbauendes Leben in Frage stellen und ins Heim ziehen wollte? Klug geworden peile ich diesmal einen Umkreis von 50 Kilometern an, muss dann genau angeben, welche Postleitzahl in Ravensburg ich bevorzuge um schließlich zu erfahren:

„Es wurden keine Treffer für den Umkreis von 50 km gefunden. Die Suche wurde automatisch auf einen Umkreis von 700 km erweitert.”

Verwiesen werde ich, Sie ahnen es schon, an das das „Diak. Schwerstpflege- und Förderheim Am Tannenberg” in Grevesmühlen.

Da mein Freund sowieso nicht ins Heim will und ganz sicher nicht in ein 700 Kilometer entferntes, verzichte ich halt auf den Transparenzbericht, der so große Fortschritte bringen soll, und stelle „alle Einrichtungen” ein. Die erste Einrichtung, die mir jetzt vorgeschlagen wird, ist das „Seniorenzentrum Wilhelm-Maybach-Stift der Bruderhausdiakonie”  in Friedrichshafen. Ich erfahre etwas über die Höhe der Pflegesätze, mehr nicht. Da hätte ich meinen Freund auch aufs Telefonbuch verweisen können. Aber vielleicht gibt es ja mehr Informationen, bis er in circa 30 Jahren das richtige Alter für diese Pflegeeinrichtung erreicht haben wird.

Letzter Versuch auch vom Fortschritt in der Pflegegesetzgebung zu profitieren: Vielleicht taugt ja nur die Datenbank der Ersatzkassen nichts. Ich wechsel also zum Pflegenavi der AOK und suche dort nach einer vollstationären Einrichtung im Umkreis von Frankfurt am Main für beatmungspflichtige Patienten. Das Ergebnis ist nicht überraschend:

„Zu Ihrer Suchanfrage konnten wir leider kein Pflegeheim finden. Bitte ändern Sie Ihre Eingabe und versuchen es erneut.”

Also erweitere ich auf 100 Kilometer – mehr geht nicht. Die AOK scheint Ihre Versicherten für weniger mobil zu halten als es die Ersatzkassen tun. Jetzt werde ich auf das „Zwerg Nase Haus Förderverein e.V.” in Wiesbaden aufmerksam gemacht, über das ich allerdings außer den Kosten nichts erfahre. Da mir der Name zudem zu gewollt literarisch und auch wenig überzeugend erscheint, klicke ich mich nach Wetzlar weiter, erfahre aber auch hier nichts Substanzielles, besuche dann noch die Homepages von zwei Einrichtungen für Kinder, auf denen ich immerhin mitgeteilt bekomme, dass eigene Möbel mitgebracht werden dürfen, dass es einen eigenen Garten gibt sowie die Möglichkeit des Probewohnens. Warum die eine Einrichtung schon Plätze für 362 EUR am Tag anbietet, die andere dagegen mindestens 621 EUR verlangt – und was das, zwischen Siegen und Burbach, für Qualitätsunterschiede nach sich zieht, bleibt allerdings offen.

Da ich gerade beatmungspflichtigen Behinderten ohnehin nicht empfehlen würde, dauerhaft ins Pflegeheim zu gehen, sondern wenn irgend möglich Behandlungspflege zu Hause wahrzunehmen, lasse ich es hierbei bewenden.  Auch ansonsten halte ich Pflegeheime für eher überkommene Einrichtungen; da sie allerdings von vielen Menschen, wie freiwillig auch immer, genutzt werden müssen, ist  Transparenz über die Qualität der Pflege dort tatsächlich ein dringendes Anliegen. Die Umsetzung des dafür zuständigen, neu geschaffenen Paragraphen 115 SGB XI wie wir sie derzeit erleben, ist allerdings nicht mal ein schlechter Scherz. Hier hätte die Bundesregierung reichlich Anlaß für gute Vorsätze (wenigstens!) fürs neue Jahr.  Aber ich bin ja kein Politikberater, sondern lieber Internetnutzer und empfehle daher, wenn jemand Assistenzbedarf hat, sowieso lieber andere Quellen als den MDK. Forsea beispielsweise oder das Alzheimer-Forum (für Hinweise auf gute Internetangebote zu nicht-stationären Versorgungsformen gerade für alte Menschen bin ich stets dankbar).

In diesem Sinne – ein gutes neues Jahr

 

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Oliver Tolmein, 1961 in Köln geboren, wollte Berufsoffizier werden, hat es dann zum Regieassistenten gebracht, konnte seinen Lebensunterhalt als Journalist verdienen und wollte schließlich doch noch Jura studieren. Seit 1980 sympathisiert er mit der Behindertenbewegung. In der Debatte um Gentechnik, Sterbehilfe und Menschenversuche ist er seit über zwanzig Jahren engagiert und hat zu bioethischen Themen mehrere Bücher verfasst und Filme gedreht. Jetzt arbeitet er überwiegend als Rechtsanwalt in der von ihm in Hamburg mitbegründeten Kanzlei Menschen und Rechte und ist auf Medizin- und Behindertenrecht spezialisiert. Er ist Vater von Zwillings-Jungs und einer kleinen Tochter. Für das Feuilleton der FAZ schreibt er seit 2001.