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Was hat Suizidbegleitung mit Kriegseinsätzen zu tun? Eine empirische Studie über die Belastungen danach

20.10.2012, 20:11 Uhr

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Knapp ein Jahr lang hat die Psychologin Birgit Wagner, zu dem Zeitpunkt noch an der Züricher Universitätsklinik, mit der Schweizer Sterbehilfe-Organisation „Exit” verhandelt, hat Fragen diskutiert, Forschungsansätze besprochen und schließlich ein Projekt entwickelt, das untersuchen sollte, ob sich die Trauer von Angehörigen nach einem begleiteten Suizid von der Trauer nach anderen Todesfällen unterscheidet. Die Zusammenarbeit mit „Exit” war für die Psychologin, die mittlerweile an der Universittätswklinik Leipzig arbeitet und forscht, wichtig, denn nur die Sterbehilfeorganisationen verfügen in der Schweiz über die Informationen, die ermöglichen die Hinterbliebenen überhaupt ansprechen zu können. Birgit Wagner hat mit ihrem Team alle 146 assistierten Suizide an denen die schweizer Sterbehilfeorganisation „Exit” im Zeitraum eines Jahres beteiligt war durchforstet. In 111 Fällen waren insgesamt 229 Verwandte oder gute Freunde dabei, als der geplante Suizid begangen wurde. Von diesen Freunden und Verwandten erklärten sich 85 bereit auf einen umfangreichen, standardisierten Fragebogen zu antworten.

Während „Dignitas” auf eine entsprechende Anfrage von ihr überhaupt nicht reagiert hat, hat Wagner die Kommunikation mit „Exit”, die nach ihrer Auffassung sehr um Transparenz bemüht gewesen sei, in guter Erinnerung. „Exit” selbst hat auf ihrer Homepage jetzt dagegen schweres Geschütz gegen die Studie aufgefahren: sie sei nicht repräsentativ, beziehe sich auf eine rein zufällige Auswahl von 85 Personen aus einem kurzen Zeitraum und eine Kontrollgruppe gebe es schon gar nicht. Der Grund für die scharfe Reaktion dürfte allerdings eher in den Ergebnissen der Studie von Wagner und ihrem Team zu suchen sein, als in der Sorge von „Exit” um wissenschaftliche Standards empirischer Forschung. Die vor kurzem in der Printfassung der renommierten Zeitschrift „European Psychiatry” auf Englisch veröffentlichte Studie kommt zu dem Ergebnis, dass nach der Begleitung eines assistierten Suizids 13 Prozent der Angehörigen und Freunde unter einer voll entwickelten posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) leiden, weitere 6,5 Prozent weisen einzelne Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung auf. Die Prävalenz von Depressionen beträgt 16 Prozent, bei 4,9 Prozent der Hinterbliebenen zeigen sich die Symptome einer krankheitswertigen komplizierten Trauer. Die Daten sind nicht einfach zu interpretieren, weil es kaum vergleichbare Studien gibt – angesichts des Engagements mit dem die Debatte über Sterbehilfe und Sterbebegleitung in den Industrienationen geführt wird, erstaunlich. “Aber über die Verarbeitung von Tod und Trauer wird überhaupt sehr wenig geforscht” kommentiert Birgit Wagner, deren Studie auch nicht mit Drittmitteln gefördert wurde diesen Missstand.

