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Gunter Sachs: Privater Suizid und öffentliche Erklärung

| 32 Lesermeinungen

Als sich am 10. November 2009 der 32jährige Fußballprofi Robert Enke umbrachte reagierte die deutsche Öffentlichkeit entsetzt, weil ein erfolgreicher junger...

Als sich am 10. November 2009 der 32jährige Fußballprofi Robert Enke umbrachte reagierte die deutsche Öffentlichkeit entsetzt, weil ein erfolgreicher junger Familienvater sich getötet hatte. Für kurze Zeit rückte das Thema Depressionen in den Fokus.

Als jetzt der Suizid des 78jährigen in der Schweiz lebenden Gunter Sachs gemeldet wurde, der befürchtete an Alzheimer erkrankt zu sein, veröffentlichten Medien dagegen eher Verständnissinniges, zum Beispiel die eigentümliche Stellungnahme von Heike von Lützau-Hohlbein, der Vorsitzenden der Deutschen Alzheimergesellschaft (DAlzG): „Es gehört Mut dazu, so aus dem Leben zu scheiden.“ Warum mehr Mut dazu gehören soll, sich zu erschießen, als sich vom Hochhaus zu stürzen, warum es nicht mutiger wäre, weiter zu leben erläuterte weder der Artikel selbst noch Frau von Lützau-Hohlbein, die in einem Interview mit der „Süddeutschen“ allerdings einen anderen Akzent setzte: „Sachs führte ein inszeniertes Leben und konnte sich einfach nicht vorstellen, weiterzuleben, wenn er darüber keine Kontrolle mehr hat. Es ist auch eine ziemlich männliche Reaktion, der die Ansicht zugrunde liegt: ‚Ich kann und muss etwas tun.‘ Diese Krankheit hat jedoch ganz viel mit Aushalten zu tun – und das ist keine männliche Stärke.“ Das klingt plausibler, als es bei genauerer Lektüre erscheint – und das nicht nur, weil ich Herrn Sachs nicht persönlich kannte und mir deswegen auch nicht so gut vorstellen kann, was er sich vorstellen konnte und was er sich vielleicht einfach auch nur nicht vorstellen wollte.

Die These, dass es sich bei Alzheimer um eine Krankheit handelt, bei der es „ganz viel“ darauf ankomme, sie „auszuhalten“ erscheint mir ebenso befremdlich, wie die Behauptung, es gehöre Mut dazu „so“ aus dem Leben zu scheiden: Der Umgang mit der Krankheit und Behinderung wird so zu einer Lebens-Prüfung verklärt, gefordert sind klassische soldatische Tugenden (Mut) oder klassisch weiblich konotierte (aushalten). Warum nämlich sollten wir mutig sein oder etwas aushalten? Und wieso ist es diese Alternative, die die Vorstellung eines Lebens mit Demenz (und Depression) bestimmt? Ist es nicht mindestens ebenso plausibel, dass auch dieser Lebensabschnitt wie andere Phasen kennt, in denen man aushalten muss, in denen man glücklich ist und in denen das Leben mit uns einfach so dahinzieht?

Davon abgesehen, wissen wir aber gar nicht, ob Gunter Sachs an der Krankheit, die er mehr fürchtete als den Tod, überhaupt erkrankt war. Offensichtlich war ihm die Gewißheit selbst auch nicht entscheidend wichtig, die Eigendiagnose – festgemacht an wenig speziellen Auffälligkeiten wie „wachsender Vergesslichkeit“,“rapider Verschlechterung“ des Gedächtnisses und Verringerung des Sprachschatzes“ – reichte ihm aus, die endgültige Konsequenz zu ziehen; übrigens, was angesichts der gegenwärtigen Debatte zumindest bemerkenswert erscheint, obwohl in der Schweiz lebend ohne die Hilfe einer der Sterbehilfe-Organisationen anzufordern und auch ohne Hinzuziehung eines Arztes (weder zur Diagnose der Erkrankung, noch zur Durchführung des Suizids).

