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Bekommen Privatpatienten schneller ein neues Organ?

04.09.2012, 11:04 Uhr

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Es gibt starke Hinweise darauf, Privatpatienten bei der Zuteilung von Organen bevorzugt werden. 6.9 Prozent der Patienten auf der Warteliste für eine neue Lunge sind privat versichert. Von denen, die das neue Organ bekommen, sind aber 9,5 Prozent privat versichert. Damit ist der Anteil der Privatpatienten, die das Organ erhalten,  erheblich höher als der Anteil auf der Warteliste. Bei Leber, Lunge und Pankreas liegen die Daten ähnlich. Nur bei Herz und Niere sind die Abweichungen nach oben niedriger (auch dort sind es aber stets Abweichungen nach oben).

Wer Antworten haben will, muss erst einmal eine Frage stellen.  Das klingt banal. Aber ist es nicht. Denn nur auf gute Fragen gibt es auch gute Antworten. Harald Terpe, selbst Mediziner und Gesundheitsexperte der Grünen, geht in Sache Transplantationsmedizin schon seit längerem eigene Wege. Nicht weil er  Gegner der Transplantationsmedizin wäre, aber weil er deren Praxis in Deutschland bedenklich findet. Dass es dafür gute Gründe gibt, wurde noch vor einem halben Jahr allerorten vehement bestritten. Mittlerweile gilt es genauso selbstverständlich als völlig anerkannt. Wie sich innerhalb weniger Monate dieser Perspektiv- und Ansichtswechsel vollzogen hat, ist eines der kleineren Geheimnisse der gegenwärtigen Debatte – kaum jemand spricht gerne darüber, wie vertrauensselig man Warnhinweise und konkrete Fakten in der Vergangenheit übergangen hat.

Gleichzeitig wird aber auch noch von den meisten Offiziellen insbesondere dem Bundesgesundheitsminister so getan, als ob sich alle Fragen problemlos beantworten und alle Missstände ohne an den Festen des Systems zu rütteln beseitigen ließen. Das dürfte aber kaum zutreffen.  

Die Frage nach dem Verhältnis von Privatversicherten auf der Wartelist zu privatversicherten Organempfängern, die Harald Terpe gestellt hat und auf die er auf der Basis von Zahlen von Eurotransplant erste Antworten gegeben konnte, zieht weitere drängende Fragen nach sich.

Die Kernfrage ist: Werden Privatpatienten als Organempfänger bevorzugt? Schon dass kein Gesundheitspolitiker diese Frage bislang niemand so klar und deutlich gestellt hat, ist an sich bemerkenswert. Kaum ein Zweig der Medizin ist angesichts der knappen Ressource Organe so klar und deutlich mit ökonomischen Überlegungen verknüpft, wie die Transplantationsmedizin. Selbst das Gesetz erkennt das an, indem es den Organhandel unter Strafe stellt. Was liegt näher, als Patienten mit denen mehr Geld verdient werden kann, bei der Organvergabe zu bevorzugen?

Das Gesundheitssystem in Deutschland hält sich viel auf den hohen Versorgungstandard gerade bei gesetzlich Versicherten – und tatsächlich gibt es einige Bereiche, in denen gesetzlich Versicherte mindestens gleich, wenn nicht sogar besser behandelt werden als Privatpatienten. Im Bereich der Transplantationsmedizin – und hier insbesondere bei den neueren und komplizierteren Transplantationsmethoden – stellt sich die Situation anders dar. Harald Terpe konnte nur mit Wartelistenzahlen von Mitte 2012 und Transplantationszahlen von 2011 arbeiten – andere Daten hat er nicht bekommen. Diese Daten müssen der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden – genauso übrigens wie die Angaben darüber, was Trasnplantationsmediziner und Kliniken mit Eingriffen bei Privatpatienten verdienen und was mit Eingriffen bei gesetzlich Versicherten. Dann wird es darum gehen müssen, wie das System der Transplantationsmedizin so umstrukturiert wird, dass ökonomische Anreize, die Fehlsteuerungen zur Folge haben können, möglichst konsequent ausgeschlossen werden. Die Öffentlichkeit will Angaben darüber haben, was für Patienten es sind, die hier als „nicht gesetzlich Versicherte“ in der Statistik geführt werden. Sind es alles privat Versicherte? Oder sind es Menschen, die gar keiner Versicherung bedürfen, weil sie ihre Behandlungskosten direkt selbst bezahlen? Sind die Daten in allen Kliniken ähnlich – oder gibt es hier Unterschiede? Die Debatte über die Transplantationsmedizin und ihre Verteilungskriterien, sowie über die Möglichkeiten Transparenz zu schaffen steht erst am Anfang. Sie sollte in der nächsten Zeit ein wenig an Tempo gewinnen……

 

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Oliver Tolmein, 1961 in Köln geboren, wollte Berufsoffizier werden, hat es dann zum Regieassistenten gebracht, konnte seinen Lebensunterhalt als Journalist verdienen und wollte schließlich doch noch Jura studieren. Seit 1980 sympathisiert er mit der Behindertenbewegung. In der Debatte um Gentechnik, Sterbehilfe und Menschenversuche ist er seit über zwanzig Jahren engagiert und hat zu bioethischen Themen mehrere Bücher verfasst und Filme gedreht. Jetzt arbeitet er überwiegend als Rechtsanwalt in der von ihm in Hamburg mitbegründeten Kanzlei Menschen und Rechte und ist auf Medizin- und Behindertenrecht spezialisiert. Er ist Vater von Zwillings-Jungs und einer kleinen Tochter. Für das Feuilleton der FAZ schreibt er seit 2001.