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Endstation Altenheim – auch ein Abschied von der Selbstbestimmung

28.08.2012, 20:58 Uhr

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Das Altersheim ist für viele Menschen die Endstation – und es ist keine Endstation, die man sich wünscht. Viel mehr als Verwahrpflege ist für viele der Bewohnerinnen und Bewohner in den Standard-Einrichtungen nicht drin. Und trotzdem gelten die stationären Einrichtungen weitgehend als alternativlos. Besonders bitter kann es werden, wenn es die Heimbewohner an schweren, nicht mehr behandelbaren Krankheiten leiden und sie in die Sterbephase kommen: kaum eine Einrichtung ist in der Lage, hier die Bedingungen zu schaffen, die in vielen stationären Hospizen gang und gäbe sind. Zwar haben auch Heimbewohner Anspruch darauf, neue Leistungs-Angebote wahrzunehmen, wie beispielsweise die spezialisierte ambulante Palliativversorgung nach Paragraph 37b SGB V. Allein: In der Praxis ist das längst noch nicht angekommen. Angebote, die es aber in der Praxis nicht gibt, können von den Betroffenen nicht in Anspruch genommen werden – mit der Folge, dass alte Menschen, die sich irgendwann entschlossen haben, ins Heim zu gehen, am Lebensende oft schlechter versorgt werden, als Menschen, die es geschafft haben zu Hause zu bleiben und ihre Versorgung ambulant zu organisieren. Gerecht ist das nicht.

Jetzt haben der Deutsche Hospiz- und Palliativverband und die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin das Problem aufgegriffen und heute (am 28. August) in eienr Pressekonferenz eine adäquate Hospiz- und Palliativversorgung für hochbetagte Menschen schwerstkranke und sterbende Menschen im Pflegeheim gefordert. Im Rahmen der Pressekonferenz haben die Fachgesellschaft und der Verband auch ein 24 Seiten umfassendes Grundsatzpapier zum Thema vorgestellt. Das Thema ist angesichts der demografischen Entwicklung von hoher Brisanz, auch angesichts der hohen Zahl von älteren Menschen, die – auch aus Verzweiflung über ihre Lebenssituation und die unzureichende Versorgung – Suizid begehen oder begehen wollen.

Das Grundsatzpapier beschreibt die in den letzten Jahren eingeleitete Entwicklung und arbeitet dabei eine Reihe positiver Aspekte heraus, insbesondere sehen die Autoren, dass der Gedanke an eine Sterbekultur in Pflegeheimen kein Fremdkörper mehr ist und auch palliativpflegerische Versorgung zunehmend stattfindet.  Die dabei getroffenen Feststellungen wirken bisweilen sehr optimistisch ….irritierender erscheint aber die Perspektive, die das Grundsatzpapier eröffnet: die stationäre Versorgung wie wir sie derzeit kennen, deren Probleme evident sind, wird nicht in Frage gestellt – dabei zeigt sich, dass oftmals ambulante Versorgung, wenn sie mit ausreichend Zeit und Ressourcen ausgestattet ist, weitaus besser ein selbstbestimmtes Leben auch von Menschen mit hohem Versorgungsbedarf sicherstellen kann.

Auch bei den rechtlichen Regelungen gehen die Autoren des Grundsatzpapiers davon aus, dass sich am Status Quo nicht viel rütteln lässt. Das gilt insbesondere für das enorme Problem, dass Menschen, die in stationären Altenheimen leben derzeit praktisch keine Möglichkeit haben in ihrer letzten Lebensphase in einem stationären Hospiz versorgt zu werden. Das ist kein Problem, dass im Wortlaut der gesetzliche Regelung zementiert wurde, die Sperre ist in den Rahmenvereinbarungen zwischen den Krankenkassen und den Trägern und Verbänden der Hospize eingeschrieben. Während aber in den stationären Hospizen mit guten Gründen für die angemessene Versorgung Tagespflegesätze von 200 bis über 300 EUR am Tag berechnet werden, stehen den Altenpflegeheimen für Menschen mit hohem pflegerischen Versorgungsaufwand oftmals weniger als 80 EUR am Tag – dass in den Hospizen zudem in erheblichem Umfang Ehrenamtliche tätig sind und außerdem noch Spendengelder ermöglichen weitere Angebote zu machen verschärft die Diskrepanz in der letzten Lebensphase.

Aber darum geht es nicht alleine. Es erscheint schon seltsam, dass Altenpflegeheime durch Regelungen wie diese die Freiheitsräume ihrer Bewohnerinnen und Bewohner erheblich beschneiden, weil es im Allgemeinen weder einen Weg in eine (aufwändige) ambulante Versorgung gibt, noch einen Weg am Ende des Lebens in ein stationäres Hospiz: beides Konsequenzen, die Menschen zumeist nicht klar sind, wenn sie sich irgendwann entscheiden in eine Pflegeeinrichtung zu wechseln. Dass Menschen aber dieses Selbstbestimmungsrecht sich umzuentscheiden, einen neuen Weg zu gehen genommen wird, erscheint auch rechtlich bedenklich und zum Beispiel mit der Behindertenrechtskonvention nicht vereinbar. Hier hätte man sich von DGP und DPHV eine kritischere und auch deutlicher artikulierte Position gewünscht.

Ansonsten ist erfreulich, dass das Thema aufgegriffen wird, es wird aber auch deutlich, wie sehr wir bei diesem Problem noch ganz am Anfang einer gründlichen Debatte stehen.

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Oliver Tolmein, 1961 in Köln geboren, wollte Berufsoffizier werden, hat es dann zum Regieassistenten gebracht, konnte seinen Lebensunterhalt als Journalist verdienen und wollte schließlich doch noch Jura studieren. Seit 1980 sympathisiert er mit der Behindertenbewegung. In der Debatte um Gentechnik, Sterbehilfe und Menschenversuche ist er seit über zwanzig Jahren engagiert und hat zu bioethischen Themen mehrere Bücher verfasst und Filme gedreht. Jetzt arbeitet er überwiegend als Rechtsanwalt in der von ihm in Hamburg mitbegründeten Kanzlei Menschen und Rechte und ist auf Medizin- und Behindertenrecht spezialisiert. Er ist Vater von Zwillings-Jungs und einer kleinen Tochter. Für das Feuilleton der FAZ schreibt er seit 2001.