Dass sie in ihrer Studie keine Vergleichsgruppe hast, liegt allerdings nicht am Mangel an Geld, sondern ist wesentlichen mit methodischen Problemen begründet. Es ist nicht so einfach eine Vergleichsgruppe zur Gruppe der Angehörigen zu bilden, die jemanden durch einen assistierten Suizid verloren haben. Immerhin litten mehr als ein Drittel der von „Exit” 2005 und 2006 in den Suizid begleiteten Menschen an altersbedingten, nicht tödlich wirkenden Erkrankungen, so dass als Vergleichsgruppe nicht einfach Menschen gewählt werden konnten, die den zwangsläufigen Tod Nahestehender im Krankenhaus begleitet haben. Die von Wagner und ihrer Forschungsgruppe ermittelten Zahlen über Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit nach Begleitung eines Suizids liegen jedenfalls hinsichtlich der Depressionen und der posttraumatischen Belastungsstörungen deutlich über den Durchschnittswerten in der älteren Schweizer Bevölkerung. Für Birgit Wagner, die sich selbst eine neutrale Haltung gegenüber Sterbehilfe in so einem Rahmen attestiert, sagen die Zahlen allerdings nichts darüber aus, ob Suizidbeihilfe gut oder schlecht ist: „Wir wissen, dass auch bei Katastrophenhelfern oder Soldaten hohe Werte für Posttraumatische Belastungsstörungen vorliegen, ohne dass wir deswegen Armeeeinsätze oder Katastrophenhilfe abschaffen.” In der Studie wird deswegen empfohlen, dass die Sterbehilfeorganisationen die Angehörigen ihrer Mitglieder besser über die möglichen Folgen einer Suizidbegleitung informieren und professionelle psychologische Betreuung für traumatische Folgen in der Zeit nach der Begleitung anbieten.

Die abwehrende Reaktion von „Exit” jetzt ist in dieser Hinsicht allerdings kaum ermutigend. Die Sterbehelfer verlieren in ihrer Stellungnahme kein Wort darüber, dass sie selbst die Studie ermöglicht haben und deren Design seit langem kannten – offenbar ohne  die Studie für falsch konzipiert zu halten, sonst hätten sie ja kaum mitgewirkt. Stattdessen verweisen sie darauf, dass sich die – übrigens sehr vorsichtig formulierten – Ergebnisse der Studie nicht „mit den täglichen Erfahrungen von Exit” deckten. Für künftige Forschungsprojekte könnte die Enttäuschung von “Exit” über die Ergebnisse der Forschung zusätzliche Probleme bedeuten, was auch die Frage aufwirft, ob es sein kann, dass Sterbehilfeorganisationen in diesem Bereich durch ihre Bereitschaft oder Nicht-Bereitschaft zur Kooperation auch Forschung steuern können.

Dabei sehen Wagner und ihre Kollegen nicht nur die Sterbehelfer selbst in der Pflicht. Sie verlangen auch, dass das in der Schweiz für jeden Fall eines assistierten Suizids vorgeschriebene Todesermittlungsverfahren von Polizei und Justiz anders geführt wird. In einer begleitenden Studie stellten die Wissenschaftler nämlich fest, dass viele der Angehörigen und Freunde, die eine Suizid begleitet haben, mit ablehnenden Reaktionen der Ermittler konfrontiert wurden. Die Wissenschaftler strichen heraus, dass die Zahl der Probanden mit einer Depression signifikant höher war, wenn die Feststellung „der Umgang mit der Leiche war unverhältnismäßig” getroffen wurde.

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Anmerkung in eigener Sache: Das Biopolitik-Blog auf faz.net wird zum Ende des Monats leider eingestellt werden. Auch das Archiv des Blogs (das mittlerweile 222 Einträge enthält) wird dann hier nicht mehr erreichbar sein. Ich hoffe aber, dass ich das Archiv retten und das Blog auf http://biopolitikblog.de/ weiterführen kann. Mehr dazu in den nächsten Tagen nochmal hier. 

 

 
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Oliver Tolmein, 1961 in Köln geboren, wollte Berufsoffizier werden, hat es dann zum Regieassistenten gebracht, konnte seinen Lebensunterhalt als Journalist verdienen und wollte schließlich doch noch Jura studieren. Seit 1980 sympathisiert er mit der Behindertenbewegung. In der Debatte um Gentechnik, Sterbehilfe und Menschenversuche ist er seit über zwanzig Jahren engagiert und hat zu bioethischen Themen mehrere Bücher verfasst und Filme gedreht. Jetzt arbeitet er überwiegend als Rechtsanwalt in der von ihm in Hamburg mitbegründeten Kanzlei Menschen und Rechte und ist auf Medizin- und Behindertenrecht spezialisiert. Er ist Vater von Zwillings-Jungs und einer kleinen Tochter. Für das Feuilleton der FAZ schreibt er seit 2001.