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Kein Gold für intersexuelle Sportlerinnen? Gender-Blech für IOC…

28.07.2012, 01:13 Uhr

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Dass der Chef des Internationalen Olympischen Komittees Jacques Rogge bei der Eröffnungsansprache behauptete, die Spiele in London wären „a major boost for gender eqality“ ist ein hübscher Treppenwitz. Seit Wochen wird die Richtlinie, auf deren Grundlage die Offiziellen entscheiden, wer als Frau starten darf und wer nicht, scharf kritisiert. Der Test, der frühere invasive Geschlechtsreihentests ablöst: nachdem die Athletinnen ursprünglich nackt paradieren und sich gynäkologischen Untersuchungen unterziehen mussten, dann Speichelproben genommen wurden und schließlich gar nicht mehr offengelegt wurde, was in den Geschlechtstestlaboren eigentlich getestet wurde, hat das IOC sich jetzt auf das Hormon „Testosteron“ konzentriert. In dem IOC Papier, das dazu wenige Wochen vor Eröffnung der Olympischen Spiele veröffentlicht wurde heißt es: „Weibliche Intersex Athleten mit einer erhöhten Androgen-Produktion wecken in Zusammenhang mit Wettkampf Sportarten bestimmte Befürchtungen, es geht hier um das Phänomen des weiblichen Hyperandrogenismus.“

Eine Untersuchung auf „Weiblichen Hyperandrogenismus“  kann von einem verantwortlichen Mediziner eines Nationalen Olympischen Komittees, einem Mitglied der Medizinischen Kommission des IOC oder von dessen Chairman in die Wege geleitet werden. Der  Chairman der Medizinischen Kommission muss dem Verfahren auf jeden Fall zustimmen. Dann muss die Athletin alle für relevant gehaltenen Dokumente über Hormonstatus, medizinischen Behandlungsgeschichte, ärztliche Diagnose vorlegen. Es kann dann ein Expertengremium zusammengesetzt werden, das weitere Unterlagen anfordern oder die Vornahme bestimmter Untersuchungen verlangen kann um dann festzustellen, ob der Androgenspiegel, für den Testosteron als Referenz genommen wird. „im männlichen Bereich liegt.“  Das gesamte Verfahren soll nicht-öffentlich ablaufen, auch die Ergebnisse werden nicht veröffentlicht. Auch der Rechtsweg zum Sportgerichtshof wird stark eingeschränkt: nicht die Durchführung des Verfahrens selbst kann angegriffen werden, sondern nur eine Entscheidung, mit der eine Athletin dauerhaft oder einstweilig suspendiert oder bestraft wird. Die Zeit um zu Gericht zu gehen ist knapp bemessen: 21 Tage.

Für Kevin B. Wamsley, einen Sporthistoriker der University of Western Ontario, der früher auch Direktor des Internationalen Zentrums für Olympische Studien war, ist das Verfahren nicht akzeptabel: „Es hat viel mehr mit sozialen werten, als mit Wissenschaft zu tun.“ Er und andere Kritiker stören sich auch daran, dass die Kerngröße zur Bestimmung des Wettkampfgeschlechts, ist, ob es einen Testosteron-Wert „im männlichen Bereich“ gibt: „Aber wie hoch ist der? Wer legt das fest? Und mit welchem Recht?“

Arne Ljungqvist, der der Medizinischen Kommission vorsteht, hat das neue Verfahren auf bemerkenswerte Weise verteidigt: es handele sich hier um eine soziale Entwicklung, denn bei den Londoner Spielen gebe es mehr Frauen, die an den Wettkämpfen teilnähmen, als je zuvor und es gäbe auch immer mehr intersexuelle Sportler, die an Wettkämpfen auf hohem Niveau teilnähmen. „Wir können nicht so tun, als gäbe es intersexuelle Menschen nicht und es kann unfair sein, dass sie an den Wettkämpfen der Frauen teilnehmen.“

Die Idee, dass es vormallem diskriminierend ist, Intersexuelle von den Wettkämpfen ganz fern zu halten, ist Lungqvist offenbar noch nicht gekommen: denn bei den Männern dürfen nach der Richtlinie auch nur Männer starten.

Eine, die ein höchst stigamtisierendes und bis heute nicht offen gelegtes Verfahren zumindest faktisch überstanden hat ist die südafrikanische 800 Meter Läuferin Caster Semenya, die in London an den Start gehen wird, nachdem sie die Fahne des südafrikanischen Teams (hier wollen wir mal nicht von Mannschaft schreiben) beim Einzug ins Olympiastadion tragen durfte – ein starke Geste, die dem Engagement gegen Diskriminierung im Sport durch fragwürdige Gendertests vielleicht weiter hilft. Immerhin erstaunlich, dass das IOC trotz der offensichtlichen Problem und der scharfen Kritik an seiner Geschlechter-Test-Politik hier die Diskussion verweigert und auch größtmögliche Intransparenz auf seine Fahnen geschrieben hat.  Vielleicht wird ja alles anders, wenn es mehr Nationalstaaten geben wird, die, wie Australien, offiziell anerkennen, dass es mehr als nur zwei Geschlechter bei den Menschen gibt.

 

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Oliver Tolmein, 1961 in Köln geboren, wollte Berufsoffizier werden, hat es dann zum Regieassistenten gebracht, konnte seinen Lebensunterhalt als Journalist verdienen und wollte schließlich doch noch Jura studieren. Seit 1980 sympathisiert er mit der Behindertenbewegung. In der Debatte um Gentechnik, Sterbehilfe und Menschenversuche ist er seit über zwanzig Jahren engagiert und hat zu bioethischen Themen mehrere Bücher verfasst und Filme gedreht. Jetzt arbeitet er überwiegend als Rechtsanwalt in der von ihm in Hamburg mitbegründeten Kanzlei Menschen und Rechte und ist auf Medizin- und Behindertenrecht spezialisiert. Er ist Vater von Zwillings-Jungs und einer kleinen Tochter. Für das Feuilleton der FAZ schreibt er seit 2001.