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Dieses Blog ist geschlossen. Es ist als Archiv über die biopolitische Debatte 2008 bis 2012 hier weiter einzusehen. Aktuelle Entwicklungen zum Thema

Was hat Suizidbegleitung mit Kriegseinsätzen zu tun? Eine empirische Studie über die Belastungen danach

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Knapp ein Jahr lang hat die Psychologin Birgit Wagner, zu dem Zeitpunkt noch an der Züricher Universitätsklinik, mit der Schweizer Sterbehilfe-Organisation...

Knapp ein Jahr lang hat die Psychologin Birgit Wagner, zu dem Zeitpunkt noch an der Züricher Universitätsklinik, mit der Schweizer Sterbehilfe-Organisation „Exit“ verhandelt, hat Fragen diskutiert, Forschungsansätze besprochen und schließlich ein Projekt entwickelt, das untersuchen sollte, ob sich die Trauer von Angehörigen nach einem begleiteten Suizid von der Trauer nach anderen Todesfällen unterscheidet. Die Zusammenarbeit mit „Exit“ war für die Psychologin, die mittlerweile an der Universittätswklinik Leipzig arbeitet und forscht, wichtig, denn nur die Sterbehilfeorganisationen verfügen in der Schweiz über die Informationen, die ermöglichen die Hinterbliebenen überhaupt ansprechen zu können. Birgit Wagner hat mit ihrem Team alle 146 assistierten Suizide an denen die schweizer Sterbehilfeorganisation „Exit“ im Zeitraum eines Jahres beteiligt war durchforstet. In 111 Fällen waren insgesamt 229 Verwandte oder gute Freunde dabei, als der geplante Suizid begangen wurde. Von diesen Freunden und Verwandten erklärten sich 85 bereit auf einen umfangreichen, standardisierten Fragebogen zu antworten.

Während „Dignitas“ auf eine entsprechende Anfrage von ihr überhaupt nicht reagiert hat, hat Wagner die Kommunikation mit „Exit“, die nach ihrer Auffassung sehr um Transparenz bemüht gewesen sei, in guter Erinnerung. „Exit“ selbst hat auf ihrer Homepage jetzt dagegen schweres Geschütz gegen die Studie aufgefahren: sie sei nicht repräsentativ, beziehe sich auf eine rein zufällige Auswahl von 85 Personen aus einem kurzen Zeitraum und eine Kontrollgruppe gebe es schon gar nicht. Der Grund für die scharfe Reaktion dürfte allerdings eher in den Ergebnissen der Studie von Wagner und ihrem Team zu suchen sein, als in der Sorge von „Exit“ um wissenschaftliche Standards empirischer Forschung. Die vor kurzem in der Printfassung der renommierten Zeitschrift „European Psychiatry“ auf Englisch veröffentlichte Studie kommt zu dem Ergebnis, dass nach der Begleitung eines assistierten Suizids 13 Prozent der Angehörigen und Freunde unter einer voll entwickelten posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) leiden, weitere 6,5 Prozent weisen einzelne Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung auf. Die Prävalenz von Depressionen beträgt 16 Prozent, bei 4,9 Prozent der Hinterbliebenen zeigen sich die Symptome einer krankheitswertigen komplizierten Trauer. Die Daten sind nicht einfach zu interpretieren, weil es kaum vergleichbare Studien gibt – angesichts des Engagements mit dem die Debatte über Sterbehilfe und Sterbebegleitung in den Industrienationen geführt wird, erstaunlich. „Aber über die Verarbeitung von Tod und Trauer wird überhaupt sehr wenig geforscht“ kommentiert Birgit Wagner, deren Studie auch nicht mit Drittmitteln gefördert wurde diesen Missstand.