Dass Sachs schon aufgrund einer gefühlten Demenz seinem Leben ein Ende setzte, ist der Aspekt dieses Ereignisses, das in der Öffentlichkeit am wenigsten erörtert wird. Stattdessen kreisen die die meisten Stellungnahmen um die Frage, ob sich nicht auch einem Leben mit Alzheimer etwas lebenswertes abgewinnen lässt und um den Befund, dass alte Männer sich recht häufig entschließen, sich (mit brachialen Methoden) umzubringen.

Gunter Sachs war eine öffentliche Person, er hat seinen im Privaten begangenen Suizid öffentlich erläutert – damit hat er ihn zur Diskussion freigegeben, wir wissen aber nicht einmal, ob aus freien Stücken oder nur in dem Wissen, dass er ohnehin öffentlich verhandelt werden würde und in der Hoffnung, so wenigstens eine Richtung vorgeben zu können. Den Stellungnahmen der vielen, die Sachs kannten, zu kennen meinten oder die ihn heute verstehen können, haftet etwas Irritierendes an, weil sie, als handele es sich bei Gunter Sachs Entschluss um einen der vielen eher mäßig gelungenen „Tatort“-Geschichte, so reibungslos auf die Diskussion der Themen „Suizid im Alter“ und „Angst vor Alzheimer“ einschwenken. Ein Suizid, auch wenn er so klar begründet wird, wie Sachs es getan hat, ist aber mehr und viel komplexer, möglicherweise auch doch ganz anders begründet, als es eindeutige auf ein Thema fixierte Erklärungen jetzt vermuten lassen. ´

Jean Amery hat das in „Hand an sich legen“ so gefasst: „So daß also jedesmal, wenn einer stirbt von eigener Hand, oder auch nur zu sterben versucht, ein Schleier fällt, den keiner mehr heben wird, der günstigenfalls so scharf angeleuchtet werden kann, daß das Auge ein fliehendes Bild erkennt.“

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32 Lesermeinungen

  1. Ihren Ausführungen zolle ich...
    Ihren Ausführungen zolle ich hiermit allerhöchsten Respekt. Weg von der Effekthascherei und der Scheinpseudowissenschaftlichen Begründungen und Ausführungen all derer, die sich immer und überall berufen fühlen, ungefragt Ereignisse in den Medien kommentieren zu müssen. Vorallem der Teil mit dem Anlaß der „gefühlten Demenz“ als Begründung, auf den keiner dieser Fachleute bis dato eingegangen ist, trifft mitten ins Schwarze!!! Vom Niveau her, das was ich bei der FAZ erwarte – weiter so!

  2. Sehr geehrter Herr...
    Sehr geehrter Herr Tolmein,
    warum gehen Sie ohne eine Sekunde zu zögern davon aus, dass „Alzheimer“ eine Krankheit sei?
    Viel plausibler ist doch nur eine Veränderung des Gehirns, die in praktisch keiner signifikanten Korrelation mit den Erinnerung-, Gedächtnis- und Verstandesleistungen eines Menschen steht:
    Inzwischen sind die Ergebnisse der sog. „Nun Study“ bekannt geworden, die für die psychiatrischen Konstrukte wie eine Kernschmelze sind – der Supergau. Denn wenn eines als unbezweifelbares Hirn-Korrelat von zunehmender Vergesslichkeit im Alter und als angebliche „Krankheit Alzheimer“ identifiziert galt, dann war das die Plaque im Gehirn von Verstorbenen, deren Gehirn untersucht wurde. Aber das Gegenteil ist der Fall: „Ein auffälliges Ergebnis war die Abweichung des pathologischen Gehirn-Befunds (multiple Alzheimer-Plaques) von der wiederholt erhobenen psychischen/intellektuellen Leistungsfähigkeit derselben Personen zu Lebzeiten. Das heißt: Auch bei Personen, die bis unmittelbar vor ihrem Tod geistig anspruchsvolle Aufgaben lösen konnten, wurden bei der Sektion stark veränderte Gehirnbefunde festgestellt.“ wie der tatsächliche Befund in Wikipedia kurz und bündig zusammengefasst wird. Damit hat sich selbst das als solidest geglaubte psychiatrisch-neurologische „Wissen“ über ein vermeintliches Leib-Seele Korrelat als reines Wortgestöber erwiesen. Wären Psychiater nicht unverändert mit solch staatlich legalisierter Gewalt versehen, sie wären der lächerlichste Stern am akademischen Himmel.
    So sind sie allerdings staatlich geschützte Verbrecher.
    Am ehesten könnte man also vermuten, dass Gunter Sachs der Verfehmdung und Verleumdung durch psychiatrische „Diagnosen“ zum Opfer gefallen ist.
    rene talbot

