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Ein Geschlecht mit X – Australien macht’s möglich

30.09.2011, 17:26 Uhr

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In  Australien gibt es künftig etwas mehr Diversity auch in den Reisepässen: Künftig kann hier außer „Frau” und „Mann” auch „X” für „unspecified” oder auch „3. Geschlecht” eintragen lassen. Das „X” können dabei nicht nur intersexuelle Menschen für sich eintragen lassen, sonder auch Menschen aus dem weiten und vielfältigen Bereich des Transgender. Die australische Senatorin Louise Pratt von der  „Australian Labor Party” hat sich in einem Interview sehr positiv über das neue Paßgesetz, das mehr bewirken wird, als nur ein etwas anderes Aussehen der Pässe, geäußert: “Es gab in der Vergangenheit viele Fälle, in denen Leute enorme Schwierigkeiten im Ausland hatten und sogar festgenommen wurden, nur weil ihr Pass etwas anderes behauptete, als die Kontrolleure zu sehen meinten. Das belastet Menschen, ist in hohem Maße unangenehm und kann sogar gefährlich werden.”

Das klingt gut und kenntnisreich, was nicht überrascht, denn Louise Pratt hat auch selbst eine recht ungewöhnlich Geschichte, die über den Geschlechterdualismus hinausweist. Sie selbst hat ihre ersten politischen Schritte als Sprecherin der Schwulen und Leseben-Bürgerrechtsgruppe „Gay and Lesbian Equality” begonnen, ist bekennende Bisexuelle und seit mehreren Jahren mit dem Transgender-Aktivisten und Transmann Aram Hosie ein Paar.

Die neuen Regelungen, die von mehreren Bürgerrechts- und Gendergruppen mit der Regierung verhandelt worden sind, wollen in erster Linie das Selbstbestimmungsrecht der Betroffenen stärken, damit diese von den Behörden an der Grenze in ihrer Verschiedenheit wahrgenommen werden können. Der australische  Außenminister Kevin Rudd sieht die neue Regelung deswegen auch als Ausdruck der Antidiskriminierungs-Bemühungen Australiens.

Eine ausführliche Richtline für „Sex and Gender Diverse Passport Applicants” regelt genau, wer unter welchen Bedigungen das neue „X” erhalten oder auch das im Pass ausgewiesene Geschlecht ändern kann. In dem online gestellten Dokument werden auch allerlei Szenarien erörtert: „Ich bin verheiratet und hatte eine geschlechtsangleichende Operation, aber ich kann keine neue Geburtsurkunde bekommen. Kann ich trotzdem einen Pass für mein neues Geschlecht erhalten?”, „Ich habe keine geschlechtsangleichende Operation hinter mir und habe kein Attest meines Arztes – was kann ich machen?”

Warum soll angesichts der vielfältigen Möglichkeiten nun aber überhaupt noch das Geschlecht im Pass erfasst werden? Das ist ausweislich der neuen australischen Richtlinie vor allem ein Ergebnis der Reisefreiheit. Die Internationale Flugorganisation IACO verlangt die Angabe des Geschlechts als eine von vier zwingenden Angaben. Aber das könnte sich angesichts der allgemeinen Veränderungsbereitschaft auch noch ändern…..

PS.: In Indien und Pakistan sind Pässe, die einen dritten Eintrag erlauben ebenfalls seit 2011 zugelassen.

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Oliver Tolmein, 1961 in Köln geboren, wollte Berufsoffizier werden, hat es dann zum Regieassistenten gebracht, konnte seinen Lebensunterhalt als Journalist verdienen und wollte schließlich doch noch Jura studieren. Seit 1980 sympathisiert er mit der Behindertenbewegung. In der Debatte um Gentechnik, Sterbehilfe und Menschenversuche ist er seit über zwanzig Jahren engagiert und hat zu bioethischen Themen mehrere Bücher verfasst und Filme gedreht. Jetzt arbeitet er überwiegend als Rechtsanwalt in der von ihm in Hamburg mitbegründeten Kanzlei Menschen und Rechte und ist auf Medizin- und Behindertenrecht spezialisiert. Er ist Vater von Zwillings-Jungs und einer kleinen Tochter. Für das Feuilleton der FAZ schreibt er seit 2001.