Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Akademischer Mittelbau – die ewigen Pennäler

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Schüler und Studenten werden benotet. Das ist für die meisten heute selbstverständlich. Warum aber werden Dozenten, die Noten geben, selbst noch benotet – nämlich für ihre Promotion? Es gibt gute Gründe dagegen.

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„Setzen, sechs!“ An graue Vorzeiten erinnert dieser Ausruf, als das Drücken auf den Schulbänken noch wörtlich zu nehmen war. Und doch kennt jeder (Besucher von notenfreien Reformschulen ausgenommen) das bange Gefühl vor der Mitteilung von Zensuren. Nirgendwo ist die Bekanntgabe von bezifferten Leistungen wirkmächtiger als in der Schule. Lehrer entscheiden, ob eine Leistung für gut oder schlecht befunden wird, Schüler machen ihr Selbstwertgefühl und Ansehen von den Beurteilungen abhängig. Selbsteinschätzung und Fremdwahrnehmung prallen aufeinander. Wo Noten verteilt werden, droht Ärger.

Sie sind Teil des Leistungssystems Schule, das Schüler miteinander vergleicht. Wer eine schlechte Note bekommt, ist selten damit einverstanden, und zwar vor allem deshalb, weil es fast immer jemanden gibt, der eine bessere Note erhält. Der Wettbewerb, dem eine fast schon widernatürliche Relevanz beigemessen wird, hört mit dem Abitur nicht auf. Er findet im Studium seine systembedingte Fortsetzung, mit dem Unterschied, dass es keine erzwungene Klassengemeinschaft mehr gibt und der Vergleich mit anderen dadurch unbestimmter wird. Die Studenten müssen sich durch Leistungen qualifizieren, und ihre Qualifikation muss bewertet werden. Die Benotungen erfolgen hier zwar in anderen Abstufungen und in einem etwas kleineren Spektrum – eine schlechtere Note als vier gibt es nicht, vielmehr gilt die Leistung dann als durchgefallen –, aber das Notensystem bleibt erhalten.

Eine Ausprägung von Gerechtigkeit?

Absolute Gerechtigkeit gibt es bei Noten nie, als Orientierung und Leistungsindikator sind sie in der Schule und im Studium aber unverzichtbar, jedenfalls so lange der Auftrag der Notenvergabe ernst genommen, gründlich begutachtet und, wenn erforderlich, das ganze Notenspektrum ausgeschöpft wird. Die Inflation sehr guter Noten, die an Schulen und Hochschulen zunehmend zu beobachten ist, ist noch kein Argument gegen das Vergeben von Noten. Es werden ja auch nicht Seminare abgeschafft, nur weil jemand seine Lehre schlecht macht. Das Bewertungssystem ist ohnehin limitiert: Mit dem Beginn des Berufslebens ist die Phase vorbei, in der man für seine Leistungen benotet wird – wenn man nicht gerade in ein Unternehmen gerät, das seine Rückmeldungen oder Jahresgespräche in Form von Noten für die Arbeitnehmer ausdrückt. Wo das aber nicht der Fall ist, herrscht Notenfreiheit. Für viele gehört das zum Erwachsenwerden dazu.

© dpaGraduierte an der Universität von Cambridge

Wie aber verhält es sich mit denen, die nach dem Studium an der Universität bleiben? Wer promovieren will, muss mit der Dissertation eine weitere Qualifikationsschrift verfassen, die begutachtet werden muss. Nach bestehender Logik des Notensystems ist daraus der Schluss zu ziehen, da es sich um eine Prüfungsleistung handelt, auch die Promotion zu benoten. Und so wird es auch gehandhabt. Von non rite („nicht ausreichend“) bis summa cum laude („ausgezeichnet“) reicht die lateinische Notenskala, innerhalb derer Dissertationen begutachtet und Disputationen bewertet werden. Dabei ist die Note „summa“ längst keine Seltenheit mehr. Einen „Sog in Richtung immer besserer Noten“ kritisierten im Sommer deutsche Akademien, die auch generell eine sinkende Qualität der Promotionen in Deutschland beobachteten. Ähnlich wie die Studentenzahl steigt auch die Zahl der Promovenden, was oftmals mit geringeren inhaltlichen Anforderungen einhergeht. Ein Massenphänomen ist der Doktortitel zwar bei weitem nicht. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts waren im Zensus 2011 gerade einmal 1,4 Prozent der Bevölkerung zwischen 25 und 65 Jahren promoviert. Trotzdem hat die Promotion den Glanz des Außergewöhnlichen verloren. Ist dann nicht erst recht eine Benotung sinnvoll und, wie der Rechtswissenschaftlicher Ingo von Münch in seinem einschlägigen Buch über das Wesen der Promotion schreibt, „eine Ausprägung von Gerechtigkeit“, da sie Unterschiede zwischen guten und schlechten Leistungen sichtbar macht und dazu beiträgt, die Qualität von Promotionen zu gewährleisten?