Dass sie in ihrer Studie keine Vergleichsgruppe hast, liegt allerdings nicht am Mangel an Geld, sondern ist wesentlichen mit methodischen Problemen begründet. Es ist nicht so einfach eine Vergleichsgruppe zur Gruppe der Angehörigen zu bilden, die jemanden durch einen assistierten Suizid verloren haben. Immerhin litten mehr als ein Drittel der von „Exit“ 2005 und 2006 in den Suizid begleiteten Menschen an altersbedingten, nicht tödlich wirkenden Erkrankungen, so dass als Vergleichsgruppe nicht einfach Menschen gewählt werden konnten, die den zwangsläufigen Tod Nahestehender im Krankenhaus begleitet haben. Die von Wagner und ihrer Forschungsgruppe ermittelten Zahlen über Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit nach Begleitung eines Suizids liegen jedenfalls hinsichtlich der Depressionen und der posttraumatischen Belastungsstörungen deutlich über den Durchschnittswerten in der älteren Schweizer Bevölkerung. Für Birgit Wagner, die sich selbst eine neutrale Haltung gegenüber Sterbehilfe in so einem Rahmen attestiert, sagen die Zahlen allerdings nichts darüber aus, ob Suizidbeihilfe gut oder schlecht ist: „Wir wissen, dass auch bei Katastrophenhelfern oder Soldaten hohe Werte für Posttraumatische Belastungsstörungen vorliegen, ohne dass wir deswegen Armeeeinsätze oder Katastrophenhilfe abschaffen.“ In der Studie wird deswegen empfohlen, dass die Sterbehilfeorganisationen die Angehörigen ihrer Mitglieder besser über die möglichen Folgen einer Suizidbegleitung informieren und professionelle psychologische Betreuung für traumatische Folgen in der Zeit nach der Begleitung anbieten.

Die abwehrende Reaktion von „Exit“ jetzt ist in dieser Hinsicht allerdings kaum ermutigend. Die Sterbehelfer verlieren in ihrer Stellungnahme kein Wort darüber, dass sie selbst die Studie ermöglicht haben und deren Design seit langem kannten – offenbar ohne  die Studie für falsch konzipiert zu halten, sonst hätten sie ja kaum mitgewirkt. Stattdessen verweisen sie darauf, dass sich die – übrigens sehr vorsichtig formulierten – Ergebnisse der Studie nicht „mit den täglichen Erfahrungen von Exit“ deckten. Für künftige Forschungsprojekte könnte die Enttäuschung von „Exit“ über die Ergebnisse der Forschung zusätzliche Probleme bedeuten, was auch die Frage aufwirft, ob es sein kann, dass Sterbehilfeorganisationen in diesem Bereich durch ihre Bereitschaft oder Nicht-Bereitschaft zur Kooperation auch Forschung steuern können.

Dabei sehen Wagner und ihre Kollegen nicht nur die Sterbehelfer selbst in der Pflicht. Sie verlangen auch, dass das in der Schweiz für jeden Fall eines assistierten Suizids vorgeschriebene Todesermittlungsverfahren von Polizei und Justiz anders geführt wird. In einer begleitenden Studie stellten die Wissenschaftler nämlich fest, dass viele der Angehörigen und Freunde, die eine Suizid begleitet haben, mit ablehnenden Reaktionen der Ermittler konfrontiert wurden. Die Wissenschaftler strichen heraus, dass die Zahl der Probanden mit einer Depression signifikant höher war, wenn die Feststellung „der Umgang mit der Leiche war unverhältnismäßig“ getroffen wurde.

Sie können dieses Blog gerne kommentieren, Sie müssen sich dafür nicht anmelden.

Anmerkung in eigener Sache: Das Biopolitik-Blog auf faz.net wird zum Ende des Monats leider eingestellt werden. Auch das Archiv des Blogs (das mittlerweile 222 Einträge enthält) wird dann hier nicht mehr erreichbar sein. Ich hoffe aber, dass ich das Archiv retten und das Blog auf http://biopolitikblog.de/ weiterführen kann. Mehr dazu in den nächsten Tagen nochmal hier. 

 

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7 Lesermeinungen

  1. Ich würde es sehr begrüssen,...
    Ich würde es sehr begrüssen, wenn sie das Blog selber weiterführen würden und bedaure sehr, dass die FAZ dieses ausgezeichnete Blog nicht weiter betreiben möchte.
    Auf jeden Fall vielen Dank für Ihre ausgezeichneten Berichte.

