Biopolitik

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Schweiz will aktive Sterbhilfe? "Exit"-Ethiker präsentiert Zahlenspiele

| 7 Lesermeinungen

Alte, kranke Schweizer sollen das Recht auf Sterbehilfe haben, sagt eine klare Mehrheit der eidgenössischen Bevölkerung. Nicht aber psychisch Kranke, Gesunde...

Alte, kranke Schweizer sollen das Recht auf Sterbehilfe haben, sagt eine klare Mehrheit der eidgenössischen Bevölkerung. Nicht aber psychisch Kranke, Gesunde und Menschen aus dem Ausland. Die gut sieben Millionen Schweizer bewegen sich also, glaubt man den Ergebnissen einer Studie des Instituts für Kriminologie an der Universität Zürich, allmählich auf die Linie der knapp 16 Millionen Niederländer (von den Luxemburger und Belgiern ganz zu schweigen) zu-denn auch dort dürfen sich nur Einheimische auf Verlangen Töten lassen, die dafür aber umso mehr.

Was das Ergebnis der im Mai diesen Jahres duchgeführten, am Freitag veröffentlichten Studie für die schweizer und die europäische Diskussion für Folgen haben wird,ist schwer abzusehen. Immerhin wird der gegenwärtig in der Schweiz betriebene Vorstoß für Einschränkungen des Rechts auf Suizidbeihilfe dadurch sicher nicht befördert werden.

Zuallererst ist aber zu fragen: glaubt man denn den Ergebnissen der Züricher Kriminologen? Dass der Leiter der Studie ein österreichischstämmiger Kriminologieprofessor namens Schwarzenegger ist, soll hier außer Acht gelassen werden, dass Prof. Schwarzenegger seit sechs Jahren Mitglied der Ethikkomission der Sterbehilfeorganisation „Exit“ ist verdient dagegen eine Erwähnung, vor allem auch weil es in schweizer Medien unerwähnt bleibt. Auch „Exit“ selbst, das die Studie auf seiner Homepage ausführlich und lobend erwähnt, lässt dieses Detail dezent außen vor.

Methodisch wirft die Studie Fragen auf, weil sie auf Telefoninterviews setzt:Beim Thema „Sterbehilfe“ schon an sich nicht besonders überzeugend, weil im Rahmen von Telefoninterviews eher kurze,schnelle Ja/Nein-Positionen abgefragt werden können, während sich ethisch komplexere Fragen für diese Befragungsform weniger eignen, bei der schnell reagiert werden muss, keine Gelegenheit für Reflektion ist und auch die Gefahr besteht, dass Menschen mit einem gewissen Bildungshintergrund verstärkt ausscheren.

Die Studie selbst vermerkt denn auch:

„Das Thema der Umfrage stiess zum Teil bei Älteren sowie Personen mit Kranken oder Verstorbenen in ihrem Umfeld auf Ablehnung.“

Um dann aber ohne weitere Erläuterung beruhigt die Ergebnisse für dennoch valide zu erklären:

„ Insgesamt ist der Rücklauf aber als gut einzuschätzen und in Bezug auf die Schweizer Bevölkerung als weitgehend repräsentativ anzusehen.“

In den Telefoninterviews werden sechs, nach Auffassung der Studienautoren lebensnahe, Konstellationen zur Bewertung gestellt (Bewertungen jeweils von ein bis zehn). Beispielsweise diesen Fall 3:

„Fall 3: Todkranke Frau (Lungenkrebs), 54 Jahre, mehrere Chemotherapien erfolglos, Schmerzen (ständige Erstickungsgefühle), nahe dem Tod.

3A: Moralische Würdigung der indirekten aktiven Sterbehilfe3: Der Arzt spritzt ihr ein potentiell lebensverkürzendes Medikament, um ihre Schmerzen zu nehmen.
3B: Rechtliche Würdigung der ärztlichen Handlung.
3C: Moralische Würdigung der direkten aktiven Sterbehilfe: Der Arzt spritzt ihr ein potentiell lebensverkürzendes Medikament, nicht nur um ihre Schmerzen zu lindern, sondern auch um ihren Wunsch nach einem schnellen Tod zu erfüllen.
3D: Rechtliche Würdigung der ärztlichen Handlung.