  3. Aus der Tatsache, dass sich...
    Aus der Tatsache, dass sich bei der von Ihnen zitierten Studie ein bisher für eindeutig gehaltenes physisches Korrelat der psychischen Symptome des Morbus Alzheimer als zumindest fragwürdig erwies, abzuleiten, dass es sich um gar keine Krankheit, sondern eine „Verfehmdung und Verleumdung (durch psychiatrische „Diagnosen“)“ handelt, halte ich für ziemlich abenteuerlich.

  4. <em>Dass Sachs schon aufgrund...
    Dass Sachs schon aufgrund einer gefühlten Demenz seinem Leben ein Ende setzte, …
    Nun, das war seine Aussage. Der tatsächliche Grund für den Suizid mag womöglich eine Depression gewesen sein? Also Depressive haben ja gerne mal eine „Pseudodemenz“, die gerne als Alzheimer fehlinterpretiert wird.
    Ich würde nicht diskutieren wollen, ob die Entscheidung zum Suizid mutig oder nicht ist. Fakt ist, sie ist in diesem einen Moment für den Menschen die offensichtlich richtige Entscheidung. Wer zurück bleibt, muss lernen, nur dies zu akzeptieren.

  5. Werter Herr Tolmein,

    manchen...
    Werter Herr Tolmein,
    manchen Erlauterungen Herrn Talbots zustimmend, muss man stets beruecksichtigen, dass ‚Alzheimer‘ (was ich auf jeden Fall fuer eine Krankheit, meinetwegen auch eine Gruppe von Krankheiten [vergl. „Krebs“], halte) zu Lebzeiten (und darueber hinaus) kaum zweifelsfrei diagnostiziert werden kann.
    Die ueblichen Diskussionen und Interpretationen (Mut vs. Aushalten) sind tatsaechlich muessig, denn sie sind nur relevant im Kontext der jeweiligen Persoenlichkeit des Betroffenen.
    So litt und verstarb beispielsweise mein Grossvater an Alzheimer. Als bekennender und zutiefst glaeubiger Katholik war es fuer ihn (solange er diesen Gedanken noch fassen konnte; danach wurde er von meiner Grossmutter weitergetragen) immer klar, dass diese Krankheit eine Art Pruefung war, die man bestehen musste. Insofern waeren sein langsamer Tod und die Art und Weise desselben das gewesen, was er auch in juengeren Jahren als Sterben in Wuerde bezeichnet haette.
    Einem Atheisten wir mir aber, der sich keine Kompensation im Jenseits erwarten darf, duerfte sich die gleiche Lage aber ganz anders darstellen. Zum ersten habe ich mich stets durch meinen Intellekt definiert, das voellige Abhandenkommen desselben waere fuer mich schon alleine entwuerdigend. Dazu die vollkommene Abhaengigkeit von anderen (fuer die die Krankheit ja auch eine unvergleichliche Belastung ist) und die Ununmkehrbarkeit und Unheilbarkeit der Erkrankung haben mich damals den Entschluss treffen lassen, sollte ich einmal gesichert an Alzheimer erkranken, wuerde ich keines natuerlichen Todes sterben. Und ich verstehe Herrn Sachs, dass er damit nicht noch ein oder zwei Jahre warten konnte bis die Diagnose sicherer ist – denn dann waere der Teil seiner Persoenlichkeit, die irgendwann (wie man so schoen sagt ‚im Vollbesitz der geistigen Kraefte‘) einmal diesen Entschluss gefasst hat, eventuell auch schon in Mitleidenschaft gezogen worden.
    Ob der Suizid (Selbst“mord“ ist hier ein ganz falsches Wort!) nun besonders mutig ist, sei mal dahingestellt – es ist auch voellig irrelevant. Aber eines ist er sicherlich – konsequent. Und dafuer gebuehrt Herrn Sachs mein Respekt.
    Hochachtungsvoll,
    P.

