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Vorhautbeschneidung im Blick von Kinderärzten, jüdischen Müttern, Staatsanwälten und dem Ethikrat

29.07.2012, 22:34 Uhr

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Die Zielgerade ist es nicht, aber die Beschneidungsdebatte verliert ein wenig an Fahrt, gleichzeitig werden die Stellungnahmen offiziöser. Am Wochenende haben sich gleich drei Institutionen zu Wort gemeldet: die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin, der Ethikrat und die Generalstaatsanwaltschaften Württemberg und Baden.   

Fangen wir mit der wichtigsten Stellungnahme an:  “Wir werden bei derartigen Beschneidungen auch weiterhin in Württemberg nicht ermitteln und warten die bereits angekündigte gesetzliche Regelung ab“, sagte der Stuttgarter Generalstaatsanwalt Klaus Pflieger. Für Baden gilt das ebenso, so dass Muslime und Juden hier im einstmals und jetzt wieder liberalen Süden eine Art sicheren Hafen haben. Erfreulich erscheint mir diese Stellungnahme, mit der zumindest Baden-Württemberg wieder den Anschluss an den Rest der Welt findet und vorläufig keinen deutschen Sonderweg einschlägt, weil sie den Betroffenen die Rechtssicherheit gewährt, die es bislang gab und auf die sie auch weiterhin Anspruch haben. Auch wenn es mir fern liegt ausgerechnet Generalstaatsanwaltschaften Vorschläge zu unterbreiten:  da könnten sich die Kollegen von Herrn Pflieger durchaus mal anschließen.

Ganz anders tritt die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin auf, für die sich in der  FAS das Akademie-Mitglied und Sprecher der Kommission für ethische Fragen der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin ,Volker von Loewenich gesondert zu Wort gemeldet hat. Wie es sich für Ärzte gehört, wird in der drei Seiten langen Erklärung erstmal Standesbewußtsein  dokumentiert: 

„Der Eingriff, soweit nicht kinderchirurgisch durchgeführt, ist robust und blutig.“

Aha. Und wenn Kinderchirurgen den Eingriff ausführen? Dann ist er doch ok? Oder zumindest nicht blutig? Bemerkenswert ist, dass die Pädiater nicht nur Experten in Sachen Behandlung von Kindern sind, sondern sich auch besonders gut mit „jüdischen Müttern“ auskennen:

Aus persönlichen Erfahrungen wissen wir, wie jüdische Mütter unter der rituellen Beschneidung ihrer Söhne leiden.

Weiterer Belege bedarf es hier nach Auffassung der ganz überwiegend männlichen Autoren der Empfehlung nicht. Die Erklärung besticht ansonsten durch eine Empfehlung an die Religionen ihre Praxis zu ändern und eine wenig stringente Empfehlung:

„Wir appellieren als Kinder- und Jugendärzte an unsere Politiker, eine Entscheidung zwar unter Berücksichtigung verletzlicher religiöser Überzeugungen aber dennoch in erster Linie unter dem Aspekt des Wohles unserer jüngsten und wehrlosesten Mitmenschen zu erarbeiten und dabei jeden eventuellen politischen Opportunismus zu vermeiden. Als Anwälte der Kinder plädieren wir Kinder und Jugendärzte dafür, im Sinn des Kindeswohls und des Gesundheitsschutzes von Neugeborenen und Kindern nach einer Verständigung zu suchen.“

Nun frage ich mich nicht nur, wieso eigentlich die Akademie, die vermutlich nicht erst seit wenigen Wochen darüber informiert ist, dass Beschneidungen an “jüngsten und wehrlosesten  Mitmenschen”, den kleinen Jungs durchgeführt werden, eine solche Erklärung erst heute veröffentlicht. Es ist vermutlich der von den Autoren selbst beklagte politische Opportunismus.