 Da interessiertmich schon, wie ein solches Telefonat verläuft, das 6 nicht ganz einfache Fälle mit jeweils vier Fragekomplexen rechtlicher und moralischer Qualität abfragt. Aber auch die schematische Konstellation selbst erscheint nicht so überzeugend und vor allem nicht freivon suggestiven Elementen. Die „todkranke“ Frau, über die wir nur Alter, ein knappes Behandlungsergebnis und eine schroffe Diagnose erfahren ist „nahe dem Tod.“ Die Gleichsetzung von „Schmerzen“ und „Erstickungsgefühlen“ ist nicht zwingend. Die beschriebene ärztliche Vorgehensweise (indirekte Sterbehilfe) ist in der Palliativmedizin höchst umstritten, weil nicht wenige Palliativmediziner der Auffassung sind, dass eine lege artis vorgenommene Schmerztherapie gerade nicht lebensverkürzend ist. Wie hätten sich die Antworten auf die Szenarien aber verändert, wenn die Befragten mit der Option konfrontiert worden wären: „Der Arzt behandelt ihre Erstickungsgefühle und Schmerzen palliativ um ihr Leben für einige Tagen oder Wochen zu verlängern?“

Dadurch dass diese Option nicht eröffnet wird, der Frau aber im Szenario der Wunsch nach einem schnellen tod unterstellt wird, ist wenig überraschend, dass die meisten Befragten auch die Erfüllung dieses Wunsches für legitim halten, zumal er kein anderes Ergebnis zu haben scheint, als die Vorgehensweise mit „indirekter Sterbehilfe.“

Kurz: die Beweiskraft dieser Studie ist bescheiden.Ihr politischer Effekt wird dadurch allerdings voraussichtlich kaum geringer werden.

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7 Lesermeinungen

  1. Was spricht eigentlich gegen...
    Was spricht eigentlich gegen die Sterbehilfe ? Unser gesamtes, alle Normen gestaltendes Gesellschaftssystem geht von einem mit angeborener Würde, eigenverantwortlichen, mit freier Willensbildung und unveräußerlichen Rechten ausgestatteten Menschen aus. Folgerichtig ist im Strafrecht der Selbstmord an sich niemals strafbar und die Tötung auf Verlangen deutlich unterhalb der sonstigen, die vorsätzliche Tötung betreffenden Normen angesiedelt. Nur die wichtigste Entscheidung eines Menschen, im Falle unheilbarer Krankheit oder eines nur mit Maschinen und Fremdhilfe Dahinvegetieren, sagen zu dürfen, dass will ich nicht, bitte verhelft mir zu einem würdigen Tod, wird ihm allein aus rein ideologischen (religiösen ?) Gründen ohne jegliche innere Logik zum Teil vehement verweigert ? Vielleicht, weil es allein „Gottes Wille“ zusteht, über das Ende des Menschen zu entscheiden und der Mensch sich diesem Willen zu beugen hat ? Liebe Gläubige, Gott entscheidet täglich viele Millionen mal, dass Menschen durch Krankheit oder äußere Einwirkung in einen lebensbedrohenden Zustand geraten, der ohne ärztliche Hilfe gemäß diesem göttlichem Willen mortal verlaufen würde. In der christlich geprägten Logik der Sterbehilfeverweigerer müsste dann auch jegliche ärztliche lebenserhaltende, gesundheitsherstellende Hilfe als Verstoß gegen Gottes Willen verboten werden.
    Oder geht es vielleicht nur um die in unserer Welt einzig wichtige Frage, um das liebe Geld: an einem Toten kann man nicht mehr viel verdienen, an einem dahinsiechenden, komatösen oder sonstig hilflosen Menschen verdient man -und hier nicht nur die Kirchen- vielleicht Monate oder gar Jahre noch richtig viel Geld und kann sich zudem noch häufig als Gutmensch feiern und feiern lassen.

  2. @js: Sie schreiben: "Gott...
    @js: Sie schreiben: „Gott entscheidet täglich viele Millionen mal, dass Menschen durch Krankheit oder äußere Einwirkung in einen lebensbedrohenden Zustand geraten….“
    Offenbar haben Sie eine eigene Religion kreiert. Denn der christliche Glaube besagt, dass Gott das Gute will und dass das Böse vom Menschen – direkt oder indirekt – kommt. (Das näher zu erläutern würde diesen Rahmen sprengen.)
    Zu „am Kranken verdienen: Immer verdient am Menschen irgend jemand. Wenn nicht die Ärzte, dann die Schnellentsorger.