  6. Vielen Dank für ihren...
    Vielen Dank für ihren Beitrag! Seit gestern waren Experten und Insider medial vertreten, um ihre Sicht vom Tod des Herrn Sachs zu erläutern. Reflexartig werden Theorien, verbunden mit Popularwissenschaftlichen Randnotizen, verfasst und dargeboten. Mir erscheint es wie ein Halbwissen, dass schnell unters Volk gebracht werden muss, leider kein gepflegtes, sondern eines der unseriösen Art.

  7. @ Alexander Braun
    Als...

    @ Alexander Braun
    Als „abenteuerlich“ könnte man die Verleumdungen, die sich „psychiatrische Diagnosen“ nennen, bezeichnen, wenn Sie nicht regelmäßig einen so dramatischen und umfassenden Verlust von Grundrechten zur Folge hätten, Zwangseinweisung, Zwangsbehandlung und zwangsweise Entmündigung verbrämt als „Betreuung“.
    Denn es gibt auch einen Beweis, warum die Existenz Psychischer Kramkheit notwendiger- und sinnvollerweise als Kathegorienfehler bestritten werden muss:
    1. Beschreibung, was Krankheit ist:
    Um sinnvoll im medizinischen Sinn von einer Krankheit zu sprechen, müssen die BEIDEN folgenden Bedingungen erfüllt sein:
    a) es muss eine objektivierbare Veränderung des Körpergewebes oder von Körperflüssigkeit vorhanden sein, wie sie z.B. bei der forensischen Untersuchung einer Todesursache festgestellt werden.
    b) die Person, die eine Krankheit hat, muss darunter subjektiv leiden, bzw. glauben, dass sie leiden wird, d.h. sie muss den augenblicklichen Zustand zumindest für unangenehm halten und ihn abändern wollen. Das ist außerdem die Voraussetzung dafür, dass so etwas wie „Therapie“ stattfinden kann.
    2. Es gibt keine Krankheit, wenn nicht beide Kriterien a) und b) erfüllt sind, denn:
    – wenn keins der beiden Kriterien erfüllt ist, kann es sich nur um eine Verwendung des Wortes „Krankheit“ als Metapher handeln: z.B. ein „kranker“ Witz, oder die Wirtschaft hat eine „Krankheit“.
    – wenn a) gilt, aber nicht b), dann haben die Ärzte eben eine Diagnose und ein Betätigungsfeld verloren: z.B. wurden klein gewachsene Menschen unter einer bestimmten Größe einfach als „krank“ an der „Kleinwüchsigkeit“ bezeichnet. Das ist alles vorbei in dem Moment, wo viele kleine Menschen sagen, dass die Zwerge ein wesentlicher Bestandteil der Menschheit sind, nix von wegen Leiden. Ein anderes Beispiel sind Gehörlose: in dem Moment, wo sie sich als Anderssprachige organisieren, ist es mit dem „Leiden“ vorbei und damit mit der Möglichkeit, Taubheit eine „Krankheit“ zu nennen.
    – wenn b) gilt aber nicht a), dann wäre es allein der subjektiven Empfindung anheim gestellt, ob jemand eine Krankheit hat oder nicht. Die entsprechenden weit reichenden Konsequenzen ist sicherlich bisher keine Gesellschaft gewillt zu ziehen, denn es hieße, dass einerseits jede/r sich selbst die Krankschreibung unterschreiben könnte und andererseits die wesentliche Funktion der Ärzte zusammenbräche, dass- im Gegensatz zur bisherigen (Schul)Medizin – nicht mehr Untersuchungen und eine Diagnose wesentlich wären, sondern jede Befindlichkeits-Quacksalberei den Vorrang hätte.
    3. Die angeblich existierende „psychische Krankheit“ kann weder die Bedingung a) noch b) erfüllen – obwohl schon das Fehlen der Erfüllung einer der beiden Bedingungen diese angeblichen „Diagnosen“ bei einer Kandidatur für „Krankheit“ durchfallen lassen würde (siehe 1.2) denn:
    – es gibt keine objektivierbaren Gewebe Veränderungen. Wie jede/r weiß, wird weder ein Bluttest, noch ein Hirnscan, noch eine mikroskopische, Röntgen- oder Ultraschalluntersuchung (oder womöglich ein „Gentest“) gemacht, um irgendeine der psychiatrischen Verleumdungs-Diagnosen zu stellen.
    – es kann kein „Leiden“ vorliegen, das ja mit einen Wunsch nach Veränderung einhergeht, wenn in psychiatrischen Gefängnissen regelmäßig Menschen einsperrt werden. Diese sind logischerweise deswegen eingesperrt, weil sie nicht freiwillig dort sind und sonst weggehen würden und sich damit den psychiatrischen Foltermethoden wie Fesseln ans Bett, zwangsweise Penetration mit der Spritze, Elektroschocken usw. und dem ständigen Anblick dieser faschistoiden Methoden entziehen würden. Vielmehr werden die eingesperrten Menschen durch die Psychiatrie zu Leidenden gemacht, indem sie erniedrigt und entwürdigt werden, ihr Wille gebrochen werden soll, sie mit Foltermethoden unter Geständniszwang gesetzt werden, endlich „krankheits“-einsichtig zu werden, um damit im nachhinein das ganze Martyrium als „medizinische“ Behandlung bezeichnen zu können.
    4. Fazit: Es handelt sich bei den Worten „psychische Krankheit“ um die Verwendung einer Metapher, also nur um Worte, keinen Sachverhalt oder eine Tatsache.
    rene talbot

