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Molekulare Gentests: ethisch bedenklich, öffentlich gefördert

25.08.2011, 23:39 Uhr

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Prinzipienreiterei ist für Politiker, zumal für solche auf herausgehobenen Positionen, kein sonderlich attraktives Hobby. Pragmatisch regiert sichs nicht nur leichter, sondern vermutlich überhaupt nur, Allerdings darf man auch nicht zu beliebig wirken, erscheint man sonst doch leicht zu ersetzen. Nun ist das hier kein Blog, das „Politikberatung für Dummies“ anstrebt. Aber Bioethik wird auch für Politiker zunehmend zu einem Thema mit dem man sich profilieren kann. Annette Schavan die Forschungsministerin aus Süddeutschland hat das schon vor einiger Zeit erkannt. In der Debatte über Präimplantationsdiagnostik hat sie, mit guten Argumenten, deswegen lange Zeit für ein grundsätzliches Verbot geworben. Jetzt wurde bekannt, dass ausgerechnet das von ihr geleitete Forschungsministerium mit etwa 230.000 Euro ein Projekt zur „pränatalen Diagnostik genetischer Erkrankungen“ fördert. Das Geld erhielt die Konstanzer Firma GATC Biotech AG für die Entwicklung eines  Schwangerschaftsfrühtest, der ermöglicht durch eine Untersuchung des von der werdenden Mutter entnommenen Bluts zu klären, ob das ungeborene Kind eine Trisomie 21, also das Down-Syndrom hat. Der Test soll durch die GATC Tochter Life Codexx AG spätestens im Frühjahr 2012 auf den deutschen Markt kommen. In einer Pressemitteilung des Unternehmens heißt es stolz:

 „Die Durchführung humangenetischer Diagnostiktests auf Basis neuester Sequenziertechnologien ist ein revolutionäres Konzept. Dadurch wird sich die Kosteneffizienz in der Diagnostik drastisch verbessern. Die LifeCodexx AG wird hier eine Vorreiterrolle übernehmen,‘ begeistert sich Peter Pohl, CEO der GATC Biotech AG und Aufsichtsratsvorsitzender der LifeCodexx AG.“

 Tatsächlich hat der neue Test aus Sicht der Humangenetiker und Gynäkologen erhebliche Vorteile: Er kann´in einem frühen Stadium der Schwangerschaft (ab der 10. Woche) durchgeführt werden, er ist nach bislang vorgelegten Studienergebnissen sehr zuverlässig und kann so die Amniozentese, die invasive Fruchtwasseruntersuchung, die ein erhöhtes Fehlgeburtsrisiko mitsich bringtin erheblichem Umfang unnötig machen.

Im Ergebnis sinkt durch die Möglichkeit eine frühe und sehr risikoarme Testung  durchführen zu können, die Hemmschwelle zur Durchführung entsprechender Untersuchungen erheblich. Damit wird gleichzeitig auch der Erwartungsdruck, die nunmehr gebotene Möglichkeit auchzu nutzen spürbar erhöht: Mag angesichts der Gefahr einer Fehlgeburt die Frau, die keine Amniozentese will, obwohl sie zu einer als Risikogruppe definierten Menge gehört, noch auf ein gewisses Verständnis stoßen, wird dieses beim Fehlen einer solchen Gefahr kaum noch anzunehmen sein –insbesondere, wenn angesichts belasteter Sozialversicherungskassen die ökonomischen Erwägungen an Bedeutung gewinnen oder die Bereitschaft zur guten Versorgung von Menschen mit angeborenen Behinderungen sinkt.