  3. Hoppla...so geht das nun aber...
    Hoppla…so geht das nun aber auch nicht: Dass Gott das „Gute will“, mag in der Tat ein Jeder glauben, wenngleich doch ein näheres Quellenstudium – etwa der Bibel – eine Vielzahl von Beispielen parat hat, wo eben der Mensch (wohl als Sünder) abgestraft wurde und nicht selten zur kollektiven Haftung herangezogen wurde. Zugleich ist zu bedenken, dass auch die „Krankheit und Verderben“ inrtegraler Bestandteil des „Gottes Ratschlussplanes“ ist und insofern durchaus die These geäußert werden kann, dass die Vergänglichkeit des Leibes von Beginn des menschlichen Lebens an „gewollt“ resp. geplant war.
    In der Sache selbst fördert der vorliegende Thread des Kollegen Tolmein keine neuen Ergebnisse zutage. Die Argumentationsbasis der Lebensschützer-Fraktion ist schmaler denn je geworden, wurden doch die „moralischen Pflichten“ des Individuums gegenüber sich selbst und im Zweifel gegenüber der Gesellschaft entmythologisiert. Noch regt sich vereinzelt Widerstand gegen eine verfassungskonforme Lesart des Selbstbestimmungsrechts, aber im Kern kann über die Reichweite des Selbstbestimmungsrechts nicht mehr verhandelt werden. In diesem Sinne sollten wir uns auf die entscheidende Frage konzentrieren, ob die Tatherrschaft in jedem Fall bei dem Suizidenten zu liegen hat oder ob es angeraten erscheint, § 216 StGB zu modifizieren. Dies hätte im Übrigen auch den Vorteil, dass wir die Ärztekammern von einer unliebsamen Aufgabe, nämlich die ärztliche Suizidassistenz zu legalisieren, entbinden, da diese erkennbar überfordert sind.
    In bestimmten Fällen erscheint auch eine aktive Sterbehilfe als humaner Akt und da halte ich es für seriöser, dieses auch beim Namen zu nennen, statt darüber nachzudenken, dass im Zweifel Ärzte keine Mechaniker des Todes seien, im Übrigen aber in der Sache bemüht sind, das Leiden der Patienten zu mildern und ihnen ein würdevolles Sterben zu ermöglichen. Hier entscheidet vielfach nur die „Motivlage“ und diese reduziert sich letztlich darauf, helfen zu wollen, auch wenn durch die Hilfe das Leben verkürzt werde (was freilich von den Ärzten nicht gewollt ist!)
    Ein „schneller Tod“ – wenn er denn vom Patienten gewünscht wird – erscheint mir persönlich vorzugswürdig, als auf einen Todeseintritt während einer terminalen Sedierung warten zu müssen.

  4. Es gibt eine ganze Reihe von...
    Es gibt eine ganze Reihe von Aspekten, die dagegen sprechen:
    An vorderster Stelle die angeborene Würde, die vom Fragesteller selbst erwähnt wird.
    Aber auch zahlreiche praktische Erwägungen, insbesondere in Bezug auf das gesamtgesellschaftliche Klima, das dann wieder auf die einzelnen Menschen zurückwirkt:
    -) Widerspricht (wie auch die Abtreibung) der Achtung vor dem grundsätzlichen Recht auf Leben
    -) Es könnte (beim Vergleich mit der Abtreibung von mutmaßlich behinderten Kindern: würde) gesellschaftlicher Druck auf unheilbar kranke Menschen entstehen, doch bitte niemandem mehr zur Last zu fallen
    -) Es ist – insbesondere bei Menschen in den beschriebenen schwierigen Situationen – schlicht nicht festzustellen (und äusserst unwahrscheinlich) ob es sich um eine wohbegründete, tiefe innere Entscheidung handelt oder um die kurzfristige Reaktion auf Schmerz (ähnlich einem Folteropfer, das unter Schmerzen Verrat begeht, den es ohne diese niemals begehen würde).
    Ich möchte hier auf das Beispiel des Vorkämpfers für aktive Sterbehilfe, Walter Jens, verweisen. Er ist derzeit aufgrund einer Erkrankung in einem Zustand, in der er früher gemeint hat, nicht leben zu wollen. Seine Frau berichtet, dass er immer wieder angstvoll sagt „Bitte nicht totmachen“.
    Letzlich – wie auch im Artikel dargestellt und in der Gestaltung der Umfrage deutlich – ist es immer der Mangel an menschenwürdigen Alternativen, also Betreuung, liebevolle Zuwendung, das zu solch verzweifelten Entscheidungen führt.
    Anstatt dem Vorschub zu leisten, sollte die Gesellschaft (und jede/r Einzelne) tun was in Ihrer Macht steht, diese besseren / würdigeren Alternativen zu schaffen.
    PS: Bloß weil Gegenargumente von Religiösen Menschen und mit Gottesbezug vorgebracht werden, sind sie noch lange nicht falsch.