  2. Aus der Sicht eine Psychiaters...
    Aus der Sicht eine Psychiaters mit Erfahrungen in der Suizid-Begleitung ist diese Studie einerseits zu begrüßen, andererseits die Rezeption zu kritisieren. Zu begrüßen ist, dass es eine wenigstens beginnende wissenschaftliche Beschäftigung mit den Konsequenzen begleiteter Suizide gibt, die endlich über die an den Realitäten vorbei gehende öffentliche Debatte in Deutschland hinaus führt. Problematisch sind einerseits methodische Aspekte der Studie, andererseits denkbare Konsequenzen, die aus der Studie gezogen werden können. Methodisch ist zu kritisieren, dass nur eine einmalige Untersuchung und nur mit Tests durchgeführt wurde. Die Studie ermöglicht keine Aussage dazu, innerhalb welcher Zeit sich die depressive Reaktion auch spontan bessert. In einer gesellschaftlichen Situation, in der Sterbehilfe-Organisationen nur unter Schwierigkeiten und Verbotsandrohung arbeiten können, ist eine sinnvolle Nachbetreuung Angehöriger nicht möglich. Problematisch ist besonders, wenn der/die Suizident/in eine Information der Angehörigen ausdrücklich verweigert. Nach dem Gebot der Schweigepflicht ist diese Maßgabe zu beachten und besonders im Falle ungenügender Fürsorge das uneingestandene Verschuldens-Empfinden gravierend. In Deutschland haben wir noch einen sehr langen Weg vor uns, bis wir dem Selbstbestimmungswillen einiger weniger sehr bewusst überlegender Menschen und darüber hinaus ihren Angehörigen eine angemessene Betreuung zusichern können. Das Tabuisieren und Verbieten der Suizid-Beihilfe schafft große Probleme. Wann wird unsere Gesellschaft vernünftig und liberal?

  3. Lieber Herr Tolmein,

    ein wie...
    Lieber Herr Tolmein,
    ein wie immer interessanter Artikel. Aber ihre Anmerkung in eigener Sache hat mich nun wirklich schockiert. Dass dieses Blog hier – inkl. Archiv – gelöscht wird, ist wirklich der reine Wahnsinn und bedauere ich zutiefst. Was haben sich die Verantwortlichen dabei gedacht, ebenso beim Löschen / Einstellen der anderen Blogs, wie ich eben lese? Ist den Entscheidungsträgern eigentlich wirklich klar was die mit einer Komplettlöschung anrichten? Ich glaube nicht, sonst würden sie das kaum machen.
    Selbst wenn ein Blog eingestellt wird könnte man wenigstens das Archiv belassen. Kostet nicht viel außer etwas Speicherplatz. Aber so werden hunderte Links ins Leere geleitet und sorgt damit sicher für mächtig verärgerte Nutzer.
    Ihr Blog Biopolitik war und ist so ziemlich einzigartig und habe ich hoch geschätzt. Haben Sie darin doch Inhalte aufgegriffen, die sonst kaum woanders zu finden waren. Ich hoffe, Sie können die Beiträge retten bis Ende des Monats oder haben diese noch in anderer Form, um sie schrittweise wieder zugänglich zu machen.
    Alles Gute und beste Grüße
    Ein treuer Blog Biopolitik-Leser und nun sehr verärgerter FAZ-Leser