Bundesforschungsministerin Schavan hat in einem Interview mit epd angesichts der Kontroverse um ein Verbotsgesetz zur PID erklärt:

 „Bei allen Fragen, die mit dem menschlichen Leben am Anfang und am Ende zu tun haben, muss man sich auch mit verzweifelten Situationen befassen. Ich würde dieser Frau meinen Weg zu meiner Position erläutern, in Respekt vor ihren anderen Erwartungen. Doch ein Gesetz ist immer eine allgemeine Regel. Ein ethisches Dilemma kann nicht mit einem Gesetz allein beantwortet werden. Die Ärzte erwarten jedoch zu Recht eine allgemeine Regel. Notwendig ist aber auch ein gesellschaftliches Klima, das nicht geprägt ist von Machbarkeit und Perfektionsdrang, sondern von Unterstützung, Beratung und Hilfe in Notlagen.“

 Genau dieses Klima von „Machbarkeitswahn“ und „Perfektionsdrang“ wird durch niedrigschwellige Testangebote, wie sie jetzt auf den Markt drängen, gefördert. Wieso das Bundesforschungsinisterium diese Entwicklung auch noch finanziell unterstützt ist schlecht nachvollziehbar.

 Die „Lebenshilfe“ hat die Förderung des Gentests deswegen auch nachdrücklich kritisiert:

  „Das erhöht den Druck auf Schwangere, sich testen zu lassen und die Schwangerschaft abzubrechen, falls das Kind das Down-Syndrom haben sollte“, so Robert Antretter, Bundesvorsitzender der Lebenshilfe. „Das Projekt, das unter dem Titel ‚Entwicklung und Evaluation eines neuen nicht-invasiven Verfahrens zur pränatalen Diagnostik genetischer Erkrankungen‘ gefördert wird, wird aller Voraussicht nach dazu führen, dass noch mehr Kinder mit Down-Syndrom abgetrieben werden.“

Die Gefahren reichen aber auch noch weiter. Zwar betonen die Biotech-Unternehmen, dass gegenwärtig ausschließlich Trisomie 21 ins Visier genommen werden soll. Aber erstens dürfte das ziemlich schwierig zu begründen sein, denn warum sollen zur Fahndung nach Feten mit Trisomie 21 entwickeltere Methoden angewandt werden dürfen, als zur Fahndung nach Feten mit Mukoviszidose? Vor allem aber zeigt die Erfahrung, dass, wenn solche Entwicklungen überhaupt ohne Restriktionen ausgesetzt zu seinRaum greifen können, dann auch weitere Marktsegmente, also Diagnosemöglichkeiten rasch erschlossen werden.

Interessanter wäre also vermutlich, Projekte zu fördern, wie solche Testausweitungen eingegrenzt und ausgehebelt werden können. Aber daran denkt gerade auch Annette Schavan leider nicht.

Damit könnte diese Entwicklungen bald eindrucksvoll etwas anderes vor Augen führen: Wie ein hart erkämpftes und im Grundsatz gut gedachtes Gesetz, wie das Gendiagnostikgesetz, das gerade die besinnungslosen und screenungsgleiche Anwendung pränataler Tests mit seinem § 15 GenDG verhindern sollte, angesichts neuer Entwicklungen in weiten Teilen wirkungslos zerbröseln wird. Zur neuen, Diskriminierung attackierenden, Behindertenrechtskonvention passen Tests und vor allem deren öffentliche Förderung schon garnicht.  

 

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Oliver Tolmein, 1961 in Köln geboren, wollte Berufsoffizier werden, hat es dann zum Regieassistenten gebracht, konnte seinen Lebensunterhalt als Journalist verdienen und wollte schließlich doch noch Jura studieren. Seit 1980 sympathisiert er mit der Behindertenbewegung. In der Debatte um Gentechnik, Sterbehilfe und Menschenversuche ist er seit über zwanzig Jahren engagiert und hat zu bioethischen Themen mehrere Bücher verfasst und Filme gedreht. Jetzt arbeitet er überwiegend als Rechtsanwalt in der von ihm in Hamburg mitbegründeten Kanzlei Menschen und Rechte und ist auf Medizin- und Behindertenrecht spezialisiert. Er ist Vater von Zwillings-Jungs und einer kleinen Tochter. Für das Feuilleton der FAZ schreibt er seit 2001.