  8. Ich habe einige Stunden mit...
    Ich habe einige Stunden mit mir „gerungen“, ob ich einen Kommentar verfassen soll – einen Kommentar, der „nur“ in Erinnerung rufen soll, dass es uns wohl nicht zusteht, über ein individuelles Einzelschicksal zu befinden, ohne die Innenperspektive des Suizidenten auch nur ansatzweise erfassen, geschweige denn erhellen zu können und – cum grano salis – ob er dem Niveau der F.A.Z. gerecht wird.
    Dass andererseits das Schicksal bewegt, dürfte – ähnlich der Causa Walter Jens – nicht sonderlich überraschend sein, geht es doch immerhin auch darum, in einer Zeit, in der besonderes zivilgesellschaftliches Engagement gegenüber Demenzerkrankten eingefordert wird, jedenfalls dann Position zu beziehen, wenn erkennbar jemand vor der „Demenz“ in gesunden Tagen zu „flüchten“ gedenkt und zwar nicht nur im Rahmen einer Patientenverfügung.
    Das Experten und insbesondere solche, die sich selbst dazu zählen, das Problem der „gefühlten Demenz“ derzeit noch nicht erörtern, halte ich für wenig problematisch, ist man/frau doch bemüht, generell die „Demenz“ dergestalt zu verklären, als dass diese sinnstiftend sei und es sich nicht schickt, dieser „Krankheit“ zu entfliehen – mehr noch, einige Experten neigen gar dazu, uns in gesunden Tagen die Pflicht für die sich in uns später konstituierende „dritte Person“ aufzuerlegen, Verantwortung dafür zu tragen, dass die „dritte Person“ in uns im Falle einer Demenzerkrankung nicht zu „Schaden kommt“ und demzufolge alle Verfügungen kritisch daraufhin zu überprüfen seien, ob wir gleichsam einen Willen bekunden, der letztlich einen „Dritten“ für die ureigene Zwecke instrumentalisiert.
    Sei es drum. Auch die „gefühlte Demenz“, die vermutete „infauste Prognose“, das „lebensunwerte Leben“ schlechthin können aus der Innenperspektive des Individuums Anlass dafür sein, aus dem Leben zu scheiden, ohne hier gleich den Suizidenten pathologisieren zu wollen. Die Frage, ob es vernünftig sei, aufgrund ungesicherter Erkenntnisse aus dem Leben zu scheiden oder schlicht dem ärztlichen Ratschlag nicht folgen zu wollen, stellt sich nicht – es sei denn, der Entschluss beruht auf einer diagnostizierbaren „Krise“, die dann mit kognitiv bedeutsamen Defiziten gleichzusetzen wäre und somit der Suizident nicht mehr „Herr seines freien Willens“ ist.
    Lutz Barth