Warum schielt hierbei keiner auf das angelsächsische Modell?

Nein, denn es gibt strukturelle Unterschiede zwischen dem Studium und der Promotion, die so gravierend sind, dass die Übertragung des einen auf das andere Qualifikationssystem zu Kurzschlüssen und Verzerrungen führt, die vor allem das Ansehen der Doktoranden betreffen. Eine Benotung suggeriert immer, dass die zu bewertenden Leistungen vergleichbar sind. Was bei Abschlussarbeiten im Studium schon schwierig sein kann, gerät im Fall von Dissertationen vollends aus den Fugen. Allein ein Blick auf Titel und Umfang der Hochschulschriften, die in der Datenbank der Deutschen Nationalbibliothek für die vergangenen zwei Jahren verzeichnet sind, verrät, dass von einer Vergleichbarkeit kaum die Rede sein kann: Das reicht von Titeln wie „Adoption von Ökostrom durch kleine und mittelständische Unternehmen in Deutschland“ mit einem Umfang von gerade einmal 49 Seiten über „Deine persönliche Glückswoche“ mit 233 Seiten oder „Zwischen Partizipation und Emigration: Muslime in Griechenland 1878–1897“ mit 459 Seiten bis zu „Verhaltensökonomik und Normativität“ mit sage und schreibe 1022 Seiten.

Es liegt auf der Hand, dass die enormen Niveauunterschiede – nicht nur zwischen verschiedenen Fächern, sondern auch innerhalb eines Fachs – schon bei der Themenwahl beginnen, was einheitliche Bewertungsmaßstäbe nahezu unmöglich macht. Wer ein überschaubares, wenig originelles Forschungsfeld wählt, hat es nicht schwer, alles richtig zu machen und die Bestnote zu erzielen. Das kann bei anspruchsvolleren Themen und Positionen, mit denen ein Promovend womöglich aneckt, schon ganz anders aussehen. Die Noten, die am Ende der Promotion stehen, spiegeln diese Differenzen aber nicht wider.

© dpaAbschied von den Noten – fliegende Barette vor dem Bonner Universitätsgebäude

Doch das ist noch nicht einmal das Entscheidende. Gravierender ist die Hierarchie, in die das Benotungssystem eingebettet ist. Wenn Doktoranden ihre Promotion abschließen, sind sie im Durchschnitt Anfang oder Mitte dreißig. Oftmals sind sie in den Lehrbetrieb eingebunden, übernehmen Verwaltungs- und Gremienarbeiten und sind als wissenschaftliche Mitarbeiter prüfungsberechtigt.  Sie sind, selbst wenn sie über ein Stipendium finanziert werden, erwachsene, vollwertige, selbständige Beschäftigte, die nicht mehr einer Anleitung bedürfen, als gingen sie noch zur Schule. Die Benotung suggeriert aber genau das: Der akademische Mittelbau ist dazu verdammt, nicht erwachsen zu werden. Die Doktoranden verharren im Status der Pennäler. Ihre Verantwortung, Qualifikation und Leistung steht in einer krassen Diskrepanz zu ihrem Status in der Universitätshierarchie, die noch immer geprägt ist von der dichotomen Vorstellung, es gäbe lediglich (weise) Ordinarien und (fleißige) Assistenten, die den Ordinarien zuarbeiten. Wäre es nicht endlich an der Zeit, diese feudalen Strukturen zu durchbrechen?

Die Benotung von Doktorarbeiten bürgt weder für Anspruch noch eine bessere Qualität. Trotz institutioneller Vorkehrungen wie externer Zweitgutachter, in seltenen Fällen auch Drittgutachter, Transparenz in den Promotionskommissionen und detaillierter Promotionsordnungen hat die Benotungspraxis einen ebenso beliebigen wie anachronistischen Status erreicht. Anders als im Studium kann sich außerdem jeder selbst ein Urteil von der Qualität einer Dissertation machen, da sie veröffentlicht werden muss und jedem frei zugänglich ist. Auch aus diesem Grund ist eine Benotung weniger zwingend. Das gilt umso mehr, als sie ohnehin an Aussagekraft verloren hat, weil die „Summas“ sich häufen, „magna cum laude“ zum Regelfall wird und nur noch selten „cum laude“ oder gar „non rite“ vergeben wird.

Erst bei Habilitationen, die viele vollenden, wenn sie schon die Hälfte ihres Lebens hinter sich haben, werden keine Noten mehr vergeben. Sie werden angenommen oder abgelehnt, so wie das im angelsächsischen Raum schon bei Dissertationen gehandhabt wird. Es wird an deutschen Universitäten so oft auf das angelsächsische Modell geschielt – warum ausgerechnet hier nicht? Könnte eine solche Praxis die Qualität von Promotionen nicht sogar erhöhen, insofern die Gefahr der Ablehnung bei nur zwei Optionen größer wird? Darüber sollten alle Verantwortlichen einmal nachdenken. Es ist an der Zeit, erwachsen zu werden.

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16 Lesermeinungen

  1. Benotung --- sehe ich als sekundäres Problem
    Vielmehr sehe ich zu oft qualitativ minderwertige Arbeiten, oftmals von Master – wenn nicht gar vom Bachelor – ‚hochgezogen‘, beim selben Betreuer.
    Und, das stimmt, der Betreuer bewertet letztenendes sich selbst, bzw. man prüft ringsum, ‚ich deine Studenten und du meine‘.

    Auf der anderen Seite wird immer noch sooo ein Riesenwert auf die ‚zwei Buchstaben‘ gelegt; als sei zwischen einem frisch promovierten Jungspund und einem ‚alten‘ Nicht-Promovierten mit 10 oder 20 Jahren Lehrerfahrung ein Unterschied zugunsten des Jüngeren auszumachen, obwohl es in den meisten Fällen umgekehrt ist.

  2. Amerika, Du hast es besser?
    Die Benotung von Promovenden ist fragwürdig, bevor aber alle wieder nach USA/UK schielen, sollte angemerkt werden, dass
    a) zumindest im englischen Hochschulsystem Promotionsschriften durchaus bewertet werden, dort aber mit den weniger hochtrabendenden Prädikaten „without corrections“, „with minor corrections“, „with major corrections“;
    b) dort bereits dadurch größere „Objektivität“ in der Promotionsleistung hergestellt wird, indem Betreuung und Prüfung in unterschiedliche Hände gelegt sind;
    c) die Benotung von Studienleistungen sogar noch kleinteiliger, nicht nur durch ein Notensystem, sondern durch ein darunter gelegtes Punktesystem von 0-100 (in der Praxis meist 40-80) erfolgt, das die Quantifizierbarkeit sämtlicher Elemente (Inhalt, Struktur, Argument, Sprache etc.) suggeriert.

  3. ERA
    Bei der Menge an Personen die ERA-Gespräche führen sollte man meinen das wäre bekannt. Demzufolge geht die Benotung ewig weiter.

    Die Infaltionäre Vergabe der Doktortitel ist ein bekanntes Problem – nicht nur das für mich das Ansehen der Mediziner seit langem verlorengegangen ist, seit ich erlebt habe wie ein Doktorand bei VW sogar betrogen hat und als Dank sogar eingestellt worden ist, weiß ich das dieser Titel nichts aussagt über die Leistungsfähigkeit des Titelträgers.

  4. In angelsächsichen Ländern ist nocht vieles anders, nicht immer besser
    In angelsächsichen Ländern werden Doktorarbeiten zwar nicht benotet, aber sehr wohl bewertet. Das erfolgt über Gutachten. Diese werden zunächst für die Arbeit erstellt, und je nach Universität sieht die der Kandidat auch. Zudem werden dann für jede weitere Bewerbung Gutachten geschrieben, in denen die Arbeiten oft recht differenziert bewertet werden. Das sind keine Noten, aber umso effizientere Bewertungen.

    Sicher ist es ein Vorteil, dass im angelsächsichen Bereich, zumindest in GB, immer ein externer Gutachter beteiligt ist, und der Betreuer nicht an der Prüfung teilnimmt. Das schafft deutlich mehr Objektivität.

    Die Entwertung des Doktorgrades ergibt sich in Deutschland aber nicht durch die Benotung, sondern durch Missbrauch in der Promotionspraxis. Dazu gehören die fast automatisch vergebenen medizinische Doktortitel, genauso wie die ‚Guttenberg-summas‘, wo politische Einflüsse eine Rolle spielen.

    Gerade in den angelsächsischen Ländern haben Promotionen aber eine viel entscheidendere Schwäche, die sich daraus ergibt, dass der Kandidat im Allgemeinen für die Leistung der Hochschule eine Gebühr bezahlt. Das führt natürlich dazu, dass schwache Arbeiten akzeptiert werden. Hingegen werden nur wenige Mediziner promoviert, und wenn dann meist mit ordentlichen Arbeiten.

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