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Eizell-Lotterie – Gewinnerin darf Beruf, Herkunft und Haarfarbe wählen….

16.03.2010, 17:47 Uhr

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Würden Sie sich ein „Euthanasie”-T-Shirt anziehen? Und wenn ja bei welche Gelegenheit? Wenn Sie jetzt fragen, „Ja was denn, pro-Euthanasie oder contra?”, dann ist die Kolumne gescheitert. Wie ich überhaupt auf die Frage komme, berichte ich, wenn ich danach gefragt werden sollte. Erstmal ist das Thema für mich vom Tisch, weil etwas Aktuelles dazwischen gekommen ist – ungewöhnlich für ein Biopolitik-Blog, aber es geht um eine Lotterie. Aber keine, an der sie sich beteiligen können (oder wollen?), denn die Lose gibt es nur bei der Bridge Klinik in London, einer sogenannten Kinderwunsch-Klinik, was mir ein ziemlich harmloser Begriff für das zu sein scheint, was dort betrieben wird. Denn die Wünsche und Vorstellungen, die dort gefördert und durchgesetzt werden, beinhalten alle Spielarten der Selektion, die man sich so vorstellen kann; zutreffender ist es wohl von einem Zentrum für strategische und taktische Familienplanung zu sprechen: von der Auswahl von Ei- und Samenspendern über die nachfolgende Präimplantationsdiagnostik, die die Selektion der Embryonen mit den gewünschten Eigenschaften ermöglicht, bis zu den anschließenden Screenings ist für alles gesorgt.

Bei der Verlosung, die am Mittwoch stattfinden wird, gibt sich die Klinik deswegen auch nicht bescheiden – warum auch: Der Hauptgewinn soll ein Menschenleben sein, kein ganzes, aber doch zumindest notwendige Voraussetzungen dafür, nämlich eine für die In-Vitro-Fertilisation freigegebene Eizelle, inklusive der dazugehörigen IVF-Behandlung. Selbstverständlich hat die Gewinnerin dann die freie Wahl aus dem reichhaltigen Spenderinnen-Angebot des privaten „Genetics & IVF-Institutes” im US-Bundesstaat Virginia, mit dem die Bridge Klinik seit kurzem eine Partnerschaft eingegangen ist: Soll die Eizellenspenderin lieber eine blonde Juristin europäischer Herkunft sein, eine Opernsängerin mit koreanischem Hintergrund oder eine Afro-Amerikanerin, die Sozialpädagogin ist? Schwer zu entscheiden? Kein Problem: Es werden auch Kinderfotos der Spenderinnen zur Verfügung gestellt und es soll, wenn die Entscheidung so gut wie gefallen ist, ein aktuelles Foto vor allzu großen Überraschungen bewahren…

Anlaß für die strategische Partnerschaft von britischer Klinik und us-amerikanischem IVF-Institut ist die Knappheit an gespendeten Eizellen in Europa: Selbst in Großbritannien, wo in bioethischer Hinsicht nahezu alles erlaubt ist (sieht man mal von dem angesichts dessen reichlich unmodern wirkendenVerbot der Beihilfe zum Suizid ab), ist der Handel mit Organen, Körperzellen und Geweben vebroten – weswegen Eizellspenderinnen dort gerade mal 250 britische Pfund Aufwandsentschädigung erhaltenn (in den USA werden dagegen 20 bis 30mal so hohe Beträge gezahlt). In Deutschland übrigens ist die Eizellenspende ganz verboten, weil sie eine Grundlage für Leihmuterschaften bilden könnte und weil die Aufspaltung von genetischer und biologischer Mutter für bedenklich gehalten wird –  allerdings wird bei Samenspenden die Aufspaltung von sozialer und genetischer Vaterschaft auch akzeptiert, es gibt allerdings Unterschiede, weil der soziale Vater, anders als die eine genetisch fremde Schwangerschaft austragende Mutter, keinen biologischen Anteil an dem Kind hat.

Die Eizellen-Lotterie hat in Großbritannien übrigens zu heftiger Kritik geführt, die Aufsichtsbehörde, die Human Fertilisation and Embryology Authority, sieht aber keinen Grund einzuschreiten.

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Oliver Tolmein, 1961 in Köln geboren, wollte Berufsoffizier werden, hat es dann zum Regieassistenten gebracht, konnte seinen Lebensunterhalt als Journalist verdienen und wollte schließlich doch noch Jura studieren. Seit 1980 sympathisiert er mit der Behindertenbewegung. In der Debatte um Gentechnik, Sterbehilfe und Menschenversuche ist er seit über zwanzig Jahren engagiert und hat zu bioethischen Themen mehrere Bücher verfasst und Filme gedreht. Jetzt arbeitet er überwiegend als Rechtsanwalt in der von ihm in Hamburg mitbegründeten Kanzlei Menschen und Rechte und ist auf Medizin- und Behindertenrecht spezialisiert. Er ist Vater von Zwillings-Jungs und einer kleinen Tochter. Für das Feuilleton der FAZ schreibt er seit 2001.