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Entscheidung für den Tod ohne Sterben: Spielfilm über assistierten Suizid und die Hinterbleibenden

06.10.2012, 23:16 Uhr

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Freitagabend, nach einem langen Tag im Büro und anstrengenden Verhandlungen über Kinderwagenreparaturen im Rahmen der Gewährleistung  ist es eigentlich eine erfreuliche Perspektive sich zu Hause am Rechner niederlassen und in aller Ruhe für arte als Experte chatten zu können. Ich hätte zwar auch gerne mal über Skitouren oder Kindererziehung gechattet, aber da gelten andere als Experten. Also assistierter Suizid. „Clara geht für immer“, der Film zum Chat, hat mich in den ersten Minuten zugegebenermaßen etwas beunruhigt, weil ich befürchtete, dass nach der klaren Entscheidung der Protagonistin, sich statt für eine weitere Chemotherapie für den assistierten Suizid in der Schweiz zu entscheiden, nun eigentlich wenig zu erzählen übrig blieb. Ich fand die Entscheidung auch wenig reflektiert und wollte mich schon innerlich über erzählerische Einseitigkeit aufregen, aber das war voreilig. Es war gerade die Qualität des Filmes, sich auf das zu konzentrieren, was nach der Entscheidung für den assistierten Suizid kommt und vor dessen tatsächlicher Umsetzung: die Auseinandersetzungen mit Freunden, die Konflikte in der Familie, das Unverständnis mancher, aber auch die Verzweiflung der Betroffenen, wenn sie sehen, dass das Leben nach ihrem Tod geplant wird.

Die Zentrale der Schweizer Sterbehilfeorganisation bildet in dem Film mit ihrer klinischen Sterilität und der unangreifbaren, aber nicht wirklich empathischen Freundlichkeit einen deutlichen Kontrapunkt zum bisweilen chaotisch wirkenden, meist exzentrischen, vor allem aber emotional wenig abgeklärten Leben von Clara und ihrem Klan. Folgerichtig entscheidet sie sich auch gegen eine Suizidbegleitung an einem ihr angebotenen Ort, sie sucht sich ein Chalet mitten in den Bergen und reist dort mit fast der ganzen Familie an. In der Schlußszene wird deutlich, dass der Frei-Tod, der so frei nicht ist, weil er im wesentlichen eine Flucht, vor dem Tod an der Krankheit ist, seinen Preis hat: Der abrupte Übergang vom Leben in den Tod unter Auslassung des Sterbeprozesses ist zumindest für die Zurückbleibenden etwas anderes, als die Begleitung eines allmählichen Sterbens, das seinen Abschluss nicht in einer Entscheidung, sondern im Tod findet. So wie der Hirntod als normativ gesetzter Todeszeitpunkt für die, die den durchbluteten, noch atmenden Hirntoten sehen, keine Evidenz hat, erscheint auch der begleitete Suizid nicht als „natürlicher“ Tod (so problematisch dieser Begriff in Zeiten der umfassenden medizinischen Begleitung von Menschen am Lebensende auch ist), sondern eben als vorzeitig, als zu diesem Zeitpunkt willkürlich gewählt. Claras Familie stützt sie dennoch – überwiegend – in ihrer Entscheidung. Vor allem gilt das für ihren Sohn. Man merkt ihm aber auch ein Leiden an der Entscheidung seiner Mutter an.

Passenderweise wird gerade jetzt auch in den Medien über die Studie der Psychiaterin Birgit Wagner bekannt, die mit ihrem Team 85 Familienmitglieder oder enge Freunde von Sterbewilligen befragte, die vor 14 bis 24 Monaten einem assistierten Suizid durch die Organisation Exit beigewohnt haben. Das Resultat der nun im Fachblatt «European Psychiatry» abgedruckten Studie: 20 Prozent hatten eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), von denen bei zwei Dritteln die Symptome voll ausgeprägt waren. 16 Prozent hatten eine Depression und 5 Prozent litten immer noch unter starker Trauer wie in den ersten Monaten (eine sogenannte komplexe Trauerreaktion). Dazu trug allerdings nicht nur die Situation der Sterbebegleitung selbst bei, sondern auch die forensische Untersuchung durch Polizei, Ärzte und Staatsanwaltschaft, die in der Schweiz jedem Freitod zwingend folgt.

„Clara geht für immer“ wird noch zweimal ausgestrahlt: Montag 15. Oktober 2012 um 14.40 Uhr Mittwoch 24. Oktober um 01.25 Uhr

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Oliver Tolmein, 1961 in Köln geboren, wollte Berufsoffizier werden, hat es dann zum Regieassistenten gebracht, konnte seinen Lebensunterhalt als Journalist verdienen und wollte schließlich doch noch Jura studieren. Seit 1980 sympathisiert er mit der Behindertenbewegung. In der Debatte um Gentechnik, Sterbehilfe und Menschenversuche ist er seit über zwanzig Jahren engagiert und hat zu bioethischen Themen mehrere Bücher verfasst und Filme gedreht. Jetzt arbeitet er überwiegend als Rechtsanwalt in der von ihm in Hamburg mitbegründeten Kanzlei Menschen und Rechte und ist auf Medizin- und Behindertenrecht spezialisiert. Er ist Vater von Zwillings-Jungs und einer kleinen Tochter. Für das Feuilleton der FAZ schreibt er seit 2001.