Ich frage mich auch, wie es ansonsten mit dem ethischen Einsatz der der Akademie für die jüngsten und wehrlosesten Mitmenschen so steht. Auf ihrer Homepage  sind, neben der aktuellen Stellungnahme zur Beschneidung, Empfehlungen veröffentlicht zu Präimplantationsdiagnose (bitte mit Gemach – aber dann ok), zu Patienteninformationen für Schulkinder, die an einer Arzneimittelstudie teilnehmen  („Du weißt, dass Forscher immer etwas Neues herausfinden wollen…“), zur „Begrenzung lebenserhaltender Therapie im Kindes- und Jugendalter“ (Sterbehilfe bitte mit Gemach, ist aber schon ok), zur „Forschung an Kindern für Kindern“ (gemeint ist: Forschung, die dem betroffenen Kind selbst nicht nützt)… Mit anderen Worten: alles geht irgendwie, wenn man vorsichtig ist, nur die rituelle Beschneidung verstößt eindeutig und klar gegen das Kindeswohl.  Ausgerechnet die Beschneidung, die von all den diskutierten Fragen sicherlich medizinisch am wenigsten Gefahren mit sich bringt, wird mit größter Entschiedenheit bekämpft. Auffallend sind aber auch die Auslassungen: Kein Wort verlieren die Ethiker hier zu erheblich blutigeren, robusten, zweifelsohne den Tatbestand der schweren Körperverletzung (§ 226 StGB) erfüllenden (ebenso durch die Einwilligung der Eltern gerechtfertigten) geschlechtszuweisenden Operationen bei intersexuellen Kindern, die ihre Kollegen aus der Kinderchirurgie und der Kinderurologie auch heute noch regelmäßig durchführen.  

Womit wir beim Ethikrat wären, dessen Vorsitzende, die Medizinerin Christiane Woopen, sich nun auch zu Wort gemeldet hat, um die Politik vor zu schnellem Handeln zu warnen. Im August werde der Ethikrat sich des Themas annehmen. Der Ethikrat hat immerhin zum Thema „geschlechtszuweisende Eingriffe“ bei intersexuellen Kindern sehr kritisch Stellung bezogen (siehe dazu auch die Debatte auf SWR 2 am Montag 30. Juli um 17:05 Uhr zwischen Ethikratsmitglied Michael Wunder, Lucie Veith von den „intersexuellen Menschen“ und mir) – wenngleich er sogenannte „geschlechtsverdeutlichende Eingriffe“ durchaus nicht ablehnt.  Wieso er allerdings meint, hier zu einer Frage der Religionsausübung von Muslimen und Juden berufen Stellung nehmen zu können, bleibt eher unklar. Immerhin weist das Thema darauf hin, dass der Ethikrat, wenn ich richtig gezählt habe, zwar sechs Theologen in seinen Reihen hat (knapp ein Viertel seiner Mitglieder), das aber allesamt Angehörige christlicher Konfessionen sind, weder ein Jude noch ein Muslim sind darunter (immerhin sind mit dem Notfallmediziner und Anästhesisten Leo Latasch ein Direktoriumsmitglied des Zentralrates der Juden im Ethikrat vertreten und mit dem Medizinethiker Ilhan Ilkilic ein Experte für islamische Medizinethik – Danke für diesen Hinweis an Lucie Veith!) – unabhängig von dieser Frage  besteht hier also Veränderungsbedarf…..

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Oliver Tolmein, 1961 in Köln geboren, wollte Berufsoffizier werden, hat es dann zum Regieassistenten gebracht, konnte seinen Lebensunterhalt als Journalist verdienen und wollte schließlich doch noch Jura studieren. Seit 1980 sympathisiert er mit der Behindertenbewegung. In der Debatte um Gentechnik, Sterbehilfe und Menschenversuche ist er seit über zwanzig Jahren engagiert und hat zu bioethischen Themen mehrere Bücher verfasst und Filme gedreht. Jetzt arbeitet er überwiegend als Rechtsanwalt in der von ihm in Hamburg mitbegründeten Kanzlei Menschen und Rechte und ist auf Medizin- und Behindertenrecht spezialisiert. Er ist Vater von Zwillings-Jungs und einer kleinen Tochter. Für das Feuilleton der FAZ schreibt er seit 2001.