  4. "Immerhin litten mehr als ein...
    „Immerhin litten mehr als ein Drittel der von „Exit“ 2005 und 2006 in den Suizid begleiteten Menschen an altersbedingten, nicht tödlich wirkenden Erkrankungen, so dass als Vergleichsgruppe nicht einfach Menschen gewählt werden konnten, die den zwangsläufigen Tod Nahestehender im Krankenhaus begleitet haben.“
    Warum nicht? Schließlich ist der natürliche Tod die zwangsläufige Alternative zum Freitod, auch wenn er bei Menschen mit nichttödlichen Krankheiten noch ein paar Jahre hätte warten können. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Darum ist es fair, die Belastung durch einen Suizid mit der Belastung durch einen natürlichen Tod zu vergleichen.
    Sollte sich herausstellen, dass Angehörige durch einen (begleiteten) Suizid stärker belastet werden als durch einen natürlichen Tod, dann bleibt die Frage, ob dieser Unterschied nicht wenigstens teilweise mit der noch immer vorhandenen Ächtung des Suizids zusammenhängt. Noch immer gilt der Freitod vielen als „Selbstmord“, wird als Familienschande empfunden. Es ist peinlicher, einen Angehörigen durch Suizid als durch einen natürlichen Tod zu verlieren. Diese ächtende, tabuisierende Haltung der Gesellschaft zum Freitod hat vermutlich ihren Anteil am Leid der Hinterbliebenden.

  5. Herr Dr. Joachim Friedrich...
    Herr Dr. Joachim Friedrich Spittler (Kommentar siehe oben) ist kein unbeschriebenes Blatt. Er hat Sterbehilfe-Gutachten erstellt in Herrn Roger Kuschs damaligem Sterbehilfeverein, der inzwischen verboten wurde. Zugleich hat Herr Dr. Spittler als Gutachter in vielen Fällen den sogenannten Hirntod attestiert als Voraussetzung für eine Organentnahme. Es gibt eine Verbindung zwischen Sterbehilfepropaganda und Organentnahme. 2005 hat es angefangen. Eine junge Frau wurde „auf eigenen Wunsch“ getötet. Ärzte haben sie euthanasiert und sofort ihre Organe entnommen. Das war in Belgien. In Holland werden laut AMTLICHER Statistik jeden Tag 18 Menschen durch Sterbehilfe getötet und zwar GEGEN IHREN WILLEN. Umgebracht werden mittels „Sterbehilfe“ für Organ-Nachschub, davon sind alle bedroht. Wenn hinterher dann doch einmal herauskommt, dass weder eine Zustimmung zur Organspende vorlag, noch die Absicht, sich durch Sterbehilfe töten zu lassen, macht das auch keinen mehr lebendig. Nähere Informationen im Internet unter: Mandat für Blutbad.

  6. @Spittler. Der pure Egoismus...
    @Spittler. Der pure Egoismus der Angehörigen. Am besten noch Erbschleicherischer Hintergrund. Mich kotzt die verlogenheit dieser Gesellschaft etwas von derartig an. Ich hab mich mal mit jemadem vom fach unterhalten. im prinzip geht es denen vom Personal darum daß ihnen von der Gesellschaft die Verantwortung übertragen wird sich die Gesellschaft aber ansonsten vom – was bei den bundeswehrmissionen / der frage des abschußes beim abfangen von durch flüchtlinge gekapretne maschien ein „robustes mandat“ genannt worden wäre – also daß man sich vorher exakt überlegt was für welchen fall wie zu handhaben und/oder erledigen ist – wie programmierer die in einem programm immer auch die einttrittswahrscheinlichkeit einer gegenteiligen bedingung annhemen und beachten müssen (was passiert wenn nein) – einen Dreck darum kümmert. Sinngemäß wir den Profis erklärt: Das ist jetzt euer Problem. in diesem Sinne wenn schon dann richtig ! Scheiß auf die Angehörigen. Die Farge warum man die Ursachen von „Frei“toden nicht juristisch/kriminalistisch aufarbeiten soll scheint mir interessanter.

  7. Eine Krankenschwester hat mir...
    Eine Krankenschwester hat mir mal in den 1990ern gesagt: Wenn die sich wirklich umbringen wollen sollen sie gefälligst nicht einen schnitt im 90^winkel zur ader sondern einen an einer schlagader entlang machen weil sich das nicht mehr nähen lässt! ich galube nicht daß ein suizident der mit der Welt abgeschlossen hat bock darauf aht noch irgendeienn seiner peiniger zu gesicht zu bekommen.

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