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Organspende-Stiftung nach anonymer Kritik: Ein bisschen alarmiert

16.10.2011, 17:56 Uhr

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Der auch in diesem Blog behandelte Fall „Deutsche Stiftung Organspende” (DSO) entwickelt sich spannend – er wirft auch immer mehr Fragen auf. Hatte in den ersten Tagen nach Versendung eines Schreibens „anonymer Mitarbeiter” kaum jemand darüber berichtet, mehrten sich dann Mitte der Woche Artikel mit Überschriften wie „Schwere Vorwürfe gegen die Stiftung Organtransplantation.” Die  DSO selbst tat die Kritik nach außen hin  anfangs entschieden ab. Im Inneren ging es dagegen offenbar heiß her. Der Stiftungsrat , in dem auch der Hauptgeschäftsführer der Bundesärztekammer und  Vertreter der Krankenkassen sitzen, hat sich in einer Sitzung am Donnerstag mit dem Thema befasst und am Freitag eine Pressemeldung veröffentlicht, die nicht gerade durch Stringenz glänzt: Zuersteinmal lobt man sich, für die besonders erfolgreiche  Arbeit im vergangenen Jahr, kommt nicht umhin, den Rückgang der Spenderzahlen zu erwähnen und endet dann bei einem modifizierten „weiter so!”: „Wenn die Organspenderate nun auf das Niveau der Vorjahre zurückgegangen ist, so zeigt dies nur, dass weitere gemeinsame Anstrengungen auf diesem Gebiet notwendig sind.”

Ob der Rückgang der Zahlen „nur” oder gar überhaupt das zeigt, ist ja nun gerade umstritten, wie der Stiftungsrat dann selbst feststellen muss. Die Kritik an den Strukturen und Vorgehensweisen der DSO wird sodann aber auf den am einfachsten überprüfbaren Faktor runtergeredet, das angebliche wirtschaftliche Fehlverhalten (Kritik aus dem anonymen Schreiben: „goldene Füller”) – folglich wird auch ein unabhängiger Wirtschaftsprüfer eingeschaltet, der nun tätig werden soll:

Der Stiftungsrat (nimmt) die anonymen Klagen ernst. Obgleich regelmäßige externe Wirtschaftsprüfungen erfolgen, auch im Hinblick auf Beschaffungs-, Dienstreise- und andere Regelungen des Vorstands, hat der Stiftungsrat beschlossen, eine Überprüfung der Vorwürfe gegenüber dem Vorstand durch einen weiteren externen unabhängigen Wirtschaftsprüfer zu veranlassen. In mehrstündigen, intensiven Gesprächen mit mehreren Mitarbeitern der Hauptverwaltung der DSO ohne Anwesenheit des Vorstands hat sich der Stiftungsrat darüber hinaus detailliert über die Führungskultur in dem sensiblen Bereich der Organspende informiert. Zur Verbesserung der innerbetrieblichen Kommunikation, sowohl im Bereich der Hauptverwaltung als auch zwischen Hauptverwaltung und den Regionen der DSO strebt der Vorstand einen extern moderierten Prozess an, der baldmöglichst alle Beteiligten zueinander führen soll.”

Die „taz”, die offenbar Kontakt zu den Verfassern des Schreibens verfügt, hat das, was in den letzten Tagen in der DSO offenbar abgelaufen ist, in einer Überschrift etwas anders interpretiert:

„Nach Kritik an Organspende-Stiftung – Mitarbeiter massiv unter Druck gesetzt”

In dem Text heißt es, unter Berufung auf „Ehemalige und aktuelle DSO-Mitarbeiter”:

„Insbesondere die Mitarbeiter in der Frankfurter DSO-Zentrale würden seit Bekanntwerden des Briefes massiv unter Druck gesetzt, sich von dem Schreiben zu distanzieren.”