  9. Wenn ich absehen müßte...
    Wenn ich absehen müßte demnächst nicht mehr in der Lage zu sein, so zu denken, wie ich glaube es jetzt zu können, dann würde ich mir auch das Leben nehmen, denn für mich ist in meinem Leben denken zu können wichtig.
    Ich habe kein Recht und auch kein Interesse, darüber nachzudenken, was Herrn Enke oder Herrn Sachs zu ihren Selbstmorden bewegt hat. Es ist das gute Recht des Menschen, hierüber keine Rechenschaft aubzulegen müssen. Es ist immer eine individuelle Entscheidung, die ein Ausdruck von Freiheit ist.
    Nur die altmodische Psychiatrie und die Oberethiker bezweifeln dieses Recht der Menschen. Und ich Stimme Herrn Talbot zu, dass es weder eine Einheit von Körper Geist und Seele gibt, noch dass man eine Intelligenzminderung im hohen Alter als Krankheit bezeichnen kann. So ist das eben bei manchen Menschen, wenn sie alt werden.
    Und es ist richtig, dass es bis heute keinen naturwissenschaftlichen Beweis gibt, dass Demenz eine Krankheit ist.

  10. @rene talbot : Ihre...
    @rene talbot : Ihre Argumentation ist nicht nur Abenteuerlich, sondern geradezu absurd.
    1) Eine Krankheit mit ausgeprägter Phänomenologie (und auch ziemlichem Leidensdruck auf die Erkrankten und deren Umwelt) einfach dadurch weg zu diskutieren, dass man ihre organischen Grundlagen (noch) nicht verstanden hat, stellt wissenschaftliches Arbeiten auf den Kopf.
    2) zur Definition einer Krankheit den „Willen zur Veränderung“ hinzuzufügen, macht auch alle Menschen gesund, die sich trefflich mit einer Krankheit eingerichtet haben, weil es manchmal auch sehr bequem sein kann, sich rundum „versorgen“ zu lassen. Und damit meine ich durchaus und gerade nicht sogenannte psychisch Kranken.
    3) Ihr Rundumschlag beim Thema Psychische Erkrankungen geht am Thema Demenz und Alzheimer weit vorbei. In Fällen, wo es zu Beschneidung der Freiheit kommt, wären eher mehr Mittel für die Pflege wünschenswert – und nicht weniger nach dem Motto „die sind ja eigentlich gesund“. Da zu sagen, man lässt den Dementen halt einfach ihre Freiheit, führt zu einer akuten, oft lebensbedrohenden Situation. Das ist unverantwortlich.
    Andererseits gibt es zu psychischen Erkrankungen wie Depression durchaus die von ihnen geforderten organisch feststelbaren faktoren, z.B. bei Depression die Störung des Serotonin- und/oder Noradrenalin Haushalts im Gehirn.

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