  5. Sehr geehrter Herr...
    Sehr geehrter Herr Tolmein,
    ich finde es immer wieder bemerkenswert, wie Sie in Ihrem Biopolitik-Blog Dinge aufgreifen und analysieren, die in anderen Medien allenfalls am Rande erwähnt werden und dann meist unkritisch von Agenturen übernommen werden. Vielen Dank dafür! Besonders interessant fand ich in diesem Beitrag den Hinweis auf den Zusammenhang zwischen Prof. Schwarzenegger und der Sterbehilfeorganisation „Exit“. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. So erscheint sicher nicht nur für mich die Umfrage nochmal in einem anderen Licht, wobei ich bereits anfangs schon skeptisch bei der Methode Telefoninterview und den Fallbeispielen war.
    Ihre Einschätzung, dass der politische Effekt trotz bescheidener Beweiskraft der Studie voraussichtlich kaum geringer werden wird, teile ich. Denn leider wird sich vermutlich kaum jemand die Mühe machen, da genauer nachzuhaken und die Ergebnisse, Methoden und Beteiligte der Studie in Frage zu stellen. Aber vielleicht täusche ich mich auch – hoffentlich.

  6. Ein paar Ergänzungen:
    - Prof....

    Ein paar Ergänzungen:
    – Prof. Schwarzenegger ist meines Wissens _kein_ Mitglied von Exit, sondern als Strafrechtler lediglich (unabhängiges) Mitglied in der Ethik-Kommission. Die drei weiteren Koautoren sind dies nicht.
    – Es wurden nur 3 Fallvignetten pro Interview abgefragt (in 2 Gruppen), um die Befragten kognitiv nicht zu überfordern.
    – Die Komplexität von Fragen bei Telefoninterviews stellt in der Tat ein Problem der Befragungsmethode dar. Man muss sich aber auch fragen, was die Alternativen hierzu sind: Eine postalische Befragung z.B. geht meist mit einem wesentlich tieferen Rücklauf einher und face-to-face-Befragungen dauern lange und sind extrem kostspielig. Man kann natürlich immer die Schwachstellen der gewählten Befragungsmethode betonen und dabei ihre Vorteile und Stärken vergessen.
    – Repräsentativität: Es mag wohl stimmen, dass infolge des gewählten Untersuchungsdesigns gewisse Bevölkerungsgruppen unterrepräsentiert sind (z.B. junge Befragte). Das Alter hat sich aber ohnehin als schlechter Prädiktor für die rechtliche oder moralische Zustimmung erwiesen.
    – Eine vollständig wertneutrale Frageformulierung ist eigentlich unmöglich. Es muss letztlich immer ein Kompromiss gemacht werden zwischen Präzision und Verständlichkeit.
    Zusammenfassend trifft Ihre Kritik eher die Meinungsforschung im Allgemeinen. Mit der kritisierten Sterbehilfe-/Suizidbeihilfe-Studie im Speziellen aber hat sie allerdings wenig zu tun.

  7. @alpha 16: Das von Ihnen...
    @alpha 16: Das von Ihnen angeführten Beispiel von der „causa Jens“ ist insofern problematisch, weil hier ein „aktueller Wille“ unterstellt wird, der – sofern wir der bisherigen Berichterstattung in den Medien folgen wollen – jedenfalls dem Willen der Patientenverfügung resp. des in einem kognitiv nicht eingeschränkten psychischen Zustande geäußerten Willen nicht entsprechen dürfte.
    Überdies ist darauf hinzuweisen, dass die „Dammbruchargumente“ als solche nicht einschlägig sind und vielmehr nur deshalb bemüht werden, um entsprechende Schreckensvisionen zeichnen zu können, mal ganz davon abgesehen, dass unsere Verfassung gegenüber einem solchen „Dammbruch“ im wahrsten Sinne des Wortes „verfassungsfest“ ist und insofern ein „sozialverträgliches Frühableben“ nicht zu befürchten ansteht. Davon freilich ist Frage zu entscheiden, ob der schwersterkrankte Patient für sich die Kategorien der „Last“ und des „(Lebens-)Unwertes“ erschließen darf. Dies darf er selbstverständlich und sofern er dann meint, etwa seinen Angehörigen nicht „weiter zur Last fallen zu wollen“, werden wir diese Entscheidung zu respektieren haben.

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