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Englischer Autor wünscht Suizid-Häuschen an den Straßenecken

25.01.2010, 10:35 Uhr

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Dort wo früher, als noch nicht jeder mindestens ein Handy hatte, Telefonzellen standen, will der britische Autor Martin Amis (60) künftig Suizid-Häuschen für alte Menschen errichtet wissen. An jeder Straßenecke sollen die Alten “einen Martini und eine Medaille” bekommen und durch ihr lässig-freiwilliges Ableben die demografische Zeitbombe entschärfen, die in den Industiegesellschaften nach Amis Auffassung tickt.

Bild zu: Englischer Autor wünscht Suizid-Häuschen an den Straßenecken

(Demnächst für den Suizid mit Martini gerührt und geschüttelt bereit? )

 

In einem Interview an diesem Sonntag mit der Sunday Times skizziert der britische Autor seine Schreckensvision einer

“Bevölkerung, die aus sehr alten, dementen Menschen besteht, die wie eine Invasion schrecklicher Immigranten aus Restaurants, Cafes und Shops herausstinken. Ich befürchte, dass wir in 10 bis 15 Jahren eine Art Bürgerkrieg zwischen  Alt und Jung haben werden.“

Deutlich plausibler klingt die Sorge des Autors um sein eigenes Schicksal, denn er befürchtet dereinst weiterleben zu müssen, ohne noch Schreiben zu können:

“Die Medizin hat sich verselbständigt und so müssen die meisten von uns weiterleben, auch wenn ihr Talent längst gestorben ist. Novellisten taugen ab etwa 70 nichts mehr und davor habe ich eine Mordsangst. Ich habe eine enorme paranoide Angst davor entickelt, dass mein Telent vor meinem Körper ablebt.“

Bild zu: Englischer Autor wünscht Suizid-Häuschen an den Straßenecken

(Suizidmöglichkeiten auch außerhalb der großen Städte? Foto: http://blog.stuttgarter-zeitung.de/wp-content/sunrise-mojave-phone-boot.jpg )

 

Sehr gelungen ist, dass das provokative, aber nicht satirisch gemeinte Interview mit Amis auch noch einen Verweis auf seinen Ende der Woche erscheinenden Roman enthält – Die schwangere Witwe –, eine Attacke gegen Feminismus und sexuelle Revolution. So erweist sich das aggressive, aber weder originelle noch besonders gehaltvolle Plädoyer für den Suizid als Mittel gegen die Überalterung der Bevölkerung, nicht als Beitrag nicht der gesellschaftlichen Debatte sondern als geschickter Marketingschachzug.

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(Doppelsuizid und Suizid im Freien möglich, Foto: http://www.surveyor.in-berlin.de/berlin/zellen/index.html)

In den Niederlanden wurde eine vergleichbare Debatte über die „Selbstmordpille“ für alte Menschen, die sogenannte Drion-Pille in den 1990er Jahren und 2003 geführt. Allerdings dachten die Niederländer eher an private Lösungen zu Hause, als an den ganz großen Befreiungsschlag an jeder Straßenecke… 

PS.: Die Comic-Welt ist, wie ich Dank des Hinweises von Leser Fry (s. unten) weiß (Danke dafür), schon weiter und konkreter als die Literatur:

Für einen Quarter kann man zwischen drei Todesarten wählen: “quick and painless”, “slow and horrible”,”clumsy bludgeoning”. Ihren ersten Auftritt hat die Suizid-Zelle in “Space Pilot 3000″, wo ein Charakter (Fry) sie mit einer Telefonzelle verwechselt. 

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(Suicide Booth aus “Futurama”, 20th Century Fox)

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Oliver Tolmein, 1961 in Köln geboren, wollte Berufsoffizier werden, hat es dann zum Regieassistenten gebracht, konnte seinen Lebensunterhalt als Journalist verdienen und wollte schließlich doch noch Jura studieren. Seit 1980 sympathisiert er mit der Behindertenbewegung. In der Debatte um Gentechnik, Sterbehilfe und Menschenversuche ist er seit über zwanzig Jahren engagiert und hat zu bioethischen Themen mehrere Bücher verfasst und Filme gedreht. Jetzt arbeitet er überwiegend als Rechtsanwalt in der von ihm in Hamburg mitbegründeten Kanzlei Menschen und Rechte und ist auf Medizin- und Behindertenrecht spezialisiert. Er ist Vater von Zwillings-Jungs und einer kleinen Tochter. Für das Feuilleton der FAZ schreibt er seit 2001.