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Klage wegen Zwangssterilisation, Beschimpfung wegen Sozialhilfebezug

10.01.2010, 21:56 Uhr

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Wieviel Kinder darf eine Sozialhilfeempfängerin haben? Ist es legitim, wenn Ärzte eine Mutter wegen zu vieler Kinder gegen ihren Willen sterilisieren? Dass es zur öffentlichen Diskussion solcher Fragen kommen würde, hat sich die 35jährige US-Amerikanerin Tessa Savicki wohl nicht träumen lassen, als sie Ende des letzten Jahres das Baystate Medical Center in Massachussets wegen eines schweren Verstoßes gegen die medizinische Ethik und ihr Recht auf Selbstbestimmung verklagte: die Ärzte der Klinik sollen sie 2006, statt ihr ein Verhütungsmittel einzusetzen, durch eine Eileiterunterbindung sterilisiert haben.

Nachdem der Boston Herald ausführlich über ihre von einem prominenten Medizinrechtler vertretene Klage gegen die Klinik berichtet hatte, sah sich die Frau, die von mehreren Väter insgesamt neun Kinder zwischen drei und  21 Jahren hat, mit einer Welle elektronischer Beschimpfungen, die ihren Facebook-Eintrag überschwemmten, konfrontiert. Auch auf den Online-Seiten des Boston Herald selbst sammelten sich innerhalb weniger Tage weit über 1000 Leserkommentare, die sich vorzugsweise damit befassten, dass Tessa Savicki für zwei der vier Kinder, die bei ihr leben (zwei weitere sind volljährig und drei leben bei Tessa Savickis Mutter) Sozialhilfeleistungen bezieht. Charakteristisch für die Stimmung ist der Beitrag von „andreaandstanley” :

„Ich findes es gut, dass die Klinik hier selbstständig eine gute Entscheidung getroffen hat, zu der diese Frau offensichtlich selbst nicht in der Lage war. Neun Kinder, soll das ein Witz sein? Ich wette die Hälfte von denen bekommt irgendwelche Behindertengelder oder irgendeine Form von öffentlicher Unterstützung. Wenn diese Krankenhäuser öfter so konsequent wären, würde es weniger bescheuerte Menschen auf der Welt geben.”

Auch andere Zuschriften wie die von „layabout” ließen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig, wurden vom Boston Herald aber veröffentlicht:

„Süße…hier hast Du einen Zehner…klemm ihn dir fest zwischen die Kniee für die nächsten 30 Jahre.”

 Das wirft die Frage auf, was die Zuschriften mitzuteilen hatten, an deren Stelle die Online-Redaktion nur eine Leerstelle veröffentlichte mit dem Hinweis darauf, dass der Text wegen Verstoßes gegen die Richtlinien nicht veröffentlicht werden könnte.

Als der Boston Herald einige Tage später in einem zweiten Artikel über die extremen Reaktionen auf den Artikel über die beklagte Zwangssterilisation berichtete, mobilisierte das noch mehr Online-Leser. Innerhalb von zwei Tagen verzeichnete der Beitrag 1219 Kommentare, von denen einige zwar mit der neunfachen Mutter sympathisierten, bestimmend waren aber auch diesmal wieder die kritischen Töne, wie in der Stellungnahme von „Tyroneshoelaces”

Vielleicht sind deine Rechte verletzt worden, aber du bist größtenteils selbst schuld. Du bist 35, spar dir die Entschuldigungen und Schluß mit dem ich bin immer das Opfer Gerede, wir haben genug davon.”

Das kritische Online-Magazin „Jezebel” hat sich mit den Reaktionen auf Tessa Savickis Fall befasst und die Ursachen dafür in der langen Erfolgsgeschichte der Eugenik in den USA, die eben noch keineswegs einfach Vergangenheit sei.

Die Klinik selbst hat sich übrigens zu den Vorwürfen noch nicht geäußert, da es sich um ein laufendes Verfahren handele. Ganz offensichtlich enthält die Krankenakte von Tessa Savicki aber nicht die schriftliche Einwilligungserklärung, die nach den Gesetzen des Bundesstaates bei einer Sterilisation erforderlich gewesen wären. Das Verfahren verspricht also interessant zu werden. Es wäre aber vermutlich grundloser Optimismus anzunehmen, dass es sich bei den beschriebenen Stimmungsalgen und Vorfällen um eine rein lokale oder regionale Angelegenheit handelte.

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Oliver Tolmein, 1961 in Köln geboren, wollte Berufsoffizier werden, hat es dann zum Regieassistenten gebracht, konnte seinen Lebensunterhalt als Journalist verdienen und wollte schließlich doch noch Jura studieren. Seit 1980 sympathisiert er mit der Behindertenbewegung. In der Debatte um Gentechnik, Sterbehilfe und Menschenversuche ist er seit über zwanzig Jahren engagiert und hat zu bioethischen Themen mehrere Bücher verfasst und Filme gedreht. Jetzt arbeitet er überwiegend als Rechtsanwalt in der von ihm in Hamburg mitbegründeten Kanzlei Menschen und Rechte und ist auf Medizin- und Behindertenrecht spezialisiert. Er ist Vater von Zwillings-Jungs und einer kleinen Tochter. Für das Feuilleton der FAZ schreibt er seit 2001.