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Ärztlich begleiteter Suizid: Qualen nach Zahlen

30.04.2011, 21:49 Uhr

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In der Debatte um den ärztlich assistierten Suizid, die gerade die bundesdeutsche Öffentlichkeit und Ärzteschaft bewegt, richtet sich die Aufmerksamkeit überwiegend auf die Schweiz – dort allerdings stehen im Vordergrund Laienorganisationen wie „Dignitas” oder „Exit”, die zwar jeweils mit Ärzten zusammenarbeiten, die Ärzte bestimmen aber das Suizidgeschehen nicht. Was dagegen geschieht, wenn Ärzte als professionelle Suizidbeihelfer aktiv werden dürfen, ist eher den Berichten der Gesundheitsbehörde des US-Bundesstaates Orgeon zu entnehmen:dort ist der assistierte Suizid seit 1998 legalisiert und sein Ausmaß wird statistisch recht präzise überwacht. Der Bericht für 2010 hist mittlerweile im Internet veröffentlicht.

Bemerkenswert ist schon,dass die Oregoner Statistiker nur in den ersten Jahren Todesfälle nach assistiertem Suizid erfasst haben. Mittlerweilespricht die Statistik vornehmer von „DWDA-patients”, Patienten,die den „Death with Dignity-Act (DWDA)” in Anspruch genommen haben. Dass solches Schönsprech genutzt wird, läßt hinsichtlich der Ergebnisse wenig Gutes erwarten. Tatsächlich können die vorgelegten Daten aber einige Befürchtungen entkräften. Wenig spricht dafür, dass hier Menschen in den Suizid gedrängt werden, die an sich unterprivilegiert sind oder sich ihre Gesundheitsversorgung nicht leisten können (was anfangs befürchtet worden war): 100 Prozent der 2010 mithilfe ärztlicher Verschreibungen in den Tod gegangenen Menschen sind Weiße, Menschen asiatischer, afro-amerikanischer oder hispanischer Herkunft haben diesen Weg auch in den zehn Jahren zuvor fast nie gewählt. Das Gros der Suizid-Patienten (42 Prozent) hat zudem mindest einen Bachelor,Menschen ohne High-School-Abschluss machen dagegen nur 6 Prozent der Todesfälle aus. Auffallend ist auch, dass 78,5 Prozent der Patienten Krebserkrankungen hatten, dagegen niemand mehr an AIDS erkrankt war,was wohl den deutlich besseren Behandlungsmöglichkeiten zuzurechnen ist. 50 Prozent der Suizidkandidaten waren verheiratet,jeweils 21,5Prozent geschieden oder verwitwet, dauerhaft alleinstehend dagegen nur 6 Prozent. Das wirft die Frage auf,welche Rolle die Familie für Suzidentscheidungen, die dann mit Hilfe von Ärzten umgesetzt werden spielt. Das wirdvon den Statistikern von Oregon nicht ausdrücklich erfasst. Bemerkenswert ist immerhin, dass über ein Viertel der Patienten angaben, sie wollten durch ihren Suizid vermeiden, eine Last für die Familie und ihre Freunde zu sein. In den Jahren zuvor traf das sogar für mehjr als ein Drittel der Suizidkanidaten zu.Dagegen spielen nicht behandelbare Schmerzen nur für 15 Prozent der Suizid-Patienten eine entscheidungserhebliche Rolle. Jeweils 93 Prozent der erfassten Patienten gaben an,dass der Verlust von Autonomie und die Unfähigkeit sich an Aktivitäten zu beteiligen, die das Leben erfreulich machen ursächlich für den Suizid-Entschluss war, knapp 80 Prozent benennen den Würdeverlust als entscheidend. Das ist bemerkenswert, weil es in scharfem Kontrast zu den Gründen steht, die in den 1990er Jahren die Motivation für das Gesetz lieferten: Damals hieß es, es sei unmenschlich Patienten keine Hilfe anzubieten,die enormen Schmerzen hilflos ausgeliefert wären.

Auffallend ist auch,dass die Zahl der Suizidpatienten pro Jahr steigt: Waren es 1998 noch 16 Suizidtote nach diesem Gesetz,waren es 2006 bereits 46, 2010 sind es 61. Der Anteil der durch ärztliche Beihilfe zum Suizid gestorbenen Menschen in Oregon betrug 1998 5 auf 10.000, 2006 waren es bereits 14,7 auf 10.000 Tote. Diese Zahlen bedeuten keinen Erdrutsch, sie zeigen aber eine stetige Steigung. Bemerkenswert ist auch,  dass in 2/3 aller Fällevon ärztlich unterstützem Suizid nach Angaben von „Compassion in Dying”, einer Pro-Sterbehilfe-Organisation in Oregon, diese in irgendeiner Form involviert ist.

Was bedeuten diese Zahlen fürdie Situation in der Bundesrepublik?

Hier wird ja (noch) nicht darüber diskutiert, den ärztlich begleiteten Suizid per Gesetz zuzulassen, sondern ihn standesrechtlich nicht mehr grundsätzlich zu verbieten. Das führt aber, insbesondere angesichts der öffentlichen Diskussion, dazu, dass Ärzte verstärkt als Suizidexperten in Anspruch genommen werden.Die Vorstellung, dass hier eine Dienstleistung erbracht werden könnte, wird umsich greifen. Dass es trotz Palliativmedizin und Hospizpflege einen entsprechenden Bedarf gibt zeigen nicht zuletzt die Zahlen aus Oregon. Die dokumentieren auch, dass die Möglichkeit Nachfrage schafft und dass die Motive der Nachfragenden zumindest problematisch sein können: Wenn der Suizid als Möglichkeit gesehen wird, Familie und Freunde zu entlasten, liegt dem eine gesellschaftliche Fehlentwicklung zugrunde. Gleichzeitig zeigen die Zahlen aus Oregon, was auch die Erfahrungen aus der Schweiz nahelegen: eine zentrale Rolles als Nachfrageverstärker spielen offenbar Sterbehilfeorganisationen, die mehr Handlungsmöglichkeiten haben, wenn Restriktionen gegen ärztlich assistierten Suizid aufgehoben sind. Auch wenn gegenwärtig in der Ärzteschaft nicht erwogen wird, den ärztlich begleiteten Suizid grundsätzlich zuuzulassen,dürfte doch auch eine faktische Aufhebung des berufsrechtlichen Verbots Konsequenzen in diese Richtung haben.

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Oliver Tolmein, 1961 in Köln geboren, wollte Berufsoffizier werden, hat es dann zum Regieassistenten gebracht, konnte seinen Lebensunterhalt als Journalist verdienen und wollte schließlich doch noch Jura studieren. Seit 1980 sympathisiert er mit der Behindertenbewegung. In der Debatte um Gentechnik, Sterbehilfe und Menschenversuche ist er seit über zwanzig Jahren engagiert und hat zu bioethischen Themen mehrere Bücher verfasst und Filme gedreht. Jetzt arbeitet er überwiegend als Rechtsanwalt in der von ihm in Hamburg mitbegründeten Kanzlei Menschen und Rechte und ist auf Medizin- und Behindertenrecht spezialisiert. Er ist Vater von Zwillings-Jungs und einer kleinen Tochter. Für das Feuilleton der FAZ schreibt er seit 2001.