Während die Reaktionen des Stiftungsrates vermuten lassen, dass in der DSO intern durchaus einiges im Argen liegt, versucht sich die politische Ebene aus dem Thema heraus zu halten: Bundesgesundheitsminister Bahr selbst hat nur die direkte Aufsichtsbehörde der Stiftung und den Stiftungsrat um eine Aufklärung gebeten. Dass sich das Ministerium nicht in die inneren Angelegenheiten der Stiftung einmischen mag, ist einerseits nachvollziehbar, angesichts der erheblichen Bedeutung, die die Stiftung für das Transplantationswesen in der Bundesrepublik hat, überzeugt die Zurückhaltung aber nicht wirklich. Dabei geht es mir weniger um das jährliche Budget der DSO von 33 Millionen Euro, das zwar beachtlich, aber angesichts der etwa 264 Milliarden Euro Gesundheitsausgaben pro Jahr eine doch nicht so bedeutsame Größe darstellt. Entscheidender ist, dass durch die Art und Weise wie die DSO arbeitet die Situation von Organempfängern und Menschen, denen Organe entnommen werden können oder sollen erheblich beeinflußt wird.

Drei Punkte finde ich noch erwähnenswert:

Wohl um die anonymen Briefeschreiber zu widerlegen, die die Politik des DSO-Vorstandes für den Rückgang an Organspendern verantwortlich machen, hat sich der Medizinische Vorstand der DSO Professor Günter Kriste gegenüber „Focus” zum Zusammenhang von Patientenverfügung und Bereitschaft zur Organentnahme geäußert – ein Thema, das mir ja auch besonders wichtig erscheint, das aber ansonsten in der Debatte weitgehend ignoriert wird. Prof. Kriste macht die Patientenverfügungen dafür verantwortlich, dass die Zahl der Organspender zurückgeht:

“Ärzte erzählen mir, dass sie, sobald sie eine Patientenverfügung sehen, die Angehörigen gar nicht mehr um die Erlaubnis zur Organentnahme fragen”

Das ist einerseits bemerkenswert, weil es bestätigt, dass Patientenverfügungen und Organspendeausweise in der Regel nicht kompatibel zueinander sind – und deswegen hier hoher unabhängiger Beratungsbedarf besteht. Es ist andererseits, statistisch gesehen, wenig plausibel, weil es voraussetzen würde, dass die Zahlen der Patientenverfügungen 2011 gegenüber 2010 signifikant gestiegen wären, was bislang jedenfalls nirgendwo belegt wird.

Weiterhin: Der bioethik-kritische Informationsdienst „Bioskop” sieht sich durch die gegenwärtige Debatte in seiner kritischen Haltung zur DSO bestätigt. Ein Blick auf die Seiten von „Bioskop” zeigt jedenfalls, dass es dort einiges an interessanten kritischen Informationen zum Thema Transplantationsmedizin zu lesen gibt.

Und dann noch: Ich habe ja Sympathien für „Whistleblower” und kann nachvollziehen, dass es in bestimmten Arbeitsverhältnissen näher liegt sich anonym als mit Namen an die Öffentlichkeit zu wenden. Was ich nicht verstehe, ist, warum die  Anonymusse , die wohl aus der DSO kommen, sich nicht nur nicht direkt an die Medien gewandt haben, sondern ausdrücklich nur an Politiker – die nun nicht gerade als verschwiegene Berufsgruppe gelten, weswegen meines Erachtens klar sein musste, dass die Informationen in den Medien landen, wo sie ja auch hingehören. Wieso dann aber nicht direkt, sondern eher scheinheilig über die Bande? Das stimmt (mich zumindest) auch mißtrauisch….

Übrigens: die Links, die teilweise recht lang wäre, sind allesamt über bit.ly gekürzt. Ich hoffe, das stört niemanden.

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Oliver Tolmein, 1961 in Köln geboren, wollte Berufsoffizier werden, hat es dann zum Regieassistenten gebracht, konnte seinen Lebensunterhalt als Journalist verdienen und wollte schließlich doch noch Jura studieren. Seit 1980 sympathisiert er mit der Behindertenbewegung. In der Debatte um Gentechnik, Sterbehilfe und Menschenversuche ist er seit über zwanzig Jahren engagiert und hat zu bioethischen Themen mehrere Bücher verfasst und Filme gedreht. Jetzt arbeitet er überwiegend als Rechtsanwalt in der von ihm in Hamburg mitbegründeten Kanzlei Menschen und Rechte und ist auf Medizin- und Behindertenrecht spezialisiert. Er ist Vater von Zwillings-Jungs und einer kleinen Tochter. Für das Feuilleton der FAZ schreibt er seit 2001.