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Gunter Sachs: Privater Suizid und öffentliche Erklärung

10.05.2011, 11:18 Uhr

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Als sich am 10. November 2009 der 32jährige Fußballprofi Robert Enke umbrachte reagierte die deutsche Öffentlichkeit entsetzt, weil ein erfolgreicher junger Familienvater sich getötet hatte. Für kurze Zeit rückte das Thema Depressionen in den Fokus.

Als jetzt der Suizid des 78jährigen in der Schweiz lebenden Gunter Sachs gemeldet wurde, der befürchtete an Alzheimer erkrankt zu sein, veröffentlichten Medien dagegen eher Verständnissinniges, zum Beispiel die eigentümliche Stellungnahme von Heike von Lützau-Hohlbein, der Vorsitzenden der Deutschen Alzheimergesellschaft (DAlzG): „Es gehört Mut dazu, so aus dem Leben zu scheiden.” Warum mehr Mut dazu gehören soll, sich zu erschießen, als sich vom Hochhaus zu stürzen, warum es nicht mutiger wäre, weiter zu leben erläuterte weder der Artikel selbst noch Frau von Lützau-Hohlbein, die in einem Interview mit der „Süddeutschen” allerdings einen anderen Akzent setzte: „Sachs führte ein inszeniertes Leben und konnte sich einfach nicht vorstellen, weiterzuleben, wenn er darüber keine Kontrolle mehr hat. Es ist auch eine ziemlich männliche Reaktion, der die Ansicht zugrunde liegt: ‚Ich kann und muss etwas tun.‘ Diese Krankheit hat jedoch ganz viel mit Aushalten zu tun – und das ist keine männliche Stärke.” Das klingt plausibler, als es bei genauerer Lektüre erscheint – und das nicht nur, weil ich Herrn Sachs nicht persönlich kannte und mir deswegen auch nicht so gut vorstellen kann, was er sich vorstellen konnte und was er sich vielleicht einfach auch nur nicht vorstellen wollte.

Die These, dass es sich bei Alzheimer um eine Krankheit handelt, bei der es „ganz viel” darauf ankomme, sie „auszuhalten” erscheint mir ebenso befremdlich, wie die Behauptung, es gehöre Mut dazu „so” aus dem Leben zu scheiden: Der Umgang mit der Krankheit und Behinderung wird so zu einer Lebens-Prüfung verklärt, gefordert sind klassische soldatische Tugenden (Mut) oder klassisch weiblich konotierte (aushalten). Warum nämlich sollten wir mutig sein oder etwas aushalten? Und wieso ist es diese Alternative, die die Vorstellung eines Lebens mit Demenz (und Depression) bestimmt? Ist es nicht mindestens ebenso plausibel, dass auch dieser Lebensabschnitt wie andere Phasen kennt, in denen man aushalten muss, in denen man glücklich ist und in denen das Leben mit uns einfach so dahinzieht?

Davon abgesehen, wissen wir aber gar nicht, ob Gunter Sachs an der Krankheit, die er mehr fürchtete als den Tod, überhaupt erkrankt war. Offensichtlich war ihm die Gewißheit selbst auch nicht entscheidend wichtig, die Eigendiagnose – festgemacht an wenig speziellen Auffälligkeiten wie „wachsender Vergesslichkeit”,”rapider Verschlechterung” des Gedächtnisses und Verringerung des Sprachschatzes” – reichte ihm aus, die endgültige Konsequenz zu ziehen; übrigens, was angesichts der gegenwärtigen Debatte zumindest bemerkenswert erscheint, obwohl in der Schweiz lebend ohne die Hilfe einer der Sterbehilfe-Organisationen anzufordern und auch ohne Hinzuziehung eines Arztes (weder zur Diagnose der Erkrankung, noch zur Durchführung des Suizids).

Dass Sachs schon aufgrund einer gefühlten Demenz seinem Leben ein Ende setzte, ist der Aspekt dieses Ereignisses, das in der Öffentlichkeit am wenigsten erörtert wird. Stattdessen kreisen die die meisten Stellungnahmen um die Frage, ob sich nicht auch einem Leben mit Alzheimer etwas lebenswertes abgewinnen lässt und um den Befund, dass alte Männer sich recht häufig entschließen, sich (mit brachialen Methoden) umzubringen.

Gunter Sachs war eine öffentliche Person, er hat seinen im Privaten begangenen Suizid öffentlich erläutert – damit hat er ihn zur Diskussion freigegeben, wir wissen aber nicht einmal, ob aus freien Stücken oder nur in dem Wissen, dass er ohnehin öffentlich verhandelt werden würde und in der Hoffnung, so wenigstens eine Richtung vorgeben zu können. Den Stellungnahmen der vielen, die Sachs kannten, zu kennen meinten oder die ihn heute verstehen können, haftet etwas Irritierendes an, weil sie, als handele es sich bei Gunter Sachs Entschluss um einen der vielen eher mäßig gelungenen „Tatort”-Geschichte, so reibungslos auf die Diskussion der Themen „Suizid im Alter” und „Angst vor Alzheimer” einschwenken. Ein Suizid, auch wenn er so klar begründet wird, wie Sachs es getan hat, ist aber mehr und viel komplexer, möglicherweise auch doch ganz anders begründet, als es eindeutige auf ein Thema fixierte Erklärungen jetzt vermuten lassen. ´

Jean Amery hat das in “Hand an sich legen” so gefasst: “So daß also jedesmal, wenn einer stirbt von eigener Hand, oder auch nur zu sterben versucht, ein Schleier fällt, den keiner mehr heben wird, der günstigenfalls so scharf angeleuchtet werden kann, daß das Auge ein fliehendes Bild erkennt.”

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Oliver Tolmein, 1961 in Köln geboren, wollte Berufsoffizier werden, hat es dann zum Regieassistenten gebracht, konnte seinen Lebensunterhalt als Journalist verdienen und wollte schließlich doch noch Jura studieren. Seit 1980 sympathisiert er mit der Behindertenbewegung. In der Debatte um Gentechnik, Sterbehilfe und Menschenversuche ist er seit über zwanzig Jahren engagiert und hat zu bioethischen Themen mehrere Bücher verfasst und Filme gedreht. Jetzt arbeitet er überwiegend als Rechtsanwalt in der von ihm in Hamburg mitbegründeten Kanzlei Menschen und Rechte und ist auf Medizin- und Behindertenrecht spezialisiert. Er ist Vater von Zwillings-Jungs und einer kleinen Tochter. Für das Feuilleton der FAZ schreibt er